Wenn man die kürzlich in den Kinos angelaufene Dokumentation „Triegel trifft Cranach. Malen im Widerstreit der Zeiten“ gesehen hat, betritt man Michael Triegels Wohnung in Leipzig mit einem Déjà-vu-Effekt: Die altmeisterlichen Gemälde in Goldrahmen leuchten wie im Film. Nur die Tochter sitzt heute nicht als Madonna Modell, und auch Triegels Frau, die Künstlerin Christine Salzmann, verabschiedet sich in ihren Vormittag. Maler und Reporter nehmen Platz auf dem Sofa vor der Bücherwand. Wir werden heute nicht über die Triegels an den Wänden sprechen, unser Blick gilt dem weißen Spickzettel, auf dem der Künstler zehn Bücher fürs Leben mit sauberer Füllfeder-Handschrift notiert hat.

Gelesen, sagt der 1968 in Erfurt geborene Triegel, habe er seit seiner Kindheit viel, doch sein Elternhaus sei kein großbürgerlicher Kulturhaushalt gewesen: „Mein Vater war Bauingenieur, meine Mutter Feinmechanikerin“. Triegel hat an der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst bei Arno Rink studiert, zum bekannten Maler wurde er durch seine Werke für den kirchlichen Kontext. Er hat Bischöfe und Papst Benedikt XVI. porträtiert, kann Altarbilder wie ein alter Meister. Sein berühmtestes und umstrittenstes Werk schuf er für den Naumburger Dom.

Kunst, Wunder und Italien ziehen sich wie ein roter Faden durch die Bücher, denen sich Triegel besonders verbunden fühlt, und die er hier nachstehend mit seinen Worten erläutert:

Ernst Ullmann: Albrecht Dürer

Dieser reich illustrierte Band, fast nur eine Broschüre, erschien in der DDR in zig Auflagen und Variationen. Es war die erste Künstlerbiografie, die ich gelesen habe. Als ich darin Dürers „Selbstbildnis als Dreizehnjähriger“ sah, eine Silberstiftzeichnung aus dem Jahr 1484, wurde mir klar, dass auch alte Meister einmal ganz jung angefangen haben.

Goethe: Italienische Reise

Goethes „Italienische Reise“ habe ich schon als Jugendlicher gelesen. Als ich ab der 9. Klasse als Teil der Fördergruppe Malen und Zeichnen an Sommerkursen im Landschaftspark Tiefurt teilnahm, wurde der ganze Kosmos Weimar für mich zu einer Art Italienersatz. Ins echte Italien zu reisen, war DDR-Bürgern ja nicht vergönnt.

Von Goethes „Italienischer Reise“ habe ich gelernt, dass es kein Verstehen ohne Anschauung gibt. Wie er im Konkreten etwas Allgemeingültiges spiegelt, bewundere ich bei ihm immer wieder, ganz egal, ob er eine Straßenszene in Neapel schildert oder Raffaels „Transfiguration“. Wenn Goethe ein Kunstwerk beschreibt, macht er immer etwas Größeres daraus. Er erklärt nicht nur das Werk, ordnet es in seine Epoche oder in die Biografie des Künstlers ein, sondern er spiegelt dabei immer auch sich selbst. So haben seine Betrachtungen etwas ungeheuer Menschliches.

Dante: Göttliche Komödie

Auch Dante habe ich relativ früh gelesen, zu Abiturzeiten vielleicht. Für eine der besten deutschen Übersetzungen der „Divina Commedia“ halte ich die von Philalethes, also dem sächsischen König Johann. Sie ist lesbar und trotzdem relativ genau. Vielleicht muss ich bei meiner Faszination für Dante einmal grundsätzlich auf meine DDR-Jugend zurückkommen. Ich glaube ja, Kunst entsteht oft aus Mangel, aus Kompensation oder Sublimierung von Verdrängtem oder nicht Möglichem. Und zu DDR-Zeiten war es so, dass du vieles nicht gekriegt hast.

Auch bei bestimmten Büchern warst du stolz, wenn du sie dir durch irgendein Antiquariat überhaupt zulegen konntest, so den Dante, den ich lesen wollte, weil mein großes Interesse für die Renaissance erwacht war und ich wusste, dass ein Künstler wie Michelangelo die „Divina Commedia“ quasi auswendig konnte. Natürlich habe ich beim ersten Lesen vieles nicht kapiert. An Dantes Werk interessant ist die Verquickung von Christlichem, heidnisch Antikem und Persönlichem. Alles beginnt mit dieser Verirrung im Wald. Dann führt ihn Vergil durch Hölle und Purgatorium – und später Beatrice, die unerreichbare Geliebte, durchs Paradies.

Und was für eine Hybris auch: Ich, Dante, bin berufen, durch die Sphären des Jenseits zu wandern, wo die Sünder schmoren und die Heiligen sitzen. In der Pose entspricht das dem berühmten Selbstporträt von Dürer in Christuspose. Es stimmt, dass viele Künstler, von Botticelli über Gustave Doré bis William Blake, Dante illustriert haben. Vielleicht interessiert es mich irgendwann auch. Noch bin ich dazu nicht bereit.

