Die Redaktion der „Jüdischen Allgemeinen“ hat für ihre Verdienste um das jüdische Leben den Tacheles-Preis erhalten. Der jüdische Verein Werte-Initiative übergab die Auszeichnung am Dienstagabend in Berlin an die Wochenzeitung, die in diesem Jahr ihr 80-jähriges Bestehen feiert.
„Wir tun das zunächst deshalb, weil sie hervorragenden Journalismus macht“, sagte Elio Adler, Präsident der Werte-Initiative. Mit dem Preis würdige der Verein aber auch Menschen, die Klartext sprechen, einordnen, widersprechen und der jüdischen Gemeinschaft Mut geben.
Durch die „Jüdische Allgemeine“ werde jüdisches Leben sichtbar, sagte WELT-Chefredakteur Helge Fuhst, der die Laudatio hielt. „Wer glaubt, die Zeitung drehe sich ausschließlich um Israel und Antisemitismus, der hat die Zeitung schlichtweg nicht gelesen.“ Die Rituale des Gedenkens in der deutschen Gesellschaft seien nur dann nachhaltig, wenn sie mit aktivem jüdischen Leben verbunden werden.
Der Chefredakteur der „Jüdischen Allgemeinen“, Philipp Peyman Engel, zeigte sich bei der Preisverleihung gerührt und sah in der Auszeichnung auch einen Auftrag. „Der Antisemitismus hat ein Maß erreicht, das jüdisches Leben auch in Deutschland vor große Probleme stellt. Wir sind jetzt gefordert wie nie zuvor, unsere journalistische Arbeit zu erfüllen“, sagte er.
Und weiter: „Hand aufs Herz: Das Gift der Hamas-Propaganda ist schon längst in Teilen von Presse und Politik angekommen, während auf den Straßen Abertausende Demonstranten die Auslöschung Israels erfolgreich als ‚propalästinensisch‘ verschleiern können.“
Gleichzeitig wolle er „nicht falsch verstanden“ werden. Es gebe „sehr, sehr viele Gründe, Israel zu verteidigen, aber selbstverständlich – wie sollte es auch anders sein – mancherlei Gründe, die israelische Regierung und das Militär maximal hart zu kritisieren“. Als Beispiele führte er die beabsichtigte Todesstrafe für Palästinenser an, die Schwächung demokratischer Instanzen, rechtsextreme Politiker, Haftbedingungen in den Gefängnissen oder „menschenverachtende Aussagen“ aus dem Land.
„Ihr seid unser Anker“
Engel hatte sich bereits im Vorfeld der Preisverleihung zu der Auszeichnung geäußert. „Dieser Preis bedeutet der ‚Jüdischen Allgemeinen‘, aber auch mir persönlich, außerordentlich viel, weil er aus dem Herzen der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland kommt“, sagte er der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Leser gäben Rückmeldungen wie: „Gott sei Dank, dass es Euch gibt, Ihr seid unser Anker und mehr noch als vor dem 7. Oktober 2023 publizistische Heimat.“
Zum Lob der Werte-Initiative sagte Engel: „Klartext zu sprechen ist kein Selbstzweck, aber notwendig, um verstanden zu werden und Dinge in komplexen Zusammenhängen wirklich verstehbar zu machen.“ Er ergänzte Worte des Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889–1951): „Was sich überhaupt sagen lässt, lässt sich klar sagen.“ Der Chefredakteur gab überdies zu bedenken, er habe den Eindruck, dass sich viele Medien heute nicht angreifbar machen wollten und daher lieber auf einen Mittelweg statt auf Klartext setzten.
Kurz nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 habe die „Jüdische Allgemeine“ für einen kurzen Zeitraum Solidarität und Unterstützung erfahren. Dies habe weitgehend aufgehört. Wegen der nicht unkritischen, aber unvoreingenommenen und ausgewogenen Berichterstattung über Israel sei die Zeitung in der äußeren Wahrnehmung und in einem oft gegen Israel eingestellten gesellschaftlichen Klima für viele Menschen wohl nicht mehr „preiswürdig“, so Engel. „Insofern freut uns diese Ehrung umso mehr.“
Derzeit arbeiten knapp zwei Dutzend Redakteure, Auslandskorrespondenten, Grafiker und Assistenten für die einzige jüdische Wochenzeitung im deutschsprachigen Raum. Sitz der „Jüdischen Allgemeinen“ ist seit 1999 Berlin. Zuletzt war der Tacheles-Preis an die Jüdische Studierendenunion verliehen worden.
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