Wohlstand erkennt man, wenn sich Menschen über Semantik verkämpfen. Das Wort „kinderfrei“ ist so ein Wohlstandbegriff. Er ist eine Neuschöpfung, die Frauen verwenden, die nicht Mutter werden wollen. „Frei und nicht -los, weil es eine freie und selbstbestimmte Entscheidung dieser Frauen ist“ heißt es dann in Essays und rosa Sachbüchern, in denen sich Frauen ohne Kinderwunsch zu einer stigmatisierten, aber mutigen Minderheit zählen.
In diesen Artikeln, Büchern und Interviews ergeben sich immer wieder dieselben Argumentationsmuster: Kinderlosigkeit sei ein heroischer Akt der Selbstbestimmung gegen gesellschaftliche Erwartungen. Denn auch im 21. Jahrhundert werde die Frau in ein traditionelles Rollenbild gedrängt. Die kinderfreie Frau rebelliere erfolgreich gegen das, was die Gesellschaft von ihr erwarte. Die Gesellschaft ist in dieser Argumentation oft gleichbedeutend mit dem Patriarchat. Mit Jeanne-d’Arc-Pathos wird also auf Mac-Books dagegen angeschrieben.
Nun ist jede fünfte Frau in Deutschland kinderlos. Das sind immerhin 20 Prozent aller Frauen. Seit den 1980er-Jahren werden es immer mehr. Von einer bedrohten Minderheit zu sprechen, ist mehr Pose als zutreffende Beschreibung. Dabei sollte es selbstverständlich jeder Frau selbst überlassen sein, was sie mit ihrem Körper macht. Ob sie sich ihre Brüste aufpumpen lässt, sich ihre Augenbrauen zu dünnen Strichen zupft, von oben bis unten tätowiert, ein Kind austrägt oder eben nicht.
In allen großen Zeitungen gibt es Texte über oder von Frauen, die kein Bedürfnis haben, Mutter zu werden: bei WELT, Zeit, Spiegel, Freitag oder in der Modezeitschrift Elle. In diesen Texten wird seit Jahren die Kinderlosigkeit immer noch als Ausnahme erzählt, obwohl sie immerwährend medial gefeiert wird. Auch deshalb muss die Entscheidung moralisch überhöht werden, um Relevanz zu schaffen. Dabei attestieren sich diese Autorinnen für ihr öffentliches Seelenstriptease Mut.
Doch Mut ist das Gegenteil. Mutig ist, wer etwas tut, obwohl er dadurch Schaden nehmen könnte. Die einzige Konsequenz für solche Art der Geständnisse ist ein Buchvertrag und die Aufforderung, die eigenen Gedanken auf 200 Seiten zu strecken. Der angebliche Tabubruch der Kinderlosigkeit findet zuverlässig dort statt, wo er keinen sozialen Schaden mehr anrichtet, aber für Sichtbarkeit und Applaus sorgt: im Feuilleton, im Podcast, auf Podien oder auf pinkem Hardcover.
Mutig sind die Frauen, die offen von ihrem Kinderwunsch erzählen oder ihn nicht verheimlichen. Frauen mit Ende 20, Anfang 30 sprechen selbst mit Kolleginnen nur hinter vorgehaltener Hand, dass sie Mutter werden wollen. Zu groß sind die Nachteile, die sie in ihrer Karriere erleiden können. Über Kinderlosigkeit lässt sich leicht öffentlich sprechen, über Kinderwunsch eher nicht.
Kinderlosigkeit ist die Anbiederung an die Gegenwart
Es ist eine der goldenen Regeln für Frauen, niemals am Arbeitsplatz über die eigene Familienplanung zu sprechen. Insbesondere in Zeiten von befristeten Arbeitsverträgen und Abfindungsprogrammen ist es für Unternehmen einfach attraktiver, wenn eine Mitarbeiterin keine 12 Monate Mutterschutz plus Elternzeit nimmt und danach auf die vermessene Idee kommt, erstmal noch in Teilzeit weiterzuarbeiten.
Es ist ironisch, dass ausgerechnet das kinderlose Leben auffallend gut zu den Anforderungen des Marktes passt. Was als Befreiung erzählt wird, kann auch als Anpassung gesehen werden. Denn das kinderlose Leben ist kalkulierbarer und flexibler für Arbeitgeber. Mütter oder solche mit Mutterwunsch dagegen entziehen sich dem Markt für eine gewisse Zeit, manchmal auch ungeplant durch Krankschreibungen und Fehlgeburten. Die zur Schau gestellte Kinderlosigkeit ist die Anbiederung an die Gegenwart.
Wer die Biologie überwindet und sich wehrt, gilt als progressiv. Auch deshalb wird der schnöde Mutterwunsch oft als rückständig dargestellt. Der Mutterwunsch wird, anders als die Kinderlosigkeit, nicht als aktive Entscheidung gelesen, sondern als Rückfall. Die Frau ergibt sich der Natur. Und dass obwohl es mindestens genauso schwer ist, schwanger zu werden wie zu verhüten.
Kinderlosigkeit lässt sich öffentlich bekennen, ästhetisieren, moralisch aufladen. Der eigentliche Konflikt verläuft längst nicht mehr zwischen Müttern und Nicht-Müttern, sondern zwischen sichtbaren und unsichtbaren Entscheidungen.
Mutig ist ein Bekenntnis, das etwas kostet und nicht jenes, für das man zuverlässig belohnt wird.
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