Jorge Luis Borges: Erzählungen

Borges las ich erstmals 1988, während meiner Armee-Zeit in Bad Frankenhausen, wo Werner Tübke damals gerade sein Bauernkriegspanorama vollendete. Ich entdeckte Borges in der Bibliothek der Kaserne – vor allem seine lapidare Sprache, die das Wunderbare im Einfachen und Alltäglichen beschreibt. Am Fuß einer Kellertreppe erscheint plötzlich dieses Aleph, das einem einen Einblick in die ganze Welt geben soll. Eine merkwürdige Konstellation. Auch das Parodistische bei Borges spricht mich an. Als blinder Bibliothekar wurde Borges seinerseits parodiert, etwa als Mönch Jorge von Burgos in Umberto Ecos „Der Name der Rose“.

Thomas Mann: Der Zauberberg

Am „Zauberberg“ habe ich gelernt, wie unterschiedlich Lektüren zu unterschiedlichen Lebenszeiten ausfallen können. Das erste Mal habe ich den Roman sehr jung gelesen, 1986 oder so, und dann mehrmals wieder. Bei der dritten Lektüre habe ich das Buch weggelegt, weil ich Thomas Mann nicht mehr ertragen konnte, diese ironischen Brechungen, die Hyperstilisierung der Sprache. Doch voriges Jahr, als ich in Davos war, habe ich gedacht: Hier liest du es noch mal! Und nun habe ich das Gefühl gehabt: Das ist das Buch der Stunde, nicht nur wegen des Kapitels „Die große Gereiztheit“.

Settembrini zum Beispiel war für mich als Jugendlicher der Humanist per se, bei ihm dachte ich immer: Das willst und vertrittst du doch eigentlich auch. Bei meiner jüngsten Lektüre habe ich festgestellt: An Settembrini ist auch viel Gelaber, Lippenbekenntnis, so etwas wie Petitionen oder Protestbriefe unterschreiben. Haltung zeigen, aber nicht in die Tat kommen. Die Fähigkeit zum Handeln ist Settembrini, so las ich den „Zauberberg“ zuletzt, völlig abhandengekommen. Kunst, so meine Ableitung, kann sich nicht in Rhetorik und Haltung erschöpfen, im Gegenteil. Ich bin ja ein gebranntes Kind der DDR und glaube, dass Kunst, wenn sie vor allem Haltung ausstellen will, ihren Kunstaspekt verliert. Sie läuft Gefahr, eine Ideologie zu bebildern.

Hugo von Hofmannsthal: Gesammelte Werke

Er war mir schon immer sehr wichtig – so wichtig, dass ich vor Jahren sogar in die Hofmannsthal-Gesellschaft eingetreten bin. Ich verehre ihn sehr, habe nicht nur seine Werkausgabe im Regal, sondern vor Jahren auch ein Autograf erworben. 1906 hat Hofmannsthal eine Lesung in Prag gehalten, und da ist ein Groupie zu ihm hin, mit diesem vorbereiteten Blatt, mit dem Foto und hat sich just aus meinem Lieblingsgedicht die Schlussverse aufschreiben lassen „Und mein Teil ist mehr als dieses Lebens / Schlanke Flamme oder schmale Leier“. Hugo von Hofmannsthal, Prag, den 16.1.1906.

Das Gedicht heißt „Manche freilich …“ und beginnt so: „Manche freilich müssen drunten sterben, / Wo die schweren Ruder der Schiffe streifen, / Andre wohnen bei dem Steuer droben, / Kennen Vogelflug und die Länder der Sterne.“ Es geht um die Verbindung von unten und oben, um das Schwere und das Leichte, das Irdische und das Metaphysische, und wie beides sich beeinflusst.

Ich könnte bei Hofmannsthal noch vieles loben, etwa sein Libretto für die Oper „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss. Und ich würde bis heute vieles aus Hofmannsthals Aufsatz „Das Schrifttum als geistiger Raum der Nation“ unterschreiben. In dem Essay von 1927 prägt er die ambivalente Wendung von der Konservativen Revolution. Das wird heute oft gleichgesetzt mit Armin Mohler, der 1950 ein gleichnamiges Buch veröffentlichte. Doch Hofmannsthal setzte auf das Konservative als Korrektiv zum Revolutionären. Ich möchte Begriffe wie „konservativ“ oder „Abendland“ nicht aufgeben nur aus Angst, dass sie von den „falschen Leuten“ okkupiert oder von anderen inkriminiert sein könnten. Nein, das Abendland ist meine Welt.

Ovid: Metamorphosen

Durch meine andauernde Beschäftigung mit alten Meistern habe ich mir immer wieder gewisse Fragen nach Formen, Farben und Figurenkonstellationen gestellt: So viele Geschichten kehren zeitlos wieder, nur in neuem Gewand! Schon früh habe ich deshalb die Bibel und antike Stoffe gelesen. „Odyssee“, „Ilias“ und Ovid. In Ovids „Metamorphosen“ habe ich mich am ehesten selbst gefunden, gerade wegen der Idee permanenter Verwandlung. Alles bezieht sich aufeinander, alles ist ineinander verwandelbar – durch Kunst.

