Gut zwei Jahre waren vergangen, seitdem Amerikaner und Briten zum letzten Mal Brandbomben auf Berlin geworfen hatten, um einen Feuersturm zu entfachen, so wie ihnen das in vielen anderen Städten gelungen war. Aber nun, im Juni 1947, konnten die Zeitungen schon wieder „Treptow in Flammen“ ankündigen, ohne dass es irgendjemanden retraumatisierte – stattdessen freute sich die in den Trümmern nach Normalität strebende Bevölkerung über die Wiederaufnahme des traditionellen, seit 1825 stattfindenden Spreefeuerwerks. Das ist eines der vielsagenden kleinen kulturhistorischen Details, mit denen Bruno Preisendörfers Buch über „Schlagworte, die Geschichte machen“ gespickt ist.
Solche Fakten und Fundstücke – bis hin zu Kochrezepten, obskursten Quellenzitaten und Beschreibungen, wie es gerochen hat im Weimar der Klassiker und im Berlin Bismarcks – waren schon immer ein Markenzeichen Bruno Preisendörfers, seitdem der zuvor eher mäßig erfolgreiche Autor vor elf Jahren mit „Als Deutschland noch nicht Deutschland war“ zum Bestsellerlieferanten geworden ist. Seiner „Reise in die Goethezeit“ ließ er noch Epochenpanoramen über die Ären von Luther, Bach und Bismarck folgen. Dazwischen schrieb er 2018 eine Geschichte Nachkriegsdeutschlands anhand ikonischer Konsumgegenstände namens „Die Verwandlung der Dinge“.
Ums Nachkriegsdeutschland geht es auch in Preisendörfers neuem Buch. Die „Geschichte“ im Titel entspricht weitgehend derjenigen, die sich ereignet hat, seitdem er 1954 im fränkischen Kleinostheim geboren wurde. Zu Beginn zählt Preisendörfer einige persönliche Verbindungen mit den Schlagworten seines Buches auf – beginnend mit dem Wiederaufbau-Bär auf der Plakette an seinem Berliner Mietshaus („modern“ und krallenlos entnazifiziert), der für die „Stunde Null“ steht und dem Einfamilienhaus seiner Eltern, das Ludwig Erhards Slogan „Wohlstand für alle“ illustriert.
Am Ende steht Angela Merkels „Wir schaffen das“ aus der großen Flüchtlingswelle von 2015, mit der – das ist rückblickend unübersehbar – die Geschichte Nachkriegsdeutschlands tatsächlich zu Ende ging und nicht erst 2022 mit der ebenfalls im Buch vorkommenden „Zeitenwende“ von Olaf Scholz.
Das Deutschland seitdem ist jedenfalls nicht mehr das ethnisch homogene Land, dessen Bewohner von „Deutschland ist Weltmeister“ enthusiasmiert wurden, die Poesie der Kohlschen Metapher „blühende Landschaften“ verstanden, mit Willy Brandt „Mehr Demokratie wagen“ wollten und beim Versprechen „Kultur für alle“, das der Frankfurter Dezernent Hilmar Hoffmann 1979 gab, noch an einen stabilen, traditionellen Begriff von Kultur dachten.
Näher an der Realität des heutigen Nicht-mehr-Nachkriegsdeutschlands ist die Feststellung des damaligen Bundespräsidenten Christian Wulff: „Der Islam gehört inzwischen zu Deutschland“ von 2010 – seitdem gehörte er jedes Jahr ein bisschen mehr dazu. Auch weil die Sicherheit Deutschlands mittlerweile nicht mehr „am Hindukusch verteidigt“ wird, wie Verteidigungsminister Peter Struck (SPD) 2002 verkündete, sondern der Hindukusch nach Deutschland gekommen ist und hier die Unsicherheit erhöht.
Preisendörfers Buch ist keine reine Schlagwortphilologie – die kriegt man auch, aber nur als Tortenboden, auf dem wieder mal Seite für Seite interessante Details serviert werden. Ein bisschen Wehmut und Kulturpessimismus klingt an vielen Stellen durch. Über die Antiquiertheit des Kanons, auf den sich Hoffmanns „Kultur für alle“ noch bezogen hatte, schreibt er in einem fast neo-spenglerschen Sound: „Jedenfalls drang die Trivialliteratur – akademisch heißt es ‚wissenschaftlicher‘ und höflicher ‚Schemaliteratur‘ – in die germanistischen Seminare ein, der Fußball rollte in die Feuilletons, die Trivialkunst veränderte das Kulturverhalten der gebildeten Mittelschicht und der Trash bot sich dem ironischen Konsum der Elite an, der es peinlich war, jedenfalls auf ‚kulturellem Gebiet‘, nicht auf ökonomischen, überhaupt noch elitär zu sein.“
Solche Sätze, die auf der Thomas-Mann-Arthur-Schnitzler-Skala, mit der die Länge schöner, komplexer Sätze gemessen wird, ziemlich weit oben stehen, konnte man im Nachkriegsdeutschland Lesern zumuten. Für die letzten, die sie noch zu schätzen wissen, ist dieses Buch gemacht.
Bruno Preisendörfer: Schlagworte, die Geschichte machen. Galliani, 434 Seiten, 28 Euro
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