Lieferhelden, das haben wir möglicherweise an dieser Stelle bereits mehrfach erwähnt, haben in der jetzt zu Ende gehenden Sonntagabendkrimi-Saison endgültig Flüchtlinge und Kapitalisten abgelöst. Man kann, ohne sich künstlerisch groß anstrengen zu müssen, aus ihren (fiktiven) Schicksalen ein gesellschaftlich relevantes aufklärerisches Metapherngeflecht häkeln. Sie radeln kreuz und quer durch die Städte, aus dem Dunkel, dem Schatten des reichen Westens, in dem sie leben, an die Schwelle zum Licht, beliefern jene, die alles haben, die meinen, sich alles leisten zu können. Sie sind das Symptom unserer Zeit.

Moya zum Beispiel. Um die und die moralischen und gesellschaftlichen Verwerfungen, die sich um Lieferhelden auftun, dreht sich alles in „Könige der Nacht“. So heißt der neue „Tatort“ aus Zürich. Mit dem beginnt die wahrscheinlich längste Sommerpause des Sonntagabendkrimis. Erst im September geht es weiter.

Moya stammt aus Äthiopien. Sie hat keinen Aufenthaltsstatus. Ihr droht die Ausschaffung, so heißt Abschiebung in der Schweiz. Und mit ihr dem Kind, das sie aus dem Meer gerettet hat, das sie als ihren Sohn ausgibt und das nicht spricht, seitdem es beinahe ertrank. Sie fährt Pizza aus, übernimmt Schichten für eine ebenfalls geflüchtete Freundin, die in Zürich leben und arbeiten darf. Auffallen soll sie möglichst nicht. Nicht gesehen werden. Dummerweise sieht Moya bald was.

Sie radelt durchs glitzernde Zürich, fährt mit dem Aufzug hoch in den 23. Stock eines Büroturms. Da ist ein Penthouse. Ein adonisgleicher Mann – der Topjurist von Sugardaddy, der ihn aushält, nennt ihn später seinen Tadzio – öffnet ihr, übernimmt die Kartons. Er ist nett und zugekokst und sieht, dass sie nicht die ist, die auf dem Ausweis steht. Eine Party ist im Gange. Alles ist hell und weiß. Ruven heißt der junge Mann, er stammt aus Nordmazedonien. Auch er ein Lieferheld. Er liefert Sex.

Quadratur der Themenkreise

Dann eskaliert etwas. Und Moya, wieder unten in den Katakomben des Hochhauses bei ihrem Rad angekommen, sieht zu, wie Männer in Plastikoveralls etwas ausschaffen, etwas entsorgen, das wie eine blutige Puppe in Folie aussieht. Moya muss fliehen. Wird angefahren. Verliert den Ausweis ihrer Freundin. Tags darauf wird Ruven übertötet am Ufer der Limmat gefunden. Moya steht dabei und weiß, dass sie ihre Sachen packen muss und unsichtbar werden. Bald ist Moyas Freundin tot.

Schweizer Sonntagabendkrimis waren in der nicht lange vergangenen Vergangenheit gern ein Anlass, nach den Nachrichten mit dem Hund rauszugehen oder auf schwedische Schnulzen im Zweiten umzuschalten. Seit Tessa Ott (Carol Schuler) und Isabelle Grandjean (Anna Pieri Zuercher), die punkige höhere Tochter und die hochgeschlossen bürgerliche Kriminalistin aus eher einfachen Verhältnissen, Mörder jagen am Zürichsee, ist das anders.

In „Könige der Nacht“ – man hat es bisher vielleicht schon geahnt – versuchen Autor Mathias Schnelting und der in Hollywood-Action gestählte Regisseur Claudio Fäh geradezu die Quadratur der Sonntagabendkrimi-Themenkreise: „Könige der Nacht“ erzählt von flüchtigen Flüchtlingen und Lieferdiensten und degenerierten Geldsäcken von der legendären Zürcher Goldküste.

Liefert Sex, bis er ermordet wird: Yves Weckermann ist Ruven in „Könige der Nacht“

Und Schnelting und Fäh gelingt – sieht man mal davon ab, dass der Zufall ein bisschen arg überdeutlich der Motor der Erzählung ist –, was in der Regel aller „Tatort“-Fälle nicht gelingt. „Könige der Nacht“ leuchtet elegant hinein in die moralischen Dilemmata, in die Abgründe zwischen denen da oben und denen da unten, strapaziert das erwähnte Metaphernnetz nicht über. Die Reichen sind perfide und verkommen. Und sie töten, weil sie es können, aber im Fall von „Könige der Nacht“ tun sie das auf komplexe und beklemmend irre Art.

Dieser Saisonschluss ist ein perfekt geschnittener, fein bebilderter, sauber und bewegend von einem nicht nur für Schweizer Sonntagabendkrimis erstaunlich dicht besetzten Cast ausgespielter Mix aus Horrorstory und Polizeikrimi und Gesellschaftsroman. Geschmiert mit einer gerade noch erträglichen Menge moralischem Klischeekettenfett.

Verhindert bitte „Tatort“-Themenballungen

Wenn wir uns übrigens was wünschen dürften für die nächste „Tatort“-Saison, wäre es eine demnächst stattfindende Themenkonferenz aller angeschlossenen Sonntagabendkrimi-Redaktionen, in der Themen-Cluster verhindert werden. Womit man jenen Nicht-schon-wieder-Seufzer verhindern könnte, der einem ganz unwillkürlich bei „Könige der Nacht“ entfährt, wenn man Nambitha Ben-Mazwi, die so wunderbar mit ihren Augen und ihrem Gesicht reden kann, zum ersten Mal durch die Zürcher Nacht radeln sieht.

Wer Angst hat, bis September unter Lieferheldengeschichten-Entzugserscheinungen zu leiden und nach neuen Geschichten über Moya und all die anderen Kurier-Artisten sucht, der lese übrigens Tomer Gardis Roman „Liefern“ – im Frühjahr erschienen, weitet das Phänomen mit aufklärerischer Wucht und extremer Leichtläufigkeit ins Globale, vernetzt völlig klischeelos Schicksale in Tel Aviv, Berlin und Buenos Aires. Gehört in jeden Urlaubskoffer.

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