Kann Mallorca für die Art Cologne werden, was Miami Beach für die Art Basel wurde? Der Schritt nach Florida gab der Schweizer Messe einst einen Push und erschloss ihr den US-Markt. Der Leiter der Kölner Kunstmesse Daniel Hug ist Amerikaner und hat Ähnliches im Sinn – mit der Tochtermesse Art Cologne Palma Mallorca.

WELT: Der Markt für Gegenwartskunst gilt als angespannt. Wie sehen Sie die Lage, Herr Hug?

Daniel Hug: Die Anspannung betrifft vorrangig den amerikanischen Kunstmarkt. Dort hat viel Spekulation stattgefunden. Das hat sich zum Glück wieder beruhigt. Ich glaube allerdings nicht, dass dieser spekulative Handel den deutschen Kunstmarkt in gleichem Maße betrifft.

WELT: Ist der deutsche Kunstmarkt vom internationalen Markt abgekoppelt?

Hug: Es gibt Überschneidungen, vor allem in Berlin. Dort ist die größte Galeriendichte Deutschlands, und viele Berliner Galerien haben zahlreiche amerikanische Kunden. Das spürt man dann besonders auf internationalen, globalen Kunstmessen.

WELT: Viele Galerien berichten von vorsichtigeren Käufern und längeren Entscheidungsprozessen. Wie war das Kaufverhalten auf der Art Cologne im November?

Hug: Mein Eindruck war, dass es für die meisten gut lief. Aber es gibt auf jeder Messe Galerien, die weniger gut verkaufen.

WELT: Wir sehen Rückzüge auch etablierter Galerien. Ist das Marktbereinigung oder Alarmsignal?

Hug: Ich empfinde die gegenwärtige Situation im Kunsthandel nicht als alarmierend. In jedem Markt gibt es Korrekturen, das ist normal. Der Übergang von den 1980er- zu den 1990er-Jahre war extrem – da hat der Kunstmarkt für drei, vier Jahre praktisch aufgehört zu existieren, und es wurden nur kleine Arbeiten verkauft. Das ist heute nicht der Fall.

WELT: Auf Kunstmessen spürt man dennoch eine gewisse Unruhe.

Hug: Das hat verschiedene Ursachen. Man spürt noch immer die Nachwirkungen jener Phase, in der stark spekuliert wurde. Viele Künstler konnten dieses hohe Preisniveau nicht halten, und viele Käufer haben Verluste gemacht. Der deutsche Kunstmarkt ist davon allerdings weniger betroffen. Hinzu kommt der Nahost-Konflikt. Ein großer Teil der Sammler in den USA ist jüdischer Abstammung. Als dann David Velasco, der damalige Chefredakteur des „Artforum“, diesen „Open Letter from the Art Community“ veröffentlichte …

WELT: In dem offenen Brief, der von Hunderten Mitgliedern der internationalen Kunstszene unterzeichnet wurde, wurde Israel ein Völkermord an den Palästinensern vorgeworfen und von Kulturinstitutionen Solidarität gefordert.

Hug: Danach fühlten sich viele dieser Sammler beleidigt und hatten wenig Lust, den Kunstmarkt weiter zu unterstützen. Und seit der Etablierung der Art Basel Paris reisen viele amerikanische Sammler zudem nicht mehr nach Basel, sondern nur noch nach Paris. Für viele Galerien ist es jedoch schwierig, immer mehr Messen zu bestreiten oder sich zwischen ihnen zu entscheiden. Die Standmiete auf der Art Basel ist zudem zwei- bis viermal so hoch wie in Köln. Das bedeutet deutlich mehr Risiko, wenn die Verkäufe ausbleiben.

WELT: Paris wird bleiben. Nun lockt die Golfregion Messeveranstalter und Kunsthändler.

Hug: Viele setzen große Hoffnungen auf neue Kundschaften im Nahen Osten. Die Londoner Messe Frieze eröffnet in Abu Dhabi, die Art Basel in Doha. Aber es gibt dort vielleicht eine Handvoll wirklich aktiver Sammler. Das reicht meiner Meinung nach nicht für eine Kunstmesse mit 150 Ausstellern.

WELT: Die Art Basel kannibalisiert mit Paris ihren Stammsitz in der Schweiz. Birgt das Chancen für die Art Cologne, immerhin die älteste Kunstmesse überhaupt?

Hug: Basel funktioniert als Standort weiterhin gut, aber es ist keine Selbstverständlichkeit mehr, dass man alles verkauft. Es kommt nach wie vor sehr viel Publikum aus ganz Europa – in diesem Ausmaß hat die Art Cologne das nicht. Der deutsche Kunstmarkt ist jedoch stabil. Deutsche Sammler kaufen aus Liebe zur Kunst, nicht aus kurzfristiger Gewinnerwartung. Das ist ein Vorteil einer regional oder national verankerten Messe. Wer ausschließlich vom globalen Publikum abhängt, läuft Gefahr, dass dieses plötzlich woanders hingeht. Wir haben unser Publikum: deutsche Sammler, viele Stammkunden. Dasselbe gilt für die Galerien. Leider kommen nur wenige Amerikaner, und wir erhalten wenig englischsprachige Presse. Wir sind vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz präsent. Dennoch bleibe ich optimistisch – der Kunstmarkt ist klein, aber resilient.

