Ist der Tod wirklich das Ende? Was ist das Wesen der Zeit? Existieren die Vergangenheit und die Zukunft in anderen Welten parallel zur Gegenwart, in die sie manchmal hineinragen, in Träumen, Déjà-vus und deutlichen Vorahnungen? Können wir mit unseren Toten Kontakt aufnehmen und sie in unser Jetzt zurückholen, sie auferstehen lassen? Es gibt Schriftsteller, die stoßen den Leser sofort und übergangslos in tiefste Fragen, gleichgültig, welche Geschichte sie gerade vordergründig erzählen. Dostojewski ist so einer. Karl Ove Knausgård ebenfalls.
So ist es alles andere als zufällig, dass in dem Roman „Die Wölfe aus dem Wald der Ewigkeit“ (2023) dem gerade vom Wehrdienst nach Hause zurückgekehrten, verpeilten und nicht gerade buchaffinen Teenager Syvert von seinem alten Pfarrer empfohlen, nein, aufgetragen wird, „Verbrechen und Strafe“ zu lesen. Der Pfarrer hatte einst sogar (im Norwegen des Kalten Kriegs) Russisch gelernt, nur um Dostojewski im Original lesen zu können.
Diese Sprachkenntnisse sind der Grund, aus dem Syvert, längst aus der Kirche ausgetreten, ihn aufsucht. Denn er fand im Schuppen russische Briefe an seinen vor Jahren tödlich mit dem Auto verunglückten Vater. Der Pfarrer soll sie ihm übersetzen – als Gegenleistung verlangt er, dass Syvert Dostojewski liest. Schließlich erfährt Syvert, dass der Vater vor seinem Tod, Mitte der 70er-Jahre, eine Geliebte in der Sowjetunion hatte, ein ihm vollkommen unbekanntes Doppelleben.
„Die Wölfe“ waren der zweite Band von Knausgårds neuem Romanzyklus, der anders als die „Min Kamp“-Reihe nicht autobiografisch ist, sondern ein riesiges, miteinander kompliziert verschränktes Figurenpanorama präsentiert. Der neue, fünfte „Morgenstern“-Band „Arendal“ spielt im Winter 1975/76 und ist aus der Perspektive dieses Vaters erzählt. Der Ingenieur Syvert Løyning (er trägt den gleichen Namen wie sein Sohn) kommt von einer Dienstreise zurück und bleibt auf dem Heimweg zu seiner Familie mit dem Auto vor dem Städtchen Arendal liegen.
Äußerlich passiert nicht viel: Er stapft zu Fuß durch die eisige Kälte, holt den Abschleppdienst, ruft die wartende Frau und die beiden kleinen Söhne an, nimmt im Ort ein Hotelzimmer, kann nicht schlafen, betrinkt sich und läuft ziellos durch die Nacht. Zwischendurch trifft er zufällig eine alte Bekannte, die ihm vom überraschenden Tod ihres Bruders, einem seiner Jugendfreunde, erzählt.
Typisch Knausgård, dass dieses an Banalität kaum zu überbietende Tableau zur Bühne eines Welttheaters wird, auf der die großen Fragen der Existenz verhandelt werden. Dazu kommen kleine Irritationen in der Szenerie. Sie wirken wie Anschlussfehler in einem Film, unheilvolle Zeichen wie im Horrorroman, eine Kirche am Fjord, zu der es Løyning unwillkürlich zieht, die nächtliche Begegnung mit einer spiritistischen Sekte, ein plötzlicher Filmriss, der zugleich den Blick in eine andere Dimension freigibt.
Løyning, so wird klar, hat nicht einfach ein gehöriges Alkoholproblem, sondern steckt in einer schweren Lebenskrise. Er hat auf einer Reise in die UdSSR seine große Liebe gefunden, Asja, und die Unmöglichkeit einer gemeinsamen Zukunft zerreißt ihn.
Ihre bereits im früheren Band zitierten wunderbaren Liebesbriefe (die der Pfarrer übersetzte) spielen abermals eine Rolle. Syvert trägt sie wie einen Schatz mit sich. Vor Kurzem erst hatte er Asja seine Entscheidung mitgeteilt, bei seiner Familie zu bleiben und die Beziehung abzubrechen. Aus dem „Wölfe“-Band (ein großer Teil seiner rund 1000 Seiten spielt in Russland) weiß der Knausgård-Leser aber schon, dass dies nicht das Ende der Geschichte ist. Løyning wird Asja wiedersehen, sie wird von ihm schwanger werden, die 1977, kurz vor seinem Tod, geborene Tochter aber wird er nie kennenlernen. Syvert, der Sohn, wird diese Alevtina, seine unbekannte Halbschwester, nach der Wende in Moskau besuchen.
Romanzyklen, die über Tausende Seiten reichen, stellen den erst später einsteigenden Leser vor dasselbe Problem, das jemand hat, der bei einer Serie mit der dritten Staffel anfängt. Nur dass es hier am Anfang kein automatisches Recap der Vorgeschichte gibt, die hier auch noch eine Nachgeschichte ist. Für sich allein genommen ist „Arendal“ die Geschichte einer männlichen Midlife-Crisis, in der der Ausbruchsversuch aus dem spießigen Familienvaterdasein mit einer metaphysischen Erschütterung zusammenfällt.
Løyning, ein norwegischer Homo faber, überzeugter Rationalist und Materialist, wird mit dem Jenseits konfrontiert, und das wirft ihn endgültig aus der planvoll entworfenen Lebensbahn. In raffinierter Konstruktion führt Knausgård die Handlung bis an ein offenes Ende, das, wie wir schon wissen, nur der Beginn von etwas Neuem ist. Der „Morgenstern“-Zyklus, dieser faszinierende Kosmos voller Zeichen und Wunder, wird noch mindestens zwei weitere Bände umfassen.
Karl Ove Knausgård: „Arendal“. Aus dem Norwegischen von Paul Berf. Luchterhand, 384 S., 26 Euro.
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