Alle hacken auf Ole Nymoen herum. Das ist dieser 28-jährige Podcaster mit dem sympathischen Dackelblick. Mithilfe eines Buches über Influencer empfahl er sich vor einer Weile selbst als solcher. Seither reist Nymoen von Talkshow zu Talkshow wie früher der Kaiser von Pfalz zu Pfalz. Einen Kaiser erkannte man einst am Reichsapfel. Einen Influencer erkennt man heute an sogenannten Hot Takes. Das sind Meinungen, die sich bei näherem Hinsehen als ganz und gar unhaltbar erweisen.

Aber gerade wegen ihrer haarsträubenden Idiotie sind sie diskutabel, ja, haben sogar philosophische Tendenzen. Nicht umsonst war der Idiot in der Antike ein geschätztes Mitglied der Gesellschaft. Gerade indem er sich ins diskursive Abseits stellte, eröffnete er interessante Perspektiven auf Dinge, die zu Unrecht als selbstverständlich galten.

Nymoens Hot Take: Er würde niemals in einem Krieg zur Verteidigung Deutschlands kämpfen, auch dann nicht, wenn ein Feind drohte, alles zu vernichten, was uns gut und teuer ist. Er hat sogar ein Buch darüber geschrieben. Putzig, dass es immer noch Bücher sind, die einen talkshowfähig machen, obwohl für ausgiebige Lektüre niemand mehr die Aufmerksamkeitsspanne aufbringen kann. Das macht aber nichts, wenn man in der Titelfindung so begabt ist wie Nymoen. Sein Buch heißt „Warum ich niemals für mein Land kämpfen würde“, und genau das steht auch drin

Bei einem Auftritt bei Markus Lanz hatte der Autor jetzt Gelegenheit, die anwesenden Wehrdienstfans zu trollen. Besonders der Moderator zeigte sich entsetzt über Nymoens feige Verantwortungslosigkeit. Lanz selbst hat in der glorreichen italienischen Armee gedient. Fassungslosigkeit auch, als Nymoen erklärt, er würde lieber kapitulieren, als in einem Kriegsgebiet zu leben. Ein 17-jähriger Bellizist widerspricht scharf: „Was du sagst, macht keinen Sinn! Du sprichst immer davon, dass der Staat dir alles aufzwingt. Aber genau das würde in einem autokratischen Staat passieren. Wäre dir das lieber?“

Klingt überzeugend, ist es aber nicht. Nymoens Argumentation ist formal sauber: „Ich habe in Deutschland die Freiheit zu sagen“, erklärt er, „dass ich nicht in den Krieg möchte. Die Konsequenz ist aber, dass ich trotzdem in den Krieg gehen muss, wenn der Staat seine Souveränität schützen möchte und das bestimmt.“ Aus dieser Freiheit folge also „nichts“, so Nymoen. „In Russland darf ich meine Meinung nicht sagen und muss auch in den Krieg.“

Nymoen pocht auf seine Freiheit – selbst wenn die Folgen seiner Handlungen dieser Freiheit die Grundlage entziehen. Er ist ein Idealist der Freiheit. Wer sich hingegen in den pragmatischen Zwang schickt, die Freiheit gegen den eigenen Willen zu verteidigen, hat dadurch das Ideal der Freiheit verraten. Das mag nicht praktikabel sein, Philosophen aber wären begeistert.

Wie man stattdessen mit gutem Beispiel hinterherläuft, zeigte kürzlich Joschka Fischer. „Als junger Mann würde ich mich freiwillig melden“, erklärte der 77-Jährige dem Berliner „Tagesspiegel“ mutig. Vor 25 Jahren hat der „Spiegel“ mal nachgeforscht, was der junge Joschka dazu gesagt hätte. Damals, im Jahr 2001, war Fischer Außenminister der Regierung Schröder. Das war seine Reaktion auf die Anfrage des Magazins: Tagelang gab er keine Antwort, nur um schließlich mitteilen zu lassen, dass er keine Auskunft gibt. Die Pressestelle des Außenministeriums regte zudem an, ob man das nicht „auf anderen Wegen“ herausfinden könne.

Am nötigen Gewaltpotenzial dürfte es dem einstigen Straßenkämpfer der berüchtigten Frankfurter Putzgruppe nicht gemangelt haben. Falls Putin eines Tages angreift, steht Fischer jedenfalls bereit. Auch wenn er es auf der anderen Seite womöglich mit Gerhard Schröder zu tun bekommt.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.