WELT: Am 9. April 2026 startet erstmals die Art Cologne Palma Mallorca mit 88 Galerien aus 20 Ländern. Warum gerade Palma – warum jetzt?

Hug: Wir wurden vor zweieinhalb Jahren vom Galerienverband Art Palma Contemporani angesprochen, der zwölf Mitglieder auf der Insel vertritt. Man hat uns eingeladen, dort eine Messe zu entwickeln.

WELT: Ein solches Experiment gab es schon einmal: 2007 fand im ehemaligen Flughafenterminal von Palma eine internationale Messe statt, die 2008 schon wieder eingestellt wurde.

Hug: Viele Galerien sagten damals, es sei eigentlich eine sehr gute Messe gewesen – aber imagemäßig falsch verortet. Vor zweieinhalb Jahren bin ich dann also nach Mallorca gereist, habe Galerien besucht, viele Gespräche geführt – mit Fran Reus, dem Präsidenten von Art Palma Contemporani, sowie mit den Galeristen Xavier Fiol und Maria Baró. Mallorca hat sich in diesen sechzehn, siebzehn Jahren enorm verändert. Allein die Existenz dieses Galerienverbands war für mich überraschend. Und die Vielfalt der Galerien – von Lundgren bis Florit/Florit – zeigt, dass es dort sowohl experimentelle als auch konzeptuelle Positionen gibt. Es gibt gute Institutionen, etwa das städtische Museum für zeitgenössische Kunst Es Baluard und die Fundació Pilar i Joan Miró. Wir erhalten Unterstützung von der Stadt Palma und der Inselregierung. Mallorca hat sich zudem vom Billigtourismus zur Luxusdestination entwickelt. Selbst die „New York Times“ berichtet mehrmals im Jahr über die Insel.

WELT: Welches Publikum erwarten Sie auf Mallorca?

Hug: Mallorca wird oft als das 17. Bundesland bezeichnet. Aber es sind nicht nur Deutsche dort, sondern auch viele Briten und sehr viele Skandinavier. Ich habe zudem überraschend viel amerikanisches Englisch gehört – das war 2008 nicht der Fall. Für mich ergibt das Projekt jetzt also viel mehr Sinn.

WELT: Was macht Sie so sicher?

Hug: Die Insel hat eine lange Kunstgeschichte – Joan Miró lebte dort, Miquel Barceló ist Mallorquiner, Roni Horn besitzt seit Langem ein Haus auf der Insel. Wahrscheinlich verfügt Mallorca über eine größere Kunstszene als die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Saudi-Arabien zusammen. Für eine gute Kunstmesse braucht man vor allem Galerien, Künstler und Sammler. Dieser Mikrokosmos ist entscheidend. Deshalb gibt es die Art Cologne in Köln – und deshalb kann sie auch in Palma funktionieren.

WELT: Wie wird die Art Cologne Palma Mallorca konkret aussehen?

Hug: Unser Standort, der Palau de Congressos, ist architektonisch beeindruckend. Wir bespielen das gesamte Gebäude: drei Stockwerke, eine große, zweigeschossige Halle, dazu Passagen und Treppenhäuser. Durch die Glasfassade blickt man auf das Mittelmeer. Im „Gran Saló“ gibt es Platz für größere Stände, gleichzeitig haben wir mit „Parkour“ ein offeneres Format für junge Galerien.

WELT: Was ist Ihr Angebot an die kleineren Galerien?

Hug: Wir haben überlegt, was eine Galerie mindestens braucht, um eine seriöse Präsentation zu zeigen: zehn Quadratmeter, zwei Meter Tiefe, fünf Meter Wand. Diese Stände sind relativ günstig – für junge Galerien liegt die Miete bei 3500 Euro. Für die größeren ist es ein bisschen teurer.

WELT: Wer hat den größten Stand?

Hug: Das ist Kewenig, die als Galerie in Berlin und schon lange auch in Palma beheimatet ist.

WELT: Der Kalender der Sammler ist bereits sehr dicht. Fürchten Sie keine Messemüdigkeit?

Hug: Der April ist ideal. Die Hochsaison beginnt auf Mallorca erst im Mai, wir sind in den Osterferien, wenn viele Sammler auf der Insel sind. Ich glaube auch an internationales Publikum. Wenn im April in New York noch Schnee liegt, ist es kein besonders schräger Gedanke zu einer Kunstmesse nach Palma zu fliegen.

WELT: Und was springt am Ende für Köln heraus?

Hug: Als die Art Basel vor über zwanzig Jahren nach Miami Beach ging, hielten viele das für ein Wagnis. Viele Amerikaner glaubten, Basel sei einfach eine Messe in Florida – die Stadt Basel kannten sie nicht. Das hat sich geändert.

WELT: Sie hoffen also, dass internationale Sammler, die im April nach Mallorca kommen, im grauen November auch nach Köln reisen?

Hug: Ich glaube an dieses Wachstum. Wir schaffen ein Modell mit zwei Messen unter der Marke Art Cologne. Palma ist eine Boutique-Messe mit experimentellem Charakter am Mittelmeer. Köln bleibt eine starke deutsche Messe. Beide sind lokal verankert, in starken Regionen. Sie können sich gegenseitig befruchten.

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