Nils Wülker ist neben Till Brönner der bedeutendste Jazz-Trompeter Deutschlands. Der Wahl-Münchner zeichnet sich vor allem durch seinen Sinn für melodiös klug durchdachte Kompositionen aus, die er in der Vergangenheit an der Seite von Orchestern, HipHop-Produzenten oder Pop-Personal wie Jill Scott, Craig Armstrong oder Marteria veröffentlichte.

Für sein inzwischen 15. Album hat sich der 48-Jährige die US-Jazz-Spitzenkräfte Aaron Parks am Klavier, Linda May Han Oh am Kontrabass und Gregory Hutchinson an den Drums in die Berliner Hansa-Studios geholt. Auf „Zuversicht“ (Warner) führt das zu einer in anderen Bereichen so schmerzlich vermissten Vereinigung von europäischen und amerikanischen Tugenden.

WELT: Ihr neues Album heißt „Zuversicht“. Wie kam es zu dem Titel?

Nils Wülker: Es gibt da dieses Zitat von dem Dichter Samuel Ullman: „Du bist so jung wie deine Zuversicht, so alt wie deine Zweifel.“ Was mir daran gefällt: Es ist eine aktive Handlung, Zuversicht zu entwickeln. Man muss sich darum bemühen. Mir war klar, dass ich auch musikalisch so handeln muss, wenn ich das als Albumtitel ausrufe. Dass ich einfach die Zuversicht habe, dass gute Dinge entstehen.

WELT: Kam es deshalb zu der Entscheidung, zum ersten Mal seit Ihrem Debütalbum vor 24 Jahren wieder mit US-Jazzmusikern eine Platte aufzunehmen?

Wülker: Meine letzten Alben waren ja alle sehr durchstrukturiert. „Go“ lebte von Synthie- und Beat-Getüftel, das Orchesteralbum „Continuum“ war per se mit viel Kompositions- und Arrangementtätigkeit verbunden. Mein erster Gedanke war nicht, dass ich mit internationalen Stars spielen wollte. Sondern, dass mehr im Moment entsteht. Der nächste Gedanke war, dass ich mir dann auch die Leute hole, die in dieser Art des Musikmachens komplett sozialisiert sind. Bei Jazzmusikern in den USA gibt es diese Haltung: Hey, einfach mal machen!

WELT: Wie sind Sie auf Aaron Parks, Linda May Han Oh und Gregory Hutchinson gekommen?

Wülker: Ich habe mir die drei ausgesucht, weil ich bei ihnen eine Verbindung zu meiner Musik spürte. Aaron sagte über meine Stücke, dass es da keine Furcht davor gebe, mitten ins Herz zu zielen. Damit könne er viel anfangen. Allen dreien hatte ich mein Orchesteralbum und die Live-Einspielung mit dem Gitarristen Arne Jansen als Hörprobe geschickt und gefragt, ob sie sich eine gemeinsame Aufnahme und Tour vorstellen könnten. Alle haben daraufhin zugesagt, ohne vorher irgendwelche Businessdinge zu klären. Das war schon toll. Mit dem Schlagzeuger Gregory Hutchinson bin ich als Jazz-Novize in den 1990er-Jahren gewissermaßen aufgewachsen, er hat ja unter anderem bei Roy Hargrove und Joshua Redman gespielt. Ich bin schon mit einer anderen Aufregung ins Studio gegangen als sonst.

WELT: Glauben Sie, dass das deutsche Wort „Zuversicht“ eine ähnliche Karriere im Sprachschatz der USA machen könnte wie „Kindergarten“ oder „Gemutlichkeit“?

Wülker: Sollte sich „Zuversicht“ in den USA durchsetzen, wäre das sicherlich eine schönere Bereicherung der Sprache als der Begriff „Blitzkrieg“. Als ich mal als Schüler in den USA war, kannte da übrigens auch jeder den Ausdruck „Fahrvergnügen“, wegen dieser VW-Werbung aus Deutschland. Aaron, Linda und Greg fanden es super, dass das Album einen deutschen Titel hat. Für die war das total logisch. Ich hatte da ein anderes Bewusstsein, weil im Jazz nun mal das Englische die dominierende Sprache ist. Und wenn ich mir meine Streamingzahlen so anschaue, dann ist es so, dass knapp ein Drittel meiner Streams aus Deutschland kommen. Der Rest ist international, viel aus den USA und Japan. Es war schon eine kleine Hürde für mich, einem meiner Alben zum ersten Mal einen deutschen Titel zu geben.

