Neulich hüpfte in der ausverkauften Berliner Philharmonie eine sehr grazile Frau vor dem schweren Spieltisch der Orgel herum. Sie verwandelte den Tempel der klassischen Musik in ein Tollhaus. Die Leute kannten sie alle von Insta und von TikTok. Sie hätten alles mitpfeifen können, was sie spielte.

Was daran lag, dass Anna Lapwood, die Frau, die in England mit Orgelkonzerten die Royal Albert Hall füllt und ihr Instrument zu einem Social-Media-Phänomen gemacht hat, natürlich nicht Messiaen spielte oder Bach, Reger oder Rheinberger und all das Zeug, was man so zu Orgelstunden in den Kirchen hört (und was sie alles perfekt könnte). Sondern Howard Shore und Hans Zimmer und John Williams – Filmmusik.

Die hat sie, sagt sie, ihr Leben lang begleitet. Die hat sie zur Musik gebracht. Und es sei immer ihr Traum gewesen, diese Stücke auf der Orgel zu spielen. Und nun sitzt sie da, wenn sie mal sitzt und nicht hüpft, und spielt ihre eigenen Bearbeitungen von „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“ und „Interstellar“ und „Fluch der Karibik“. Medleys hat man das früher mal genannt. Seit Filmmusik die Konzertsäle erobert hat, heißen halbstündige Best-of-Soundtrack-Kanonaden Suiten.

Das wäre vor fast 40 Jahren noch eine Sensation gewesen. Menschenketten hätten sich um die Philharmonie gebildet. Da saßen in den Konzerten etwa des Boston Pops Orchestra (das beinahe identisch ist mit dem Boston Symphony, einem der Big Five der amerikanischen Orchester) die jedem musikalischen Spaßbad und jeder kleinsten Spur von sinfonischem Populismus spinnefeind gesonnenen Musikkritiker und rümpften ihre Nasen.

Filmmusik im Musikvereinssaal

Inzwischen sind diese Kritiker längst in Rente (die meisten jedenfalls). Selbst die Berliner Philharmoniker lassen John Williams an ihr Pult. Anne-Sophie Mutter spielt verzückt sein Arrangement von „Hedwigs Theme“ aus „Harry Potter“. Die Wiener Symphoniker laden jedes Jahr einen seiner Kollegen dahin ein, wo Brahms und Bruckner und Mahler ihre Sinfonien uraufführten, in den Wiener Musikvereinssaal. Und es gibt auch längst kein ehemaliges Hardcore-Klassik-Label mehr, das nicht einen Oscar-Preisträger unter Vertrag hat.

Das ist im Prinzip auch ganz prima. Und wenn auch nur ein halbes Dutzend der Tobenden in der Philharmonie tun, wozu Anna Lapwood alle auffordert, nämlich wenigstens einmal im Jahr in das nächstgelegene Gotteshaus zu gehen, zu Rheinberger, Reger und Bach, dann wäre viel erreicht. So denken sich ja auch die notorisch unter Publikumsüberalterung leidenden Orchester in der Regel ihre Ausflüge in die Technicolorklassik der Soundtracks schön – als Einladung und Einstiegsdroge fürs Philharmoniker-Abo.

Das funktioniert aber nicht, weil die Hollywood-Suiten exakt zugeschnitten sind auf die Aufmerksamkeitsspanne der Generation Schnipsel. Für die bedeutet dann ein Abend mit Bruckners Siebter etwa eine gewaltige Produktenttäuschung, obwohl die ständig aufgischtende Dramaturgie von Bruckner der Höhepunktlerei der kleinteiligen Leinwandmedleys durchaus ähnelt.

Es wird auch auf Dauer nicht funktionieren, weil der inzwischen eingefahrene Kanon der Filmmusikklassiker extrem eng ist – viel mehr als ein Dutzend Partituren (sehr wohlwollend gerechnet) sind es nicht, die sich immer wiederholen. Und leider sind die „Harry Potter“-Partitur oder die vom „Herrn der Ringe“ oder die von „Pirates of the Caribbean“, selbst wenn sie von Anna Lapwood oder den mehr oder weniger großen Meistern Howard Shore und John Williams selbst bearbeitet und in Philharmonieform gebracht wurden, eben nicht Brahms Vierte.

Filmmusik verdrängt das Klassische

Das wollten und sollten sie ja auch nie sein. Sondern funktionale Franchise-Musik. Und als solche ist sie richtig gut. Ihr Interpretationsspielraum hält sich allerdings – das ist ja das Franchise-Prinzip, das alles überall gleich klingen soll – in sehr engen Grenzen. Unter anderem deswegen hat man von ihr inzwischen doch genug.

Und bekommt das Gähnen, wenn wieder ein Filmmusik-Abend angekündigt wird in den Konzertsälen und auf den Programmzetteln der Musikschulorchester, wo Williams und Hans Zimmer längst Händel und Mozart abgelöst haben. Jeder der Filme, deren Scores zu Höhepunkt-Feuerwerken zusammengestellt wurden, ist 30 Jahre alt und so abgenudelt, wie es selbst Mozarts „Kleine Nachtmusik“ nie war.

Jetzt aber genug mit der Naserümpferei. Man könnte zur Verhinderung des Gähnens, jeden zweiten „Harry Potter“ durch den „Joker“ von Hildur Guðnadóttir ersetzen. Oder durch eine der düster tiefen Partituren von Jóhann Jóhannson, der für „Sicario“ zum Beispiel. (So wie man jede zweite Aufführung von Mahlers erster Sinfonie durch eine der Ersten von Florence Price ersetzen sollte). Das würde schon mal helfen. 

Wer auf stilistische Aufbrüche und eine Kanon-Auffrischung durch die jetzt anstehenden Serien von „Harry Potter“ und „Herr der Ringe“ gehofft hat, den muss man, auch ohne nur einen Ton der Scores gehört zu haben, wohl enttäuschen. Hans Zimmer, der Glamrocker unter den Filmmusikproduzenten, möbliert die Zaubererwelt, das wird bestimmt gut und zum Mitpfeifen irgendwann reichen, sonderlich mutig wird es nicht werden.

Noch mutloser ist, was aus Mittelerde bis jetzt herüberklang. Bear McCreary soll zwar einen bombastischen sinfonischen Score geschrieben haben, aber kein neues Main Theme, keinen neuen Signature-Klang. Das Leitmotiv, alle Leitmotive zu knechten, ist das alte von Howard Shore. Es ist zum Gähnen.

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