Für den wahren Fußballfan kommen jetzt großartige Tage, herrliche Tage. Tage voller Pein und Frustration, Tage mit versemmelten Finals, verpassten Auf- und besiegelten Abstiegen. Der wahre Fußballfan braucht keine Triumphe, er braucht Katastrophen, Niederlagen, er sammelt Desaster. „Der natürliche Gemütszustand des Fußballfans“, das weiß seit 1992 jeder Fußballfan, der lesen kann, „ist bittere Enttäuschung. Egal, wie es steht.“ Aber vielleicht stimmt das auch gar nicht mehr, weil alles anders ist: die Welt, der Fußball, der Fan und seine Kultur.

1992 stimmte es aber noch. Da erschien das erste Buch eines hoffnungslosen Englischlehrers mit hoher Stirn aus dem Nordosten von London, autofiktional würde man es heute nennen. „Fever Pitch“ hieß Nick Hornbys Debüt. Der „depressive Fast-Versager“ (Hornby über Hornby) hatte mit seiner Autobiografie in Spielen und Toren des FC Arsenal London lange hausieren gehen müssen. Sie wurde ein Welterfolg.

Hornby erzählt vom kleinen Nick, den sein Vater im Juni des Jahres 1968, elf Jahre war er da alt, mitschleppte zu einem Ligaspiel der „Gunners“ gegen Stoke City. Nick war am Ende schockverliebt in Arsenal, das hässlichen Fußball spielte, erfolglos war und so unattraktiv wie eine lange Dürre mit Überbiss. Wäre der Club so erfolgreich gewesen wie er gerade wieder ist (noch zwei Ligaspiele ohne Niederlage und die erste Meisterschaft seit 2004 ist sicher, danach stehen sie im Finale der Champions League gegen Paris St. Germain) – er hätte sich, ist sich Hornby sicher, nicht so verliebt in den Club. Der Rest der Geschichte gleicht einer Fieberkurve, erzählt vom Versuch der Vereinbarkeit von Leben und Fußball, vom unmöglichen Erwachsenwerden zwischen Schreibtisch und Stadion.

„Fever Pitch“ war stets mehr als bloß ein Fußballbuch. Es diente als Vitrine, in der beinahe alles ausgestellt ist, was Mannsein einmal ausgemacht hat, als Mannsein noch (vermeintlich) einfach war. „Fever Pitch“ war etwas, in dem sich Männer gespiegelt fanden und das jene Frauen, die sie liebten, während sie gleichzeitig elf Männer vergötterten, als Ratgeber lasen. Es markiert aber auch eine Wegscheide. In der Geschichte des Schreibens über Sport – wenn einer vor „Fever Pitch“ intelligent über Sport schrieb, erinnerte sich Hornby mal, „hieß es gleich: Der Arme, so intelligent und dann muss er über Sport schreiben“. Und eine Wegscheide in der Geschichte des Fußballs als Gegenstand von Philosophie und Systemtheorie, als gesamtgesellschaftliches Phänomen – „Fever Pitch“ trug vielleicht entscheidend dazu bei, die Stadien für die Oberschicht und die Diskurse der Intelligenzija zu öffnen.

„Fever Pitch“ könnte heute keiner mehr so schreiben. Mannsein ist komplizierter, Fansein auch und Fußball erst recht. Arsenal gehört einem amerikanischen Immobilienmilliardär, spielt nicht mehr im Highbury, sondern in einem Stadion, das von der arabischen Fluggesellschaft mitfinanziert wurde, nach der es heißt. Und erfolgreich sind die Gunners auch noch. Wie soll sich ein kleiner Nick heute in so einen Club schockverlieben?

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