Wer tut sich das freiwillig nochmal an? Ein alleszermalmender Theaterwahnsinn, der mit großem Getöse jegliche Grenzen des Geschmacks und der Wahrnehmung niederreißt. Ein Exzess, der noch die letzten seelischen Abgründe so ungefiltert und genüsslich ausbreitet, wie alle vorstellbaren Körperflüssigkeiten auf der Bühne verteilt werden. Acht Stunden ohne Pause, die sich anfühlen wie ein ästhetischer Schleudergang auf höchster Stufe.

Erst wird das Nervenkostüm der Zuschauer malträtiert, als würde beim Zahnarzt die Wurzelbehandlung mit dem Presslufthammer vorgenommen, nur um danach eine volle Ladung hochartifizieller Wirklichkeitsübersteigerung nachzuschießen, die mehr ballert als all die Pülverchen und Pillen in den Berliner Clubtoiletten. Wie Hirn- und Herzschmelze in einem. Und ja, das macht süchtig. Man will einfach mehr davon.

Die Rede ist von „Peer Gynt“ an der Berliner Volksbühne, dem neuesten Streich von Vegard Vinge, Ida Müller und Trond Reinholdtsen. Das spektakuläre Totaltheater, das die Künstlertruppe in den frühen 2000er Jahren in Berlin veranstaltete, beeinflusste eine ganze Generation von Theatermachern. Ohne das Schmuddel- und Schocktheater des Trios wären beispielsweise die bunten Horrorwelten, die jemand wie Ersan Mondtag heute erfolgreich auf Theater- und Opernbühnen bringt, undenkbar.

Als Vinge, Müller und Reinholdtsen nach fast zehn Jahren in Norwegen im vergangenen Herbst mit Henrik Ibsens „Peer Gynt“ endlich nach Berlin zurückkehrten, war die Kritik gespalten. Geniales und genresprengendes Gesamtkunstwerk, jubelten die einen (auch in dieser Zeitung). Brutale und präpotente Pennälershow, schimpften die anderen. Und obwohl das Etikett „bemerkenswert“ wie für dieses Ausnahmetheater erfunden wirkt, wurde „Peer Gynt“ nicht zum Theatertreffen eingeladen. „Vom Theatertreffen dieses Jahr verschmäht, von der Theatergeschichte rehabilitiert“, kommentierte das Online-Magazin „Nachtkritik“.

Halb besinnungslos und trotzdem euphorisiert stolperte man morgens um 2 Uhr aus der Premiere, nur um wenige Tage später für eine der wenigen, im Block angesetzten Vorstellungen wieder zum Rosa-Luxemburg-Platz zu trotten. Zweite Runde! Unter den Vinge-Müller-Reinholdtsen-Ultras gehört man mit zwei von möglichen sechs Besuchen pro Block allerdings zu den Softies. Auch unter den Kritikerkollegen soll es welche geben, die sich für jede einzelne Vorstellung ein Ticket gesichert haben.

Das liegt auch daran, dass sich die Inszenierung mit jeder Aufführung verändert. Das grobe Setting ist zwar ähnlich, wird aber in Live-Regie jedes Mal verändert und erzählt sich so immer weiter fort. Im Foyer der Volksbühne wird angeregt diskutiert, was sich in der Welt von Peer, Aase, Solveig, Ingrid und den Trollen von Vorstellung zu Vorstellung getan hat.

Wie bei einer Serie stand jetzt nach einem halben Jahr Pause die zweite Staffel von „Peer Gynt“ an. Zeit für eine dritte Runde! Nachdem Vinge das Publikum knapp vier Stunden vor geschlossenen Vorhang mit Live-Video hinhält, öffnet sich endlich unter großem Applaus der Blick auf die detailverliebte Bühne in Comic-Ästhetik, die wieder ein paar Elemente hinzugewonnen hat, während andere verschwunden sind oder im Spiel zerstört wurden (wie an diesem Abend durch gezielte Kartoffelwürfe die Scheibe von Solveigs Heim). Wie in der Wirklichkeit auch, wirkt alles noch düsterer und brutaler als vor einem halben Jahr, als die Welt bekanntlich auch schon ganz und gar nicht in Ordnung war.

„Seit einiger Zeit geht es mit uns bergab“, sagt der Troll-König

Neu ist eine gefühlt nie endende Szene, in der Peer und seine Mutter mit Maschinengewehren hinter Sandsäcken liegen, während unter ohrenbetäubendem Lärm die Bomben einschlagen und unter dem Schriftzug „Apocalypse Now“ Panzer rollen und Soldaten marschieren. Auf einer Europakarte zieht der Troll-König Linien aus Blut. „Seit einigen Jahren geht es mit uns bergab“, sagt er. Ein Kontinent versinkt in blutigem Schaum, der wie die Wolken nach einer Atombombenexplosion aussieht. Ein Endspiel?

