Du spielst nicht, um geliebt zu werden.“ Das ist der zentrale Satz in dem sehenswerten italienischen Kostümspielfilm „Vivaldi und ich“. Er wird eben von genau jenem komponierenden „roten Priester“ (wegen seiner Haare) an eine seiner Schülerinnen gerichtet. Kunst soll authentisch und uneitel sein.

Der Satz könnte aber auch von seinem Regisseur Damiano Michieletto zu einer Sängerin gesagt worden sein. Denn hauptsächlich ist der gerade 50 Jahre alt Gewordene in der Oper tätig. Ja, er ist einer der meistgefragten Musiktheater-Inszenatoren in ganz Europa, seit er 2008 für seine beim Rossini-Festival in Pesaro gezeigte „Diebische Elster“ in einem spektakulären Ambiente aus schwebenden Riesenröhren mit dem Premio Franco Abbiati, Italiens wichtigstem Regiepreis, ausgezeichnet wurde. Inzwischen hat es Michieletto bis nach London, Paris, Mailand, München, Dresden, Berlin, New York und Sydney geschafft.

„Deswegen war es wunderbar, als mich die Leute von Indigo Film angesprochen haben“, erzählt Michieletto. „Die kannten einige Inszenierungen von mir und fanden sie kinematografisch. Vor allem in der Art, wie ich mit den Charakteren spiele. Also kam ich mit ein paar Ideen. Eine davon war die Geschichte von Vivaldi. Ich hatte die Novelle ,Stabat Mater‘ von Tiziano Scarpa gelesen und dachte, das wäre etwas. Es geht um Musik. Es geht um meine Geburtsstadt Venedig. Als Venezianer saugt man dort Vivaldi-Klänge mit der Muttermilch auf. Manchmal fast zu viel und nicht immer in erster Qualität. ,Vivaldi und ich‘ war ein schönes Heimkommen. Denn auch wenn ich inzwischen in der ganzen Welt unterwegs bin: Venedig hat mich nie losgelassen.“

Zudem war ein Film für Damiano Michieletto etwas, das er noch nie gemacht hatte. In der Oper kann man proben, dann kommt die Premiere, beim Film muss sehr viel mehr vorher fixiert sein. So musste er aus seiner Komfortzone: „Wenn man in der Oper arbeitet, hat man immer die gleichen Mitwirkenden, Administratoren, Kritiker. Es ist eine schöne Welt, aber sehr begrenzt. Ich wollte etwas Neues versuchen, mich herausfordern.“

Aus „Primavera“ wird „Vivaldi und ich“

Und obwohl der vielbeschäftigte Regisseur solches dieses Jahr etwa auch mit der von ihm unter anderen für Cecilia Bartoli konzipierten Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Mailand unternommen hat oder er sich im Juli auf der Bregenzer Seebühne für „La traviata“ der größten Opern-Open-Air-Spielfläche überhaupt stellen wird: Die Arbeit hinter der Kamera war noch einmal etwas anderes.

Tiziano Scarpas Buch „Stabat Mater“ von 2008 ist eigentlich nur ein langer, hier dramatisch aufgelöster und zugespitzter Monolog des Waisenmädchens Cecilia, das im Ospedale della Pietà, einem der drei kirchlichen Waisenhäuser der Stadt, heranwächst, die berühmt sind für ihre musikalische Ausbildung. Gleichzeitig müssen die Mädchen, die anonym bleiben und hinter Gittern spielen, mit ihren Konzerten für die Einkünfte der Klöster sorgen. Es ist eine rigide, disziplinierte, strenge Welt, die Michilietto hier in graubrauen, winterlich kühlen Tönen zeigt. Sie erinnert in der bewusst ärmlichen, gar nicht barockschwelgerisch opulenten, doch präzisen Optik ein wenig an „Die Chronik der Anna Magdalena Bach“ von Jean-Marie Straub von 1968.

Michele Riondino als Vivaldi und Tecla Insolia als Cecilia

Im Original heißt der Film „Primavera“, nach dem „Frühling“ aus Vivaldis berühmtester Komposition, die freilich in der hier dargestellten Epoche um 1716, zur Zeit des Sieges der Venezianer gegen die Türken auf Korfu, noch gar nicht veröffentlicht war. Doch der deutsche, zugegeben populistische Verleihtitel „Vivaldi und ich“ führt ein wenig in die Irre. Denn genauso wenig wie da ein weiteres Mal eine in bunten Farben und bekannten Ansichten schwelgende Venedig-Vedute vorgeführt wird, ist hier eher kaum bekannter Vivaldi zu hören, etwa von Philippe Jarussky gesungene Kirchenkompositionen und das anlässlich des Sieges über die Türken geschriebene Oratorium „Juditha triumphans“. Oder dessen Musik wird vom Filmscore von Fabio Massimo Capogrosso überlagert.

„Mein Film erzählt von einer Selbstfindung und weiblicher Emanzipation“, erklärt Damiano Michilietto. Zugleich bietet er ein stimmungsvoll minimalistisches, doch atmosphärisches, ein anderes Venedig ab. Eines mit strengen sozialen Schranken. Trotzdem rebelliert die mittels nie abgeschickter Briefe an die unbekannte Mutter nach ihrer Identität suchende Cecilia erfolgreich dagegen, auch wenn sie das einen möglichen Ehemann und ihre Künstlerinnen-Existenz kostet.

Am Ende lässt sie Michieletto aus dem Kloster fliehen und er glaubt auch fest, dass sie ihre Chance bekommen wird, eben ihren „Frühling“. Man sieht solche Hoffnung zumindest in den faszinierenden Augen der aufstrebenden Schauspielerin Tecla Insolia, die mit dem zurückhaltenden Michele Riondino als Vivaldi ein famoses, dabei zurückhaltendes Duo bildet.

Gerade auch, weil Michieletto ihnen keine Liebesgeschichte andichtet und weil Musik hier nicht nur Gefühle weckt, sondern als Mittel weiblicher Selbstfindung dient. Im realen Priesterleben Antonio Vivaldis durfte das ja auch gar nicht sein. Während Cecilias Geschichte Fiktion ist, nicht aber die Tatsache, dass viele der Waisenmädchen, die von ledigen Müttern oder Prostituierten anonym abgegeben worden waren, ein oft geteiltes, oder abgeschnittenes Bild oder Schriftstück mitbekommen hatten, falls sich die Mütter doch noch offenbaren wollten, wurde der Komponist immer wieder mit Frauen in Verbindung gebracht.

Die Mezzosopranistin Anna Girò, war eine seiner besten Operninterpretinnen. Vivaldi reiste mit ihr auch nach Prag und auf seinen letzten Trip nach Wien, wo er 1741 verarmt starb. Es bleibt historisch genauso offen, wie die Beziehung war, wie spekulative Verbindungen zu den Ospedale-Mädchen, von denen einige begabte Geigerinnen, für die Vivaldi spezifisch schrieb, immerhin mit dem Vornamen bekannt sind.

Für Cecilia setzt sich der kränkelnde, wohl an Asthma leidende Vivaldi ein, ihr Schicksal verhindert er aber letztlich nicht. Als Künstler stand er sich wohl selbst am nächsten. Auch eine Charakterfacette, die Damiano Michielettos reizvoll andere, unsentimentale, in sparsamen Farben lasierte und nur einmal den Blick auf das Hinterland, die terra ferma, weitende Venedig-Facette als Seitenblick aus einer anderen Künstlerwelt so realistisch erscheinen lässt. Auch wenn sie gut erfunden ist.

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