Wer schon einmal nach digitaler Hilfe bei der Übersetzung von Texten gesucht hat, dürfte auch DeepL kennen, eines der am besten bewerteten Tools auf dem Markt. Als es 2017 herauskam, erklärten Experten den automatischen Übersetzer für besser als Google Translate oder auch den Microsoft Translator.

DeepL, das dem Nutzer in seiner kostenlosen Version erlaubt, 250 Wörter präzise zu übersetzen, ist vor allem in akademischen Kreisen beliebt. Entwickelt wurde DeepL vom Team des deutsch-polnischen Ingenieurs Jarek Kutylowski. Er nutzte dabei die Datenbank von Linguee sowie einen selbstentwickelten Algorithmus von neuronalen Netzen, die es geschafft haben, mit den ebenfalls sehr leistungsstarken Übersetzungen von Tools wie ChatGPT oder Gemini mitzuhalten.

Der Gründer und Generaldirektor von DeepL ist davon überzeugt, dass sein Unternehmen alle generativen KI-Modelle überleben wird – und zwar über die Spezialisierung.

WELT: DeepL ist bereits seit acht Jahren im Geschäft. Wie sehr hat sich alles seit der Anfangszeit verändert?

Jarek Kutylowski: Ich denke, dass sich die Qualität der KI-gestützten Übersetzungen im Laufe der Jahre ganz allgemein stark verbessert und damit die Bandbreite der Anwendungsmöglichkeiten vergrößert hat. Mittlerweile ist es auch für Unternehmen ausgesprochen nützlich. Anfangs half es einem beispielsweise bei der Übersetzung einer E-Mail oder einer Nachricht für einen Freund. Jetzt sind wir bereits in der Lage, juristische oder auch technische Dokumente zu übersetzen, und zwar in der notwendigen Qualität. Wir sind an einem Punkt angekommen, an dem wir uns mehr auf Anwendungsmöglichkeiten für Unternehmen konzentrieren, auf anspruchsvolle Übersetzungen, zu denen die automatischen Übersetzer früher einfach nicht in der Lage waren.

WELT: Was unterscheidet DeepL von anderen automatischen Übersetzern?

Kutylowski: Wir konzentrieren uns ganz und gar auf die KI-Forschung sowie auf die Entwicklung von Modellen, die speziell dafür entworfen wurden, die bestmögliche Qualität zu liefern. Wir haben interne Gruppen zusammengestellt, die sich mit den von ChatGPT und anderen unter dem Begriff LLM (Large Language Models) bekannten Modellen auseinandergesetzt haben, was wiederum die Qualität verbessert hat. Wir haben uns grundsätzlich darauf fokussiert, herauszufinden, welche Probleme beim Übersetzen auftauchen, und versucht zu garantieren, dass alles, was wir übersetzen, korrekt ist. Wir haben uns entschlossen, uns auf eine eher kleine, begrenzte Anzahl von Sprachen zu konzentrieren (anfangs waren es sieben, mittlerweile sind es 26, Anm. d. Red.), weil wir sichergehen wollten, dass wir alles richtig machen.

WELT: ChatGPT und Gemini, die beiden wichtigsten KI-Tools, übersetzen inzwischen wirklich gut. Wie kommt DeepL heute mit dieser Konkurrenz zurecht?

Kutylowski: Schon bevor die großen Universalversionen auftauchten, haben wir ganz bewusst damit begonnen, mehr und mehr an spezifischen Anwendungsfällen für Unternehmen zu arbeiten. Wir wollen kein Übersetzer für den Alltag sein, für ein Restaurant-Menü oder irgendein Straßenschild, sondern für komplexe Dokumente, für die eine sehr spezifische Terminologie sowie hohe Qualitätsstandards benötigt werden. Wir sind dann gut, wenn jedes Wort und jede Nuance in der Bedeutung, die man zu einem Text hinzufügt, tatsächlich einen großen Unterschied ausmachen. Und genau das hat es uns ermöglicht, immer wichtigere Kunden zu überzeugen, DeepL für kritische Apps innerhalb ihres Unternehmens zu nutzen.

WELT: Am schwierigsten ist es für Übersetzer, den genauen Sinn von Umgangssprache, lokalen Redewendungen und technischen Begriffen zu erfassen.

Kutylowski: Da gilt es vor allem, den Sinn zu übertragen, also zwar Wort für Wort zu übersetzen, gleichzeitig aber zu versuchen, den Satz in der Zielsprache neu zu formulieren. Auf diese Weise klingt es besser und die Redewendungen passen eher. Dabei besteht jedoch das Risiko, dass die exakte Bedeutung nicht komplett übermittelt wird. Wenn man beispielsweise an einem juristischen Dokument arbeitet, wird die entsprechende Version höchstwahrscheinlich eine etwas weniger flüssige, aber korrekte Übersetzung liefern. Geht es um einen Text aus dem Marketing-Bereich, wäre das Endresultat etwas freier, kreativer und nicht ganz so auf jedes exakte Detail bedacht.

WELT: Wie werden sich Ihrer Ansicht nach die automatischen Übersetzer in den kommenden fünf bis zehn Jahren entwickeln?

Kutylowski: Zunächst einmal glaube ich, dass wir beide Glück haben, weil wir Sprachen sprechen, die von den maschinellen Übersetzern sehr gut abgedeckt werden. Spanisch und Deutsch sind Spitzenreiter, was die Fähigkeiten dieser Übersetzer betrifft. Bei anderen Sprachen ist die Qualität noch nicht ganz so gut. Da gibt es noch einige Möglichkeiten, sie zu verbessern. Meine zweite Muttersprache ist Polnisch, da sind die Übersetzer noch nicht so gut. Aber sie werden immer besser. Die verschiedenen Versionen werden mehr Kontext einer Person oder eines Unternehmens erfassen und dann erkennen können, wofür die Übersetzung benötigt wird und welche Bedeutung man ihr dementsprechend geben muss.

Auch die individuelle Anpassung kann noch vertieft werden, daran arbeiten wir bereits. Jeder unserer Kunden hat andere Übersetzungsbedürfnisse und will, dass sich das Ergebnis an seine speziellen Probleme anpasst und einen eigenen Tonfall hat. Das wird es in drei Jahren sicherlich überall geben. Und was die Übersetzung von gesprochener Sprache betrifft, so sehen wir, dass sie immer mehr akzeptiert wird und immer mehr zunimmt. Menschen sind begeistert von der Möglichkeit, überall in ihrer eigenen Muttersprache reden zu können. Das wird in drei Jahren ganz normal sein, so wie es heute schon bei der Übersetzung von geschriebenen Texten der Fall ist.

Dieses Interview erschien zuerst in „El País“, wie WELT Mitglied der „Leading European Newspaper Alliance“ (LENA).

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.