Halbzeit in Cannes. Und wen man auch fragt – Kritiker, Filmemacher, Cineasten –, weitgehend herrscht Einigkeit: Die Croisette hat schon bessere Zeiten erlebt. Außer Pawel Pawlikoswkis Thomas-Mann-Drama mit Sandra Hüller „Fatherland“ sticht bislang kein Wettbewerbsanwärter als Meisterwerk hervor.

Nervosität macht sich breit auf der Strandpromenade. Blankgeputzte Yachten tuckern im glitzernden Wasser unsicher vor sich hin, während Smokings und Abendkleider an ihnen vorbei hetzen, vom Rosé-Austern-Brunch über einen Abstecher im Länder-Pavillon bis zum nächsten Kinosaal. Immer in der Hoffnung, jetzt doch noch einen Film zu sehen, über den alle reden werden.

Szene aus „Amarga Navidad“

Bringt „Amarga Navidad“, der neue Film des Erfolgsregisseurs Pedro Almodóvar die allseits ersehnte Erleichterung, dass es mit den Hochzeiten des Filmfestivals an der Côte d’Azur doch noch nicht vorbei ist? 2024 gewann der Spanier mit seinem Sterbehilfe-Melodram „The Room Next Door“ in Venedig den Goldenen Löwen. Eine Wiederholung dieses Sieges ist eher nicht zu erwarten, obwohl sein Cannes-Beitrag deutlich leichtfüßiger und dynamischer mit dem auch hier wieder umkreisten Tod umgeht. Bissig-ironische Meta-Reflexionen über Autofiktion, Kultregisseure, Alterswerke und Streamingfilme nehmen den oft melodramatischen Suizid-, Trauer- und Trennungsdialogen ihre Schwere.

Besonders gelungen sind darüber hinaus zwei ausführliche Gesangseinlagen, die nicht nur den sprachlos lauschenden Protagonisten Tränen in die Augen treiben. Und natürlich die Stripper-Szene, ein hochamüsantes Highlight: Elsa (Bárbara Lennie), eine Filmemacherin mit wiederkehrenden Panikattacken, ist mit dem Feuerwehrmann und Stripper Bonifacio (Patrick Criado) liiert. Seine Spezialität sind Junggesellinnenabschiede. Kennengelernt haben sie sich, weil sie ihn als Model für eine Unterwäschewerbung gewinnen wollte, während deren Dreh ihre Mutter verstarb.

Dass Almodóvar ein Meister des female gaze, also des weiblichen Blicks ist, hat er mit der erotischen Tanzeinlage, die sich jederzeit ernst nimmt und gerade dadurch ihren Ernst verliert, wieder einmal bewiesen. Auch die bunten, hochartifiziellen Bildarrangements, die man von dem Virtuosen des sentimentalen Überschwangs kennt, kommen in seinem neusten Melodram über Künstlerzweifel, Trauerbewältigung und Frauenfreundschaften zum Einsatz.

Doch einen emotionalen Kern, existenzielle Fallhöhe oder politische Sprengkraft sucht man vergebens. „Amarga Navidad“, was auf Deutsch „bitteres Fest“ heißt, ist eine nette Fingerübung, ein harmloses Alterswerk, in dem ein immer noch bezaubernder Almodóvar höflich alte Motive auftischt und uns dabei spüren lässt, dass ihm das selbst keineswegs entgeht.

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