Was war das beste Stück aller Zeiten in 75 Jahren Wiener Festwochen? „Der Sturm“ des genialen Peter Brook? „Hamlet“ des vor 100 Jahren geborenen Ausnahmekünstlers Peter Zadek? „Die Möwe“ des ehemaligen Festwochen-Intendanten Luc Bondy mit Jutta Lampe und Gert Voss? Oder doch „Die Gewehre der Frau Kathrin Angerer“ des viel zu früh verstorbenen René Pollesch? Milo Rau, der aktuelle Intendant der Wiener Festwochen, bringt zur Eröffnung der Jubiläumsausgabe die Geschichte des Festivals zwischen Skandal und Hochkultur auf die Bühne. „Das beste Stück aller Zeiten“ des 49-jährigen Schweizers verneigt sich vor dem Wiener Publikum und macht Lust auf mehr.

Rau ist ein talentierter Menschenfischer und Geschichtensammler, wie er seiner charmanten Revue wieder einmal unter Beweis stellt. Knapp 20 Laien tummeln sich auf der Bühne im Museumsquartier, die dem Regisseur des Abends dieses Mal ins Netz gegangen sind. Sie erzählen aus ihrem Leben, was Rau locker miteinander verknüpft.

Vielstimmigkeit ist hier das formgebende Prinzip. „Ist das überhaupt ein Stück, was wir hier machen?“, wird einmal gefragt. Oder eher ein Kuriositätenkabinett? Egal. Durch den Abend führen die Schauspieler Samouil Stoyanov, der am Volkstheater zum absoluten Publikumsliebling gereift ist, und Inge Maux, die in Wien längst Legendenstatus genießt.

Ein erster Höhepunkt des kurzweiligen Abends ist eine Prozession mit einem weißen Pferd vorneweg (ein echter Lipizzaner, wie es heißt!), das Ensemble folgt mit in die Höhe gehaltenen Ikonenbildern: George Tabori und Bondy sind da zu sehen, aber auch Pollesch, Elfriede Jelinek und Christoph Schlingensief. Die Hausheiligen der Wiener Festwochen. Später gibt es sogar noch eine durch KI ermöglichte Geisterbeschwörung, bei dem Avatare von Tabori, Bondy und Pollesch zum Videoleben erweckt werden. Irgendwie unheimlich, aber auch ein bisschen schön – und eine der interessanteren Ideen für KI-Einsatz im Theater, das seit der Antike mit Totenbeschwörung zu tun hat.

Traditionsbruch gehört bei den Wiener Festwochen zur Tradition, die an diesem Abend ausführlich gepflegt wird: Tatsächlich hat Rau eine Frau gefunden, die bei der Eröffnung der ersten Wiener Festwochen im Jahr 1951 dabei gewesen ist und sich noch lebhaft erinnern kann, wie sich die alten Nazis im Publikum über „Affenmusik“ empörten, als mit Boogie-Woogie der damals neueste Tanzmusikschrei aus den USA gespielt wurde. Der jungen Frau gefiel’s und so kam sie über die nächsten 75 Jahre immer wieder, nicht nur zum Tanzen. Dass wilde Partys bis heute selbstverständlich zu den Festwochen gehören, erzählt ein schwuler Muslim, der Stammgast beim Aftershow-Vergnügen ist.

Und so geht es in lockerer Folge weiter: Ein Nackter singt herzergreifend Händel, ein anderer pinkelt sich in den Mund und macht bunte Urinfontänen damit, bevor es „Schnipp schnapp, Pimmel ab!“ heißt (sieht täuschend echt aus, ist aber natürlich nur ein Theatertrick). Eine Christin erzählt, wie sie mit ihrer Gemeinde gegen ein Festwochen-Stück protestiert hat, bei dem Attrappen von Handgranaten auf ein Jesusporträt geworfen wurden, was ebenso wie eine Kreuzigung prompt reenacted wird.

Nachdem eine wunderbar verrätselte Szene aus Peter Handkes „Die Stunde da wir nichts voneinander wussten“ gespielt wird, erzählt eine Frau von ihren Erfahrungen unter anderem als Hundedarstellerin bei den Extremperformances von Florentina Holzinger, Marina Abramović und Signa. Der Theaterkritiker der „Kronenzeitung“ wird aus dem Saal auf die Bühne geholt und darf über Schlingensiefs „Container-Aktion“ reden, auch im Vergleich zur jüngeren Provokationslust im Theater („Wenn man Empörung inflationiert, schwächt sie sich.“). Ein alter Beleuchtungsmeister im Rollstuhl erzählt von einer jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit Regiegrößen. Und so weiter.

Je größer das aus Versatzstücken der Vergangenheit zusammengesetzte Festwochen-Wimmelbild wird, desto mehr Lust bekommt man als Zuschauer, sich in die folgenden fast 40 Tage prall gefülltes Programm zu stürzen. Zudem in Sachen Grenzüberschreitung mit Florentina Holzingers neunstündigem „Pfingstspiel“ und Angélica Liddels Ode an den japanischen Grenzgänger und Selbstmörder Yukio Mishima „Seppuku“ wirklich Vielversprechendes auf dem Spielplan steht.

Hartnäckige Gerüchte über Peter Thiel

Mit „Der Sturm“ kommt außerdem das letzte Stück des kürzlich verstorbenen Robert Wilson nach Wien oder die Wagner-Oper „Parsifal“ in der futuristischen Inszenierung von Susanne Kennedy. Auch gibt es wieder ein üppiges Diskursprogramm mit dem Höhepunkt eines großen „Glaubenstribunals“, bei dem es um die Aneignung von Religion durch Politik geht. Und hartnäckig hält sich das Gerücht, dass der Tech-Milliardär Peter Thiel bei den Festwochen auftreten wird.

Bevor es in Wien jedoch mit oder ohne Thiel um das neue Amerika der kybernetisch beschleunigten Weltzündelei geht, kommt das gute alte Amerika zu Besuch. Und zwar in Gestalt von Patti Smith, der obercoolen Sängerin, die den New Yorker Avantgardemythos um das Chelsea Hotel mit Working-Class-Aufrichtigkeit und Rock’n’Rimbaud verbindet. Genau 50 Jahre nach ihrem ersten Auftritt in Wien ist Smith gleich für mehrere Konzerte wieder da und noch immer voller Energie. Auch bei der großen Eröffnung, die wegen des Eurovision Song Contests auf das Pfingstwochenende und vom Rathausplatz auf den Heldenplatz verschoben wurde, dürfte der Weltstar so umjubelt werden wie schon bei der Zugabe des ersten Konzerts mit der unvergesslichen Hymne „Because the Night“.

Und was ist nun eigentlich aus dem besten Stück aller Zeiten geworden? Bei Rau steht am Ende ein älterer Mann auf der Bühne. Früher war er Sportler, heute ist er unheilbar an Krebs erkrankt. Wie ein Totenhemd zieht er einen OP-Kittel an und legt sich in das Krankenhausbett, während nur ein paar Meter entfernt auf der Bühne ein kleines Baby ist, das im Lichtkegel selbstvergessen an seinen Füßchen herumspielt. Tod und Geburt ganz nah beieinander. Große Rührung.

Rau kann nämlich auch Ergriffenheit inszenieren, die haarscharf am Rande des Existenzialkitschs balanciert, und das sehr gut. Da bleibt im Saal kein Auge trocken. Das beste Stück aller Zeiten ist nämlich das Leben selbst.

„Das beste Stück aller Zeiten“ läuft bei den Wiener Festwochen.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.