Seit der Einführung des Smartphones im Jahr 2007 gibt es auch Smartphone-Hüllen. Eine große technische Revolution gilt es schließlich zu beschützen. Günstig ist so ein Handy ja nicht. Mal eben 1000 Euro einer bloßen Unachtsamkeit wegen zerbrechen, das will keiner. Aber natürlich waren Handy-Hüllen von vornherein auch ästhetische Inszenierung. Lustige Trends waren dabei. Die Crossbody-Bag zum Beispiel, die mit einem Riemen diagonal über den Körper getragen wird. Oder die pinke Kunststoff-Hülle mit Hasenohren, die an Playmates erinnerte. Überhaupt erwies sich der ganze Animalprint (Zebras und Löwen) als überraschend stabil.

Den markantesten und trendresistentesten Handyschutz liefern aber die Boomer. Seit mehr als einem Jahrzehnt kleiden sie ihr Smartphone in eine schusssichere Weste: die (zumeist braune) Handyhülle zum Aufklappen aus Leder. Wenn der ohrenbetäubende Klingelton auf einen Anruf hinweist, muss das Ding erst einmal auseinander gefaltet werden wie ein Umzugskarton. Dieser Karton hat praktischerweise auch einige Nebenfächer zu bieten, um Kreditkarte und Personalausweis zu verstauen. Er ist das Drei-in-eins-Duschgel der Digitalisierung: Handy, Geldbeutel und Identität in einem.

Die braune Lederhülle zum Aufklappen dient Boomern wohl als kultureller Kompromiss: Okay, wenn schon Smartphone, dann muss es seine bedrohliche Seele verlieren. Das ständige Aufblinken von WhatsApp-Nachrichten ist ja in der Tat beunruhigend. Man kommt zu gar nichts mehr, wenn der Bildschirm im Augenwinkel zuckt. Hinter der braunen Hülle muss die quengelnde Tochter kurz warten.

Aber das Leder lässt sich auch schön anfassen, das stimmt. Es erinnert an die gute, alte Brieftasche, die in der digitalisierten Welt auch so recht keinen Platz mehr hat. Mittlerweile werden an der Supermarktkasse ja selbst Kaugummis mit dem iPhone bezahlt. Ältere Damen und Herren hingegen, die in der Brieftasche nach Kleingeld wühlen, werden von der Gen Z mit genervten Blicken gegängelt.

Handyhüllen aus Leder erinnern zugleich frappierend an Aktentaschen, die ihre beste Zeit ebenso hinter sich haben. Ihr Auftrag war klar: Sie hatten fleißige Geschäftigkeit zu versinnbildlichen – so wie die lederne braunen Handyhülle nun der Selbstvergewisserung dient, das Smartphone vor allem für die Arbeit zu nutzen. Termine eintragen: ja. Candy Crush zocken: bitte nicht. Geht ja auch gar nicht, wenn man nur eine Hand freihat, weil die andere die gediegene Klappe in Schach halten muss.

Spricht man mit Boomern über ihre Hüllenwahl, kommt ein weiterer Aspekt zur Sprache: der Verdacht nämlich, das Smartphone könne ein noch zu zähmendes Wildtier sein. Steckt es hüllenlos in der Hosentasche, sei die Gefahr groß, dass es sich selbstständig macht und plötzlich spätabends einen Kollegen anruft und diesen zum unfreiwilligen Zeugen eines Abends auf dem Sofa macht.

Und sind das nicht alles gute Gründe? Gegen den Spott der Gen Z, die die Klapphülle als unverwechselbares Kennzeichen des Boomers ausgemacht hat, ist das gute alte Leder vermutlich imprägniert. Und „Klappe zu“ würde ja auch der Gen Z dann und wann nicht schaden.

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