Die bitterste Erkenntnis vorweg: Ich wäre ein furchtbar anstrengender Insasse. Das habe ich schon nach wenigen Minuten hinter Gittern gemerkt. Der Schwarztee, den mir der Justizbeamte brachte, war mir zu dünn; eigentlich wollte ich auch lieber Kaffee. „Den haben wir hier nicht“, brummte der Beamte; er erwartete wohl Dankbarkeit für den Tee. Die wollte ich ihm aber nicht schenken, unser Verhältnis war da schon gestört. Ich habe das in Kauf genommen, weil ich sicher war, in wenigen Stunden wieder rauszukommen.

Für alles andere war die ganze Sache auch viel zu lächerlich. Ich war Zeuge einer Schubserei. Noch einmal: ZEUGE EINER SCHUBSEREI. Und landete dafür ein volles Jahr später in einer Zelle. Also zugegeben, nicht direkt dafür, sondern weil ich einen Gerichtstermin verpeilt habe. Daran hat die Justiz jedoch auch ihren Anteil. Der Termin wurde mehrfach verschoben und dann muss ich unterbewusst gedacht haben: Nun gut, so spannend war die kleine Schubserei auch wieder nicht – Verfahren gerne einstellen! Ein Mann schubste einen anderen im Bus, ich ging dazwischen, der Schubser lief weg, ich ihm hinterher, die Polizei ist gekommen. Hätte ich gewusst, dass ich dafür ein Jahr später mein Kopf durch Gitterstäbe strecken muss, um Justizbeamten beim Rauchen im Innenhof zuzusehen, hätte ich bei der Bus-Schubserei vielleicht lieber weggeschaut.

Aber Wegschauen ist natürlich keine Option, auch Briefe sollte man öffnen – vor allem die gelben. Weil ich das nicht gemacht habe, klingelten montagmorgens um 07:45 Uhr drei Polizisten an meiner Tür. „Sie müssen nun mitkommen ins Gericht. Sie wissen, worum es geht?“ Ja, ich hatte mittlerweile so eine Ahnung. Missachtung einer gerichtlichen Anordnung? Einer der Polizisten stellte den Fuß in die Tür und forderte mich auf, mir eine Hose anzuziehen. Wegen meiner Koffeinsucht fragte ich noch, ob ich einen Espresso trinken dürfe. Weil er mies gelaunt murrte, machte ich es heimlich.

Die Polizeifahrt zum Amtsgericht Tiergarten verlief ohne große Vorkommnisse, flüssiger Straßenverkehr. Hier ging ich noch davon aus, mich einfach vor den Gerichtssaal setzen zu dürfen, um dort zu warten. Fluchtgefahr sah ich bei mir eher nicht, ich war ja Zeuge einer Schubserei. Es kam anders. Ich wurde in einen miefigen Trakt geführt, penibel genau abgetastet. Mir wurde alles abgenommen, Tasche, Börse, auch mein Handy. Da dämmerte mir, dass ich eingeschlossen werden könnte. „Sind ja nur ein paar Stunden“, sagte der tätowierte Beamte. Aber er sagte es nicht liebevoll-väterlich, er sagte es abgestumpft als ein Arbeitnehmer, der sich Gefühle abtrainieren musste. Immerhin durfte ich Snus, die Nikotinbeutel, in die Zelle mitnehmen.

„Jeder, der hier sein muss: Es ist ein schlimmer Ort“

So eine Zelle ist ein lebensfeindlicher Ort, an dem alte Gewissheiten schnell schwinden. Zwei Stunden zuvor war es mir noch selbstverständlich gewesen, anzurufen, wen ich will, zu trinken und zu essen, was ich will, und, sollte mir danach sein, ein paar Kilometer zu joggen. Doch eine Drei-Quadratmeter-Zelle verengt auch das Herz, das nun Panik schob.

Ich dachte an Insassen, die eine halbe Ewigkeit sehnsüchtig durch die Gitterstäbe starren müssen, weil sie sich vielleicht nur eine Millisekunde nicht im Griff hatten und vorher ehrenhafte Bürger waren. Natürlich dachte ich auch an Meursault, die Hauptfigur von Camus in „Der Fremde“, der in einem Moment der Verwirrung einen Araber am Strand erschießt: „Mir wurde klar, dass ich das Gleichgewicht des Tages zerstört hatte, die außergewöhnliche Stille eines Strandes, an dem ich glücklich gewesen war. Da habe ich noch viermal auf einen leblosen Körper geschossen, in den die Kugeln eindrangen, ohne dass man es ihm ansah. Und es war wie vier kurze Schläge, mit denen ich an das Tor des Unglücks hämmerte“, sagt Meursault, der dafür zum Tode verurteilt wird.

Schon sehr theatralisch von mir, einen Todgeweihten zu zitieren, wenn ich doch nur kurz einsitzen musste. Aber das machen eben Gitterstäbe mit einem, ich bitte um Verzeihung.

Ich rief den Justizbeamten durch harte Schläge an die Tür, um zur Toilette geführt zu werden. Ich musste gar nicht, aber ich wollte. Ich spähte das Fenster in der Toilette aus, um zu prüfen, ob ich flüchten könnte. Das Ergebnis: eher nicht, verriegelt. Dann wurde mir klar, dass ich gar nicht darunter litt, hier zu sein. Ich litt nur darunter, nicht woanders sein zu können.

Nach dem Toilettengang arbeitete ich weiter am Mindset eines Inhaftierten, der durch Quengeleien zu kleinen Zugeständnissen kommen will. Dem Justizbeamten konnte ich Notizbuch und Stift abringen, um die Kritzeleien an der Zellenwand abzuschreiben: „Jeder, der hier sein muss: Es ist ein schlimmer Ort“, stand an der Wand. Andere Inhaftierte waren lockerer und hinterließen ihren Instagram-Namen an der Tapete. Natürlich bin ich ihnen gefolgt; eine Antwort steht noch aus. Dann gab der Kugelschreiber seinen Geist auf und mein kleines Aufbegehren ging zu Ende. Ich hockte mich auf den Boden und hoffte jede Minute darauf, den dicken Schlüsselbund des Justizbeamten klimpern zu hören. Nach drei Stunden war es so weit.

Die Verhandlung selbst war so unspektakulär wie die Schubserei. Der Richter rügte mich, die letzte Verhandlung verpasst zu haben, und ich rügte ihn für fehlendes Fingerspitzengefühl in meinem Fall. Danach mochten wir uns. Das Ordnungsgeld und die Polizeifahrt in die Zelle muss ich trotzdem bezahlen. Dass zufällig eine Ex-Kommilitonin mit ihrer Schulklasse in den Zuschauerrängen des Gerichtsaals saß – in Sorge, einen Freund an die Kriminalität verloren zu haben – machte den Morgen endgültig absurd.

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