„Peer Gynt“ ist eine phantasmatische Reise durch die Vorgeschichte der Gegenwart aus Pop, Porno und Propaganda, die seinen Helden – wie alle Schauspieler hinter einer Maske verborgen – in Deleuze’schen Metamorphosen zeigt: von der Wunschmaschine über die Fickmaschine bis zur Kriegsmaschine. „Das Gyntsche Ich, das ist ein Heer von Wünschen, Lüsten und Begehr!“, tippt der Horrorclown Peer wie in „The Shining“ rastlos in seine Tastatur. Ist das die Geburt des narzisstischen Subjekts aus dem Geist der neoliberalen Selbsterhaltung? „Auf sich und seins nur soll man achten“, sagt Peer an anderer Stelle. Bevor man jedoch erfährt, wie die Reise endet, ob Peer Gynt für immer verloren und verdammt ist und was mit der „Erlösungsfrau“ Solveig wird, schließt sich der Vorhang schon wieder. Acht Stunden sind plötzlich vorbei – und können sich sehr kurz anfühlen. Am kommenden Pfingstmontag steigt dann das große Staffelfinale.

Kurz vor Staffelübergabe befindet sich auch die Volksbühne als Haus: Im Herbst übernimmt mit dem neuen Intendanten Matthias Lilienthal ein alter Bekannter, der vor fast 30 Jahren unter Frank Castorf bereits als Chefdramaturg an der Volksbühne arbeitete. Doch das Finale mit den letzten Premieren gestaltet sich etwas holprig: Erst wurde „Böses Glück / Cult of the Daughter“, der Regieversuch des kurz nach der Premiere erkrankten Schauspielers Benny Claessens frei nach Tove Ditlevsen und Olga Ravn, nach nur einer Vorstellung mit durchweg befremdeten Kritiken abgesetzt. Und nun musste auch noch „Alaska Kid“, die letzte Premiere der Spielzeit mit Jonathan Meese, Martin Wuttke und Lilith Stangenberg, aus persönlichen Gründen abgesagt werden.

Umso heller strahlt „Spooky Paradise“ von Philippe Quesne, nicht nur wegen der großen Leuchtbuchstaben auf der Bühne. Was für ein versonnener, selbstversunkener und darin wunderschöner Abend! Und eine große Parabel auf die Volksbühne selbst: Man sieht eine Truppe Gestrandeter mitten in der Wüste – darunter alte Veteranen wie Wuttke, Kathrin Angerer und der Musiker Sir Henry, die alle auch unter Lilienthal fest am Haus bleiben werden, außerdem Rosa Lembeck und Marie Rosa Tietjen –, die sich gegenseitig Lieder vorsingen oder Texte vorlesen. Der alte Oberclown ist tot, doch die Show ist noch nicht vorbei – eine verabschiedende Verbeugung vor dem plötzlich verstorbenen René Pollesch, der seine kurze Intendanz vor fünf Jahren mit einem Zirkusabend eröffnete. „Spooky Paradise“ ist wie die Volksbühne in ihren besten Momenten: Was die Leute vorne auf der Bühne nur für sich machen, ist trotzdem interessant und erfüllend für alle.

Abschiednehmen heißt es nun auch von einigen Pollesch-Abenden, die in den nächsten Wochen zum letzten Mal gezeigt werden, bevor sie für immer verschwunden sein werden. Das Nachspielen seiner Stücke hat der Theatermacher vor seinem Tod ausdrücklich untersagt. Einige andere Pollesch-Abende wird Lilienthal jedoch weiter im Repertoire halten, auch Abende von dem Schauspieler und „Tatort“-Star Fabian Hinrichs, der Filmemacherin Kurdwin Ayub oder „Spooky Paradise“ von Quesne. Florentina Holzinger wird weiterhin am Haus arbeiten, dazukommt die Choreografin Marlene Monteiro Freitas.

Lilienthal präsentiert sich einerseits als einer, der die Tradition der Volksbühne als Zentraltheater des Eigensinns weiterführen will, andererseits aber auch als behutsamer Erneuerer. Das genaue Programm wird Anfang Juni bekannt gegeben. Bis dahin läuft „Peer Gynt“ noch ein paar Mal. Auf zur nächsten Runde?

„Peer Gynt“ und „Spooky Paradise“ laufen an der Berliner Volksbühne.

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