Es ist anzunehmen, dass Gitta Connemann den Shitstorm nicht hat kommen sehen, den sie mit ihrer Forderung nach einer Beschränkung der „Lifestyle-Teilzeit“ losgetreten hat. Denn schließlich hatte die Chefin der Mittelstandsvereinigung der CDU ja gerade nicht die Arbeitnehmer im Visier, die sich neben ihrem Beruf um kleine Kinder oder pflegebedürftige Angehörige kümmern, sondern die, die das Recht auf Teilzeitarbeit als Einladung zur Optimierung ihrer Work-Life-Balance verstehen. In der Debatte, die auf den zugegeben provokant formulierten Vorstoß folgte, wurde all das fröhlich vermischt.
Dass es nun aber ausgerechnet die Mütter sind, die wieder mal ihr Fett wegbekommen, muss man erst mal hinbekommen. Unter dem Titel „Darauf einen Caffè Latte“ meint die Autorin Mirna Funk den wahren Grund für die Aufregung gefunden zu haben: Die Frauen hätten einfach „keinen Bock“, dass ihnen jemand ihre „Lifestyle-Teilzeit“ wegnimmt. „Weil Cupcakes vor dem Ringlicht backen, Tulpen setzen und mit den Freundinnen Latte trinken eben doch auch sehr bequem ist.“ Really?
Zugegeben, der hier zitierte Satz ist der polemischste Teil in Funks Suada. Daneben führt sie viele richtige und wichtige Argumente für die finanzielle Autonomie von Frauen an. Weniger Arbeitszeit bedeutet weniger Einkommen, weniger Aufstiegschancen, weniger Rentenansprüche. Und, ja, vielleicht auch weniger Verhandlungsmacht in der Beziehung.
Aber ist die Reduzierung der Arbeitszeit, wenn Kinder zu betreuen sind, wirklich Auswuchs eines gesellschaftlichen Systems, das Frauen bewusst in ihren traditionellen Rollenmustern gefangen hält? Und wenn das so wäre, was ist dann mit der wachsenden Zahl der jungen Paare, die sich die Erziehung ihrer Kinder teilen und dafür beide im Job zurückstecken?
Der Hinweis darauf, dass es „ja schließlich Kinderbetreuung gibt“, wirkt da jedenfalls wie Hohn. Natürlich ist eine verlässliche Kinderbetreuung eine notwendige Voraussetzung, überhaupt arbeiten zu gehen. Viele Familien, vor allem auf dem westdeutschen Land, träumen heute noch davon. Der vierjährige Sohn der Kollegin aus dem Schwarzwalddorf ist gerade einmal bis Mittag betreut, am Nachmittag wechseln sich Vater, Mutter und Großeltern ab, um die wackelige „Work-Life-Balance“ der Familie aufrechtzuerhalten. Und die beiden haben nur ein Kind.
Erstklässlerin wartet sehnsüchtig darauf, abgeholt zu werden
Andere berichten aus ihrer Rushhour-des-Lebens-Phase vor allem von Hektik, Erschöpfung und dem permanenten Gefühl der Unzulänglichkeit. Im Büro motzen die Kollegen, wenn man (bei 80 Prozent Teilzeit!) anderthalb Stunden früher geht als der Rest und angeblich so viel Arbeit liegengeblieben ist. In der Kita sitzt derweil das kleine Kind schon in Hut und Mantel in der Garderobe. Im Schulhort wartet die müde Erstklässlerin sehnsüchtig darauf, abgeholt zu werden. Und der Einkauf will schließlich auch noch gemacht werden. Das Gute ist, dass die Kinder arbeitender Eltern (oder Alleinerziehenden) früh selbstständig sind. Doch nicht wenige dieser Eltern bekommen später von ihrem herangewachsenen Nachwuchs den dezenten Hinweis, die Zeit des Alleinseins habe sich doch häufig sehr gedehnt. No offense, Mama.
Womit wir beim Kern des Themas sind. Kinder brauchen Zeit und Zuwendung, und zwar (auch) von ihren Eltern. Familien brauchen Gelegenheiten zum Gespräch, in Ruhe, nicht nur in den eingetakteten Zeitfenstern mit „Quality Time“. Teilzeitmütter und -väter gibt es nicht. Elternschaft ist eine Lebensentscheidung, die unglaubliches Glück bringt, aber auch viel Kraft kostet. Und für die man Opfer bringt, zwangsläufig. Oft auch, was die „Karriere“ angeht, die ja sowieso nicht jeder macht. (Die meisten Menschen haben einfach einen Beruf.)
Natürlich, da hat Mirna Funk recht, könnten die meisten Menschen, die aus familiären Gründen eine Zeitlang Teilzeit arbeiten, irgendwann zurück auf Vollzeit gehen. Das würde allerdings voraussetzen, dass die Unternehmen ihnen das dann auch anbieten. Häufig genug fahren die nämlich ganz gut mit den reduzierten Verträgen. Immerhin knapp fünf Prozent der Teilzeitbeschäftigten gibt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes ausdrücklich an, gerne Vollzeit arbeiten zu wollen, aber keine geeignete Stelle zu finden.
Knapp 28 Prozent arbeiten Teilzeit, weil sie es ausdrücklich so wünschen – auch ohne familiäre Sorgepflichten. Das sind die, die Connemann wahrscheinlich mit ihrem Wort von der „Lifestyle-Teilzeit“ meinte. Auch Mütter mit inzwischen herangewachsenen Kindern dürften darunter sein, die nach Jahren der Doppelbelastung mal etwas für sich tun wollen. Und wenn es der Latte mit den Freundinnen ist.
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