Eine junge Frau, die vor 83 Jahren von den Deutschen in Auschwitz ermordet wurde, radelt durchs Amsterdam von heute. Damit fängt „Etty“ an, die – legen wir uns frühzeitig fest – vielleicht wichtigste, beste Serie des Jahres – Hagai Levis Sechsteiler, der um die niederländische Schriftstellerin Etty Hillesum (1914 bis 1943) kreist. Die Stadt ist im Aufruhr. Es sind unruhige Zeiten. Die Kamera zittert um die junge Frau mit dem hektischen Blick. Folgt ihr, wie sie fiebrig frühstückt, durch ihre Wohngemeinschaft stürmt, schaut ihr über die Schulter, wie sie fiebrig schreibt, schaut ihr zu, wie sie denkt.
Man schaut Etty Hillesum gern beim Denken zu, weil alles, was in ihr tost, unmittelbar über ihr staunendes, verletzliches Gesicht weht. Julia Windischbauer ist Etty Hillesum. Man sollte sie mit Fernsehpreisen überschütten. Aber wir schweifen ab.
Auf der Straße vor der Universität wird gegen den Faschismus demonstriert und gegen neoliberale Ökonomie. Schilder werden verteilt, auf denen „Refugees welcome“ steht. Schwarz Gekleidete stehen rum und sehen zu. Sie werden mehr werden im Verlauf von Ettys Geschichte. Dann werden an jeder Ecke Panzerwagen stehen und Schilder an den Lokalen, an den Geschäften hängen, auf denen „Für Juden verboten“ steht. Und niemand in Amsterdam wird das stören.
Vor acht Jahren hat der Regisseur Christian Petzold „Transit“ genommen, jenen Roman, in dem Anna Seghers 1942 im mexikanischen Exil von deutschen Geflüchteten in Marseille erzählte, die aus dem besetzten Frankreich irgendwohin fliehen wollen. Und er hatte Paula Beer und Franz Rogowski als verzweifelt Verliebte durch ein gegenwärtiges Marseille laufen lassen.
Der Transitraum in Südfrankreich wurde so zur Zeitdruse, die Grenzen zwischen Gegenwart und Vergangenheit wurden durchlässig, die deutschen Flüchtlinge verwandelten sich in universale, zeitlose Heimatlose. Was damals war, ging uns heute unmittelbar an.
Hagai Levi nimmt die mit fast einem halben Jahrhundert Verspätung in den Niederlanden (und wiederum erst skandalöse weitere vierzig Jahre später in Deutschland) erschienenen Tagebücher und Briefe der Etty Hillesum, die seitdem zumindest in den Niederlanden annähernd so berühmt sind wie die von Anne Frank.
Und er nutzt die Petzold-Methode um sie absichtsvoll gerade nicht in einen Holocaust-Film zu verwandeln. Man sieht keine einzige Hakenkreuzflagge, die Bedrohung, der Antisemitismus, der Hass, die Gleichgültigkeit dessen, was mit den Juden geschieht, ist trotzdem überdeutlich. Man spürt ihn, sieht ihn, hört ihn in den Stimmen, sieht ihn gespiegelt in den Gesichtern.
Auf Nazi-Devotionalien-Deko kann, muss Levi verzichten, eben weil er keinen Historienfilm drehen wollte, sondern eine Nahzukunftsgeschichte, eine Geschichte, die davon handelt, was geschehen kann, wenn niemand aufsteht und sich verweigert. Und von einer Frau, die sich dagegen wehrt, dass die Besatzer ihr alles nehmen, was sie ausmacht, ihre Seele, ihr Etty-Hillesum-Sein. Die ausgerechnet im Gefängnis mit am Ende nur einem Ausgang, dem in die Vernichtung, sich findet, ihren unzerstörbaren Kern, ihre Freiheit.
Neidisch auf einen Selbstmörder
Die Geschichte geht so: Etty Hillesum, eine von Depressionen und Neurosen gepeinigte Tochter einer hochneurotischen, niederländisch-russischen Familie, studiert, liebt freizügig, lebt mit einem älteren Mann zusammen, fliegt durch ein vollgestelltes, chaotisches Leben, will den größten Roman der niederländischen Literaturgeschichte schreiben.
Immer am Rand des Abgrunds. „Manchmal“, hört man sie einmal sagen, „scheint es so viel leichter, nicht mehr zu leben, als zu leben.“ Auf ihren Professor, der sich erschießt, nachdem er von den Besatzern entlassen, ruiniert wird, weil er ein Linker ist, ist sie regelrecht neidisch, stellt sich vor, wie es gewesen wäre, wenn die Kugel durch seinen Kopf geflogen und auch sie getötet hätte. Manchmal ist Etty schwer auszuhalten.
