Vor 60 Jahren läutete Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ eine neue Epoche des bundesrepublikanischen Theaters ein. Über Nacht schwangen sich der spätere Literaturnobelpreisträger und sein Uraufführungsregisseur, der jüngst verstorbene Claus Peymann, zur Avantgarde auf, die mit „Opas Theater“ aufräumte. Im beredten Schweigen der Nachkriegszeit wirkte „Publikumsbeschimpfung“ wie ein Fanfarenstoß der Studentenrevolte. Dass das Stück zugleich eine Liebeserklärung an das Theater war und die Paradoxien des postdramatischen Theaters vorwegnahm, zeigt die Regisseurin Claudia Bauer mit einer Neuinszenierung in Frankfurt. Nur fehlt etwas Entscheidendes.
Bauer lässt das Publikum zunächst demonstrativ außen vor. Der Vorhang öffnet sich und das Ensemble – Torsten Flassig, Anna Kubin, Sebastian Kuschmann, Katharina Linder, Lotte Schubert und Andreas Vögler, der kurzfristig erkrankte Arash Nayebbandi fehlt – zeigt sich mitten in der Probe. Man muss ein paar Mal genau hinhören, bis sich das Wort „Rotzlecker“ in verschiedensten Variationen herauskristallisiert, das man später dem Publikum entgegenzuschleudern gedenkt. Doch bevor die so ostentativ ignorierten Zuschauer unruhig werden könnten, setzt die Charmeoffensive ein. „Sie sind das Thema“, trällern die Schauspieler und lächeln in den mit Partylicht illuminierten Saal.
Was Handke vor 60 Jahren als Neuzentrierung der Bühnenperspektive vorgeschlagen hat, weg von der Bühne und hin zum Publikum, wiederholt sich heute täglich in der werbenden Industrie, in der Politik und der sonstigen Warenwelt. Längst steht nicht mehr das Produkt im Mittelpunkt, sondern immer der affektive Dienst am Kunden. Vom aufdringlich lächelnden Robert Habeck bis zum emotionalen Werbeclip für Super- oder Baumärkte geht es immer mehr um die Gefühlslage des wie bei Handke konsequent geduzten Publikums. Doch leider interessiert sich Bauers Inszenierung wenig dafür, wie sich das Unmittelbarkeitspathos der 68er-Generation heute zynisch verwirklicht hat.
Was Bauer an „Publikumsbeschimpfung“ herausarbeitet, ist die Musikalität der Textvorlage. Mirja Betzer gibt mit ihrem Dirigat den Rhythmus vor, die Musik von Peer Baierlein wird von Christopher Herrmann, Špela Mastnak und Ralf Merten eingespielt. Was der Text gewinnt, wenn man ihn singt? Erschließt sich nicht wirklich. Interessanter ist da schon, wie die Schauspieler den Aufstand gegen das Theater proben. „Diese Bretter bedeuten keine Welt“, skandieren sie im Chor. Doch je mehr man sich bemüht, alles Theaterhafte auf der Bühne abzuschütteln, um so unerbittlicher zeigt sich, dass ein aller Zeichenhaftigkeit entkleidetes Reales, mit dem die postmoderne Kunst so ihre Obsessionen pflegt, nicht zu haben ist. Es gibt nichts Echtes hinter der Verstellung.
Spielt man, dass man nicht spielt? Oder spielt man nicht mehr, dass man spielt? Je konsequenter der Text die unvermeidlichen und unauflöslichen Paradoxien des Theaters entfaltet, desto mehr wirkt selbst eine Größe des postmodernen Theaters wie der 2024 verstorbene René Pollesch fast wie eine Fußnote zu Handke. Und wenn sich die Schauspieler auf die gleichen in Reihen fixierten Sessel wie im Saal dem Publikum gegenübersetzen und dieses als „dramaturgischen Fehlgriff“ und „nicht lebensecht“ bezeichnen, ist man fast ein wenig konsterniert, wie treffend die Authentizitätsdiskurse von heute schon vor 60 Jahren auf der Bühne kamen. Also nichts Neues im Theater?
Dann wird zur Beschimpfung ausgeholt
Wie im Theatermuseum fühlt man sich dann tatsächlich, wenn zum Ende die Schauspieler wie in der Uraufführung von Peymann die Standmikrofone in Reihe aufstellen und zur titelgebenden Beschimpfung ausholen. Nicht ohne das Publikum rücksichtsvoll darauf vorzubereiten: Man müsse sich nicht gemeint oder betroffen fühlen. Ob Handke deswegen als Erfinder der Triggerwarnung gelten darf, wie die im Jahr der Uraufführung geborene Regisseurin vorab sagte? Handke betonte jedenfalls, nur Schimpfwörter zu verwenden, die auch das Publikum im Munde führt – von „rote Horden“ über „vaterlandlosen Gesellen“ und „Asoziale“ bis „Antidemokraten“, aber auch „Schlächter“ und „Genickschussspezialisten“. Heute wirkt das eher outdated.
Das Frankfurter Premierenpublikum nimmt die musikalisch aufgepeppte Tirade, die im Text selbst mit relativierendem Augenzwinkern als „Klangbild“ bezeichnet wird, ohne größere Regung hin. Ganz anders 1966, als den Schauspielern und dem Autor mit Beatles-Friseur demonstrativer Applaus und Buhrufe entgegenschlugen.
Doch fiel der Kritik schon damals auf, dass Handke nicht nur provozieren wollte, sondern ein Stück gegen das Theater und für das Theater geschrieben hatte – und ebenso für und gegen das Publikum. Die freche Kontaktaufnahme diente dem Versuch, eine neue Beziehung zwischen Bühne und Saal zu stiften. Das merkten nebenher auch die aktivistischen Linken, die Handke als Ästheten schmähten, der sich mehr für französischen Strukturalismus als deutsche Marxologie interessierte.
An die Beziehung mit dem Publikum wagt sich die Neuinszenierung 60 Jahre später nicht ran. Vielleicht hätte man wenigstens den Versuch wagen müssen, Handkes Text mit Sivan Ben Yishais 2023 uraufgeführter „Bühnenbeschimpfung“ zu kombinieren. So fehlt einfach etwas, an dem man sich reibt. Das kann man wiederum als Symptom der erschöpften Beziehungssimulation zwischen Bühne und Publikum verstehen. Eher wie eine in Routinen erstickte Ehe, die bloße Gewohnheit mit Erinnerungen an die Kennlernzeit vor 60 Jahren garniert. Eigentlich hat man sich nichts mehr zu sagen, der Text ist nur ein Klangbild. Kein Ausbruch, um die erloschene Liebe neu zu entfachen. Oder anders gesagt: Wer das Publikum nicht beschimpft, liebt es vielleicht auch nicht.
„Publikumsbeschimpfung“ läuft am Schauspiel Frankfurt.
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