In der Oper kann man sich manchmal, wenn man die ersten – sagen wir – zehn Minuten überstanden hat, ein paar der folgenden Stunden sparen. Weil das Orchester im Graben vorm geschlossenen Vorhang ohne Worte, ohne das ganze folgende Gesinge kurz schon mal zusammengefasst hat, was da so im Folgenden passiert. Musikalisch vor allem.

Der „Tatort“ mag solche Ouvertüren auch gern. In denen streift die Kamera kurz an allen später Verdächtigen vorbei und an den Kommissaren, bis sie an der Leiche hängen bleibt. Erzählt zwischendurch im Schnelldurchlauf und ohne Dialoge, was da so im Folgenden passiert.

Die Ouvertüre zum neuen Bremer „Tatort“, dessen Plakatkunst schon am Titel sichtbar ist – „Wenn man nur einen retten könnte“ heißt er – sollte man in den Filmhochschulen dieser Republik als Schnittmusterbogen auf den Lehrplan setzen. Die Kamera streift durch alle Milieus, an beinahe allen Menschen vorbei, die sich im Folgenden ineinander verstricken und von der prekären Welt, deren Diagnose die Geschichte erstellt, zermahlen werden.

Der Himmel ist kalt über Bremen. Eine junge Frau, die zu dünn ist für ihre Größe, taumelt durch ihr Leben. Ohne Halt. Wirft Pillen ein. Versucht sich zu retten. Und – so ist das gern in Sonntagabendkrimis, die Sonntagabendkrimikonsumenten aus der ihnen fremden Welt der Gen Z und von ihrem Leben erzählen – einer sprechgesangt über allem, erzählt von all den kleinen Feuern, die in den folgenden anderthalb Stunden auflodern und zum Tod der jungen Frau – Anni heißt sie – führten.

Ohne Drogen hält man es nicht aus

„Feuer über Bremen“ heißt der Song. Colin singt ihn. Der ist Slam-Poet, genderfluid ist er auch. Und er wohnte mit Anni in einer WG. Die stammt von irgendeinem Reißbrett für klischeebelastete Drehbuchideen. Sie ist wunderbar ausgewogen besetzt und alle gehen sich mit einiger Perfektion an die Wäsche, hassen sich, steigern gegenseitig den Druck, den sie ohnehin von allen Seiten spüren, noch mehr. Halten es ohne Drogen nicht aus.

Zurück zum Song. Der handelt von einem Mädchen. Und das Feuer über Bremen ist das Feuer in ihr, das sie verbrennt, das keiner sehen kann, keiner sehen will. „Keiner, der sie rettet/ keiner, der sie versteht/ keiner, der sie fragt, wie es ihr wirklich geht. / Denn alle, die sie liebten/ sagen, sie ist ein Problem / der Druck von allen Seiten/ wie soll sie widerstehen/ MPH Blister hemmt das Gewitter/ aus vertrauten Menschen wurden/ fremde Gesichter / nichts ist mehr sicher.“ Es ist Annis Song.

Dann wird es Nacht über Bremen, und die Verlorenen tanzen. Und dann ist Anni tot. Sie liegt am Notausgang der Bar, unten an der Treppe. Das hätte sich vielleicht auch klischeeloser gestalten lassen können. Wobei es übrigens eines der kleineren Wunder dieses Falls ist, die Elisabeth Hermann und Christine Otto in ihrem Drehbuch hinbekommen haben – wie sie gemeinsam mit der geschmeidigen Inszenierung von Ziska Riemann all die Plakate mit Klischees drauf, die sie mutwillig an die Wände ihres Sonntagabendkrimis gehängt haben, allmählich abkratzen und eine menschlich überwiegend höchst anrührende Geschichte freilegen.

Die ihren Ausgang im Fall einer jungen Frau nahm, die ihrer Familie jahrelang vorlog, dass sie Jura studierte, obwohl sie, weil sie dem Druck nicht gewachsen war, längst abgebrochen hatte. Jeder in „Wenn man nur einen retten könnte“ hat eine Druckgeschichte. Die Studenten und die Erwachsenen. Die Mutter von Anni zum Beispiel, die mit Annis Schwester Betty in einer Villa wohnt, aber – weil sie die Schulden ihres Mannes geerbt hat – längst durchs soziale Netz gefallen ist und im Fallen unfähig ist, ihre Töchter zu halten. Catrin Striebeck macht aus ihr geradezu das Monument einer verkarsteten Frau. Und Betty (Mathilda Smidt), die sich zwar nicht an Ritalin und Magersucht verliert wie ihre Schwester, aber an einen schmierigen Luden, der sie und ihre Mutter mit Videos erpresst.

Kommissare gibt’s übrigens auch. Und das war ja in den vergangenen Jahren ein Problem. Weil die Kolleginnen Selb (Luise Wolfram) und Moormann (Jasna Fritzi Bauer) sich (und uns) eigentlich nur auf die Nerven gingen und schon vor lauter innerer Drehbuch-Verkrampfung bei Verfolgungsrennen zu Fuß jeden Verdächtigen hätten laufen lassen müssen. Das Problem lösen Hermann und Otto kurz nach der Ouvertüre sehr leichthändig, wenn auch ein bisschen mit der dramaturgischen Handkante in den Plot gehauen, indem sie Selb ins Krankenhaus befördern. Ein Zickenkrieg findet diesmal nicht statt.

Dafür erscheint aus nicht unbedingt sehr nachvollziehbaren Gründen ein KDD-Ermittler namens Patrice Schipper, der sich Prince nennen lässt (Tijan Njie) und Bremen durch seinen Charme beinahe in eine Wärmestube verwandelt. Der Kerl, der in allem das Gegenteil zu Moormann ist, schafft es sogar, der knochentrockenen Proleten-Schreckse ein schiefes, aber echtes Lächeln abzuringen (der Auslöser ist zwar ein randrassistisches Klischee, aber man freut sich trotzdem).

Hätte Potenzial, die Figur. Hätte Potenzial gehabt. Denn sie hat keine Zukunft an der Weser. Muss wohl gegen das elfte Gebot des Bremer „Tatort“ verstoßen haben: Du sollst keinen Prince neben unseren Königinnen haben.

Der „Tatort“ aus Bremen: „Wenn man nur einen retten könnte“ läuft am Sonntag, den 25. Januar um 20:15 Uhr im Ersten und der ARD-Mediathek

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