Julius Spier (Sebastian Koch, r.) trifft einen Gestapo-KollegenDer Therapeut, der ihr Geliebter wird und ihr Wesen aus ihrer Hand liest – der zu seiner Zeit hochberühmte und aus Berlin nach Amsterdam geflohene Psycho-Chirologe Julius Spier –, schreibt ihr eine Diagnose. Sie – auch hier werden die Grenzen zwischen Vergangenheit und Gegenwart durchlässig und „Etty“ zu einer hochaktuellen Erzählung – hört sich an wie die Diagnose der Gen Z: Etty sei typisch für ihre Generation – mit ihrer endlosen Beschäftigung mit sich Selbst, ihrem Narzissmus, dem Fehlen jeglicher Ziele jenseits der eigenen Person. Eine Generation, die sich in sich selbst zurückzieht, statt sich zu politisieren.
Politisieren wird sich Etty bis zu ihrer Ermordung in Auschwitz nicht. Jedenfalls nicht im oberflächlichen Sinne. Sie geht auf keine Demo. Sie gründet keine Widerstandszelle. Sie wird selbst eine. Erst für sich, dann für die Juden, die von den Besatzern erst ins Lager Westerbork gebracht und dann weiter nach Auschwitz in den Tod transportiert werden. Mit Spier – der ihr Yoga-Übungen beibringt und sie zum Tagebuchschreiben anhält – entdeckt sie eine Philosophie der Demut. Sie räumt ihr Leben auf und ihre Seele frei. Eine Heldin wird sie ebenso wenig wie eine Märtyrerin, wenn überhaupt wird sie eine Heilige der Resilienz.
Es gibt unfassbare Szenen in dieser Serie, die mit kleinsten Mitteln die gewaltigsten Geschichten erzählt. Wie Etty einmal mit dem Rad an den Grachten vorbeifährt und immer mehr das tun und man schon glaubt, es wäre eine Fahrraddemo. Sie fahren unter einem sonnigen Abendhimmel einem Schrottplatz im Schatten einer Autobahn zu. Die Radler sind die Juden Amsterdams, die ihre Räder abgeben müssen. Die Räder landen auf Haufen, die aussehen wie die Haufen der Brillengestelle in Auschwitz. Und im Hintergrund raucht ein Schornstein.
Das eigentliche Zentrum von „Etty“ sind aber Gesichter. Und Gespräche. Gespräche über Gott, den wir nicht zur Rechenschaft ziehen können für das Leiden, das wir uns auf der Welt antun. Gespräche über das Leiden, über den Tod, den wir in unser Leben lassen müssen, über die Verantwortung, die wir füreinander haben, über Verluste, die uns frei machen. Und den Kern in uns, der unzerstörbar ist.
Alle Gewerke arbeiten zusammen daran, dass man nicht loskommt von „Etty“. Martijn van Broekhuizens Kamera, die Musik des Oscar-Gewinners Volker Bertelsmann („Im Westen nichts Neues“), der gesamt Cast mit Sebastian Koch, der Julius Spier mit der vielleicht schönsten, nachdenklichsten, leisesten Sebastian-Koch-Haftigkeit gibt.
Und natürlich Julia Windischbauer. Die alles von Etty Hillesum gelesen hat, die für „Etty“ sogar Niederländisch lernte (was man teilweise hört) und sich in einer geradezu erschütternden Weise in Etty verwandelt. Sie ist überall in dieser Serie. Sie trägt jede Szene. Levi lässt sie nicht los, forscht sie geradezu aus in ihrer ganzen Rätselhaftigkeit, in ihrer Widersprüchlichkeit, ihrer Größe, die ihr Windischbauer fast spielerisch leicht gibt.
Der größte niederländische Roman
Hagai Levi hat aus Etty Hillesums Tagebüchern und Briefen gemacht, was Etty nicht mehr zu tun vergönnt war – vielleicht nicht den größten Roman der niederländischen Literaturgeschichte, aber doch einen sehr, sehr großen. „Wir fahren singend ins Lager“, steht auf der letzten Nachricht, die wir von Etty Hillesum haben. Sie hat sie auf eine Postkarte geschrieben, die sie durch die Ritze jenes Waggons fallen ließ, der sie nach Auschwitz brachte. Dort ist sie am 30. November 1943 ermordet worden.
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