Guy Ritchies Erweckungserlebnis als Regisseur war laut eigenem Bekunden „Zwei Banditen“, besser bekannt als „Butch Cassidy und Sundance Kid“. Der Film lief 1969 in den Kinos, als der kleine Guy, geboren nur ein Jahr zuvor, kaum laufen konnte. Er wird ihn später im Fernsehen nachgeholt haben. Mit offenem Mund bestaunte er, wie Robert Redford und Paul Newman zu „Raindrops Keep Fallin’ On My Head“ Fahrrad fuhren, gentlemangangsterhaft Banken ausraubten und es schließlich mit dem ganzen Optimismus gut bezahlter Hollywood-A-Lister mit einer ganzen Armee aufnahmen. Ihren sicheren Tod unterschlägt die Kamera gnädig. Das Bild friert ein, bevor der Kugelhagel losgeht.
Die Anekdote ist in vielerlei Hinsicht aussagekräftig. Im Prinzip zeichnet sie einen Großteil von Ritchies filmischem Schaffen vor: die sympathischen, gut aussehenden Gangster, auf deren Seite man sich sofort schlägt; ihr liebevolles Gefrotzel untereinander, intelligenter Spott à la „Die Zwei“ oder Bud Spencer und Terence Hill – kurz gesagt, echt 70er; zuletzt den Genrewechsel (oft in ein und demselben Film) zwischen Komödie und Action, beides rasant und intelligent, aber mit Muße für leisere Passagen, in denen uns die wackeren Helden so richtig ans Herz wachsen.
Diese Formel grundiert alles, was Ritchie seit seinem Debüt „Lock, Stock and Two Smoking Barrels“ („Bube Dame König grAS“) von 1998 gedreht hat. Berühmt wurde er, indem er cineastische Mätzchen – Splitscreens, ironische Off-Kommentare, eingefrorene Frames, musikalischen Schnitt und eine mit rhetorischem Witz pointierte Gewalt hinzufügte. Und jede Menge Londoner Lokalkolorit – sodass sich selbst ein Muttersprachler an den Untertiteln festhält. Dann kam die Superstar-Phase, in der sich Ritchie öffentlichkeitswirksam mit Madonna vermählte und genial Robert Downey Jr. und Jude Law als Sherlock Holmes und Dr. Watson besetzte – und die ja eher zerebralen Kunststückchen der Krimi-Vorlage in hyperkinetische Slow-Motion verwandelte. Plötzlich sahen Prügeleien aus wie Denksportaufgaben.
Ritchies Spätwerk teilt sich seit einer Weile in ambitioniertes Gegen-den-Strich-Bürsten legendärer Franchises wie „Aladdin“ (Disney) oder „King Arthur“ (englische Mythologie) und fast schon klinisch durchgestylte und am Reißbrett entworfene Action-Preziosen wie „Cash Truck“ oder „Operation Fortune“. In beiden Fällen kommt der sonst so geschmeidig laufende Ritchie-Motor mittelheftig ins Stocken. Die Inszenierungen sind eher noch professioneller als früher, aber ein gewisses Je ne sais quoi ist flöten gegangen. Man könnte hart sagen: der Charme. Vielleicht war da einfach etwas viel Jason Statham, der Ritchie einige seiner größten Erfolge beschert hat, aber bei aller Liebe: Der Mann ist weder Redford noch Newman. Ganz groß wurde es zuletzt 2019 mit „The Gentlemen“, einer Rückkehr zur cleveren High-Speed-Komödie, in der sich Matthew McConaughey, Colin Farrell und besonders Hugh Grant sarkastisch beharkten.
„In the Grey“, Ritchies neuestes Star-Vehikel, scheint nach der gleichen Erkenntnis gedreht worden zu sein. Es gibt zwei neue Stars, die ihre Zeit mit der Planung extravaganter Fluchtrouten und gegenseitigen Sticheleien (im Zweifel mit homoerotischen Untertönen) herumbringen: Henry Cavill und Jake Gyllenhaal. Cavill war schon Superman, kann aber auch Komödie, und Gyllenhaal kann sowieso alles und bringt zudem einen willkommenen Art-House-Stallgeruch mit. Das Trio komplettiert Newcomerin Eiza González, eine der für Ritchie seltenen Frauenfiguren. Sie ist nominell die Chefin der beiden Männer, hat aber wenig mehr zu tun als wirtschaftsanwältlich dreinzuschauen und beim wiederholten Gerettetwerden gut auszusehen.
Großkalibrig: „In the Grey“Die Story fällt kaum durch besondere Fallstricke oder Cleverheiten auf, sondern vollzieht sich weitgehend linear: Böser Gauner, der bondschurkenhaft auf einer De-facto-Privatinsel haust, leiht sich Geld bei noch böserem Hedgefonds und zahlt es nicht zurück. Besagte schöne Anwältin, deren Spezialgebiet die legale Grauzone ist (daher der Titel), schickt sich an, die Kohle zurückzuholen. Dafür planen ihre Mannen wacker den halben Film, als wären sie selbst seine Regisseure. Sie steuern sogar dauernd Kameradrohnen und kümmern sich um die Soundtechnik im Apartment des Bösewichts, damit sie (und wir) gut zuhören können.
Es geht viel um Extraktionspunkte und Falltüren in Bananenplantagen, allerlei Luft-Boden-Raketen werden bestellt und wilde Motorradfahrten durch ausgetrocknete Flussbetten geprobt. Dann kommt erst alles anders und dann doch genau wie gedacht. Kurz, ein Riesenspaß, der aber selbst mehr von der zentralen Verfolgungsjagd auf der Insel des Bösen hat, als ihm lieb sein kann: So richtig weit kommt hier keiner.
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