Irgendwann, noch während meines Studiums, hatte ich meine erste kleine Grafik-Ausstellung in einem Naumburger Antiquariat, wo ich dann für 1000 Mark Radierungen verkaufte. Das Geld gab ich sofort aus, denn in einer Vitrine des Antiquars lag eine Ausgabe der „Metamorphosen“ von 1563, mit Holzschnitten von Virgil Solis. Als Taschenbuchausgabe besaß ich Ovid längst. Doch diesen Schatz erwarb ich wie eine Kontaktreliquie in eine Zeit, in der so vieles in Verwandlung war.

Gustav René Hocke: Die Welt als Labyrinth

Dieses Buch betrachtet Manier und Manie in der europäischen Kunst von 1520 bis 1650 und in der Gegenwart. Hockes These lautet, dass sich klassische und nachklassische oder antiklassische Perioden immer abwechseln, und da ist natürlich was dran: Du hast die Renaissance und den Manierismus, die Weimarer Klassik und die Romantik. Im 20. Jahrhundert hast du die Brüche der Moderne mit Expressionismus, Surrealismus und so weiter. Hocke beschreibt das von der bildenden Kunst über die Architektur, Gartengestaltung bis hin zur Literatur. Das Buch ist in Teilen sicher spekulativ, aber als ungeheure Materialsammlung bis heute sehr faszinierend.

Proust: Auf der Suche nach der verlorenen Zeit

Dieser Mammutroman erzählt vom Fluss der Zeit. Er beschreibt die Veränderung des Protagonisten. Und das Tolle ist, dass man als Leser ganz unmittelbar das Gleiche durchlebt, denn man liest diese sieben Bände ja nicht in einer Woche. Das dauert ein Jahr, manchmal zwei oder sogar ein Leben lang. Genau das stiftet aber das Leseerlebnis: Du vollziehst den gleichen Akt, insofern du am Anfang der Lektüre ein anderer bist als am Ende. Ich habe mit der „Suche“ das erste Mal vor rund 20 Jahren begonnen. Prousts Trick ist, dass er die Langeweile der großbürgerlichen Gesellschaft nicht konstatiert, sondern erlebbar macht. Du als Leser fängst selber an, dich zu langweilen, vollziehst als Person das Öde und Oberflächliche, von dem erzählt wird, implizit durch Anschauung nach.

Natürlich liebe ich die Madeleine-Episode, also das Auslösen von Kindheitserinnerungen durch den Geschmack des in Lindenblütentee getunkten Gebäcks. Bevor die immaterielle Erinnerung sich Bahn bricht, findet dieser materielle Akt statt. Ein hochsymbolischer Akt, denn er erinnert mich an die Eucharistie, bei der durch das Brechen und Teilen des Brotes permanente Erinnerung zelebriert wird – ein offenbares Geheimnis, klar vor Augen und doch rational nicht zu fassen. Diese Faszination führte mich 2014 zur katholischen Taufe. Wer die Prozession auf Procida in Paul Smacznys Filmdokumentation über mich gesehen hat, versteht vielleicht, was ich meine.

Yukio Mishima: Das Meer der Fruchtbarkeit

Unsere Tochter ist jetzt 25, studiert Medizin und interessiert sich wahnsinnig für Japan. Vielleicht als Gegenentwurf zu dem, was sie bei ihren Eltern sieht? Pausenlos geht es nach Italien – und in jeder Dorfkirche müssen wir noch ein Fresko sehen. Elisabeths großer Wunsch war Japan, inzwischen war ich schon dreimal mit ihr dort, und es war für mich großartig, weil ich da zum ersten Mal wieder erlebt habe, dass ich staunend und unwissend einfach nur Betrachter sein kann. Vor einem Tempel stehen und nicht wissen, wie alt er ist. Ich wollte dann japanische Literatur lesen und habe mit Murakami begonnen. Hochinteressant, schön, aber in seiner Geheimnishaftigkeit dann doch kein Borges.

Irgendwann kam ich auf Mishima, der mir mit seinem Militärfetisch, seinem Männlichkeitskult, seinem stilisierten Selbstmord von Haus aus eher fremd ist. Doch wir neigen dazu, uns durch Kunst pausenlos selbst bestätigen und zu den Guten zählen zu wollen. Bei Mishima habe ich gemerkt, dass man wahnsinnig viel von Kunst lernen kann, wenn sie ganz anders ist als man selbst. Gerade das Fremde führt uns oft noch besser zum eigenen Kern. Wie Mishima eine Prozession von Mönchen, wie er Landschaften oder auch Kampfkunst beschreibt, hat mich fasziniert. Besonders auch das Einzelgängerische, das dem Künstlertum zu eigen ist, finde ich bei der Mishima-Lektüre wieder.

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