WELT: Was gibt Ihnen Zuversicht in diesen Zeiten?

Wülker: Jeder, der sich nicht an der allgegenwärtigen Polarisierung beteiligt, macht mir Mut. Mit Maximalkonfrontation und Verachtung funktionieren Debatten einfach nicht. Man muss den eigenen Radar auf das lenken, was positiv ist und sich auf die Bereiche konzentrieren, in denen man etwas bewirken kann. Nicht umsonst heißt das erste Stück des Albums „All Hands On Deck“ – „Alle Mann an Deck!“ Wir sind gerade nicht in der Situation, dass sich alle passiv zurücklehnen können.

WELT: Wie zuversichtlich sind die amerikanischen Kollegen?

Wülker: Die sind mental richtig angegriffen von der politischen Situation in den USA. Auch in Hinsicht auf die Midterm-Wahlen sind sie sehr skeptisch. Sie glauben nicht unbedingt, dass die Wahlen noch so stattfinden, wie man das gewohnt ist. Von Aaron war es eine bewusste Entscheidung, nach Europa zu ziehen, nach Lissabon. Greg lebt in Rom.

WELT: Sie sind leidenschaftlicher Bergsteiger. Wie nah ist Ihnen der Tod von Laura Dahlmeier gegangen?

Wülker: Das hat mich wirklich sehr betroffen gemacht. In meinem Kletterer-Freundeskreis sind einige Leute, die mit ihr befreundet und häufiger auf Tour waren. Es ist ein schwieriges Thema. Sicher, Zuhausebleiben ist weniger riskant. Andererseits gibt mir das Bergsteigen wahnsinnig viel. Die Berge werfen einen auf sich selbst zurück. Sie sind für mich Ausgleich, aber auch Inspirationsquelle. So finden die Bergerlebnisse auch wieder den Weg in meine Musik. Ich witzel immer: Ich war schon öfter auf den Titeln von Bergsport-Magazinen als von Musik-Magazinen. Was nicht an meiner Kletterqualität liegt, sondern an meinem leider verstorbenen Freund Ralf Gantzhorn, einem großartigen Bergfotografen, mit dem ich viel unterwegs war. Ich bin mal durch Zufall auf der Titelseite von „The Alpinist“, dem „Time Magazine“ des Bergsports, gelandet. Ralf hatte da ein tolles Foto gemacht, als wir La Meije in Frankreich überschritten haben.

WELT: Im vergangenen Oktober starb Klaus Doldinger, der immer von Ihnen geschwärmt hat. Was verbindet Sie mit ihm?

Wülker: Ich erinnere mich noch gut an unser erstes Treffen, da habe ich noch in Berlin gelebt und hatte einen Auftritt im Jazzclub Quasimodo. Da saß Klaus im Publikum. Er meinte: „Ich hab ein paar Mal über dich gelesen und dachte, das muss ich mir doch mal anhören!“ Später hat er mich bei seinen Konzerten öfter auf die Bühne geholt, etwa an seinem 80. Geburtstag in Düsseldorf. Er war jemand, der ehrliches Interesse an jüngeren Musikern hatte. Der neugierig auf das war, was nachkommt. Es gibt ja so ältere Typen, die – überspitzt formuliert – sagen: Wir haben es am besten gemacht, und was um Himmelswillen veranstaltet ihr denn da? Klaus war jemand, der fand: Wir hatten es zu unserer Zeit ja auch viel einfacher. Alles war Neuland, das man beackern konnte. Und das Business war auch leichter früher. Ich habe da eine Ermutigung gespürt, meinen eigenen Weg zu verfolgen. Dafür bin ich ihm sehr dankbar.

Nils Wülker: „Zuversicht“ (Warner). Tournee im April u. a. am 19.4. in Dresden, 20.4. in München, 28.4. in Berlin, 30.4. in Hamburg

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