Da reist man nun ins berühmte Venedig und dann das. Der in soziologischen Fachkreisen renommierte Professor Mrugalski wohnt mit seiner Frau in einem Wohnblock außerhalb des historischen Zentrums, „keine Kanäle oder Brücken, keine Kirchen, keine Gondeln“. Die junge polnische Wissenschaftlerin Wanda, aufwändig durch den Eisernen Vorhang angereist, wundert sich über seine wenig standesgemäße Bleibe in der Vorstadtsiedlung, „mit Dutzenden identischen Fenstern und Balkonen“.
Obwohl die Abgase hier anders riechen, fühlt sich Wanda an ihre Heimat Krakau erinnert, aber nicht an die malerische Altstadt, sondern an die sozialistische Planstadt Nowa Huta, errichtet um den gigantischen Stahlwerkkomplex der Lenin-Hütte.
Es ist das Jahr 1983, in Polen herrscht das Kriegsrecht, und die Gewerkschaft Solidarność, der Wanda und ihr daheim wartender Freund Marian nahestehen, kann nur im Untergrund agieren. Bleierne Zeiten, in denen in den Ländern des Ostblocks jeder Einzelne eine vielleicht lebensentscheidende Wahl zu treffen hat: Schweigen oder Protestieren, Weggehen oder Ausharren, Mitläufer sein oder Widerständler. Ein Niemand bleiben oder zum Helden werden, so wie jener Elektriker aus Danzig.
Der Schriftsteller Matthias Nawrat wurde 1979 in Opole in Oberschlesien geboren; 1989 wanderte seine Familie nach Deutschland aus, nach Bamberg, heute lebt er in Berlin. Unter seinen Büchern finden sich eine finstere Postapokalypse wie „Unternehmer“ (2014) ebenso wie autofiktionale, in ihrer virtuosen Beiläufigkeit leicht zu unterschätzende Romane wie „Der traurige Gast“ (2019) oder „Reise nach Maine“ (2021). In „Die vielen Tode unseres Opas Jurek“ (2015) bettete er die Zeitgeschichte Polens zwischen den totalitären Systemen in eine Schelmengeschichte. Im Zentrum stand hier die Frage nach der Überlieferung, nach der Wahrheit in den Lücken und den Ausschmückungen der immer wieder erzählten Familiengeschichten.
Nawrats neuer Roman „Das glückliche Schicksal“ knüpft hier an, allerdings in einer ganz anderen Tonalität. Weshalb Wanda Mrugalski in seinem – selbstgewählten – Exil besucht und mit ihm biografische Interviews führt, wird erst nach und nach klar. Auch dem Interviewten selbst, der sich anfangs geschmeichelt fühlt, dass sich jemand für seine weit zurückliegenden Arbeiten interessiert. In den 60er-Jahren war Mrugalski am Caltech in Kalifornien und hatte dort eine kybernetische Theorie der Gesellschaft entwickelt, derzufolge sich das Verhalten einzelner Menschen statistisch vorausberechnen lasse. Freiheit der Entscheidung, ja Individualität überhaupt seien zu vernachlässigende Größen. Es zählt allein die jeweilige Funktion im System.
Kein Wunder, dass der Denker der Schaltplan-Gesellschaft in einer hässlichen Wohnwabe lebt. Wanda aber sucht in seiner Biografie genau nach dem Gegenteil, dem Besonderen, dem Individuellen – denn nur hier ist Raum für Zurechenbarkeit von Handlungen, von Verantwortung und Schuld. Mrugalski war als junger Mann nach dem Hitler-Stalin-Pakt von den Sowjets in den Gulag verschleppt worden. Ein langer Rückblick erzählt vom täglichen Überlebenskampf „im Holz“.
Plötzlich wird der Roman zu einem erschütternden Stück Lagerliteratur, wobei Nawrat sich an historischen Fakten orientiert und auf die einschlägigen Werke von Herling-Grudziński, Solschenizyn, Schalamow, Nadeschda Mandelstam und anderer zurückgreift, wie er in der Danksagung klarstellt.
1941 wurden die polnischen Gulag-Insassen plötzlich zu Alliierten; ihre verlustreiche Eroberung Monte Cassinos ist legendär. Doch was geschah nach Mrugalskis Zeit im Lager und an der Front? Wandas Interesse gilt, aus familiären Gründen, der unmittelbaren Nachkriegszeit: War Mrugalski für die polnischen Kommunisten aktiv und an Folterungen Oppositioneller beteiligt? Wurde das Opfer selbst zum Täter? Und waren seine späteren soziologischen Forschungen eine Entlastung in eigener Sache, der Versuch, persönliche Schuld als irrelevantes, philosophisch-theologisches Konstrukt zu entlarven? Das Interview wird zum Verhör.
Mrugalski fasst seine Theorie im Bild der „aztekischen Pyramide“ zusammen, einer „unbekannten, unentdeckten, aber wirksamen Struktur“, die alle Gesellschaften, auch die vermeintlich demokratischen, durchziehe: „Die Frage ist doch: Was zählte bei den Azteken der einzelne Mensch? Und auch heute – fragen wir doch nach dem sogenannten asiatischen Menschen, der wir alle sind!“
Die im Volkspolen der 80er spielenden Kapitel treten den Gegenbeweis an: Sie erzählen von moralischen Entscheidungen, von Einzelnen, die sich gegen das übermächtige System stellen. So spannt Nawrat einen weiten Horizont auf, der das 20. Jahrhundert und nicht nur dieses, überspannt. Es geht um das Ringen zwischen Kollektiv und Individuum, Plan und Freiheit, System und Menschlichkeit. Glücklich der Mensch, der ein Schicksal hat. Der eine Wahl hat.
Matthias Nawrat: „Das glückliche Schicksal“. Rowohlt, 272 Seiten, 24 Euro.
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