Endlich mal eine interessante Meldung von der etwas vorhersehbar gewordenen Digitalkonferenz Republica. Auf einer Podiumsdiskussion zum Thema Klasse wurde über Autorenvorschüsse geplaudert. Und dabei wurden Summen ausgeplaudert, die man öffentlich praktisch nie zu hören bekommt. Nicht nur, weil man allgemein nicht über Geld redet. Sondern weil in der Kulturbranche noch weniger über Finanzen als anderswo geredet wird.
Nirgendwo anders kann man den kommerziellen Misserfolg so sehr schönreden wie in der Kultur. Weil Kommerz ja schnöde – mit Adorno zu sprechen: Kulturindustrie ist – und kulturelle Bedeutung sich nie nur an Verkäufen und Umsätzen, sondern auch an anderen Prestige-Parametern bemisst: Preisen, Auszeichnungen, medialer Aufmerksamkeit von Eliten, in sozialen Netzwerken, Einzigartigkeit und Originalität, Vermarktbarkeit im Ausland etcetera.
Auf dem Republica-Podium saßen die Journalistin Mareice Kaiser und der Philosoph Hanno Sauer, zwei Autoren, die zuletzt mit Büchern zur Klassengesellschaft aufgefallen sind. Sie veröffentlichte „Wie viel. Was wir mit Geld machen und was Geld mit uns macht“ (Rowohlt Polaris). Er publizierte „Klasse. Die Entstehung von Oben und Unten“. Genau deswegen wurden sie für ein Panel gepaart, genau deswegen lautete das Thema „Unsichtbare Ordnung? Was Klasse heute bedeutet“.
Dann, an einer entscheidenden Stelle der Diskussion, die in sozialen Netzwerken viral ging und in diesem Video (ab Minute 4:15) nachzuhören ist, werden die Vorschüsse genannt:
Hanno Sauer: „Und auch du hast richtig gesagt, besonders lukrativ ist es ja in der Regel nicht. Als finanzielle Entscheidung ist es jetzt nicht das Klügste, zu sagen: Schreib’ mal ein Buch, wenn du gerade knapp bei Kasse bist.“
Mareice Kaiser: „Müssten wir mal unsere Vorschüsse vergleichen, die wir bekommen haben für unsere Bücher. Könnten wir ja mal machen jetzt.“
Hanno Sauer: „Ja, können wir machen. Sollen wir, hm, sollen wir?“
Mareice Kaiser: „Äh ja, dafür bin ich hier, oder?“
Hanno Sauer: „Also, ich habe 160.000 dafür bekommen als Vorschuss.“
Mareice Kaiser: „Ich 15.000. – Ich hab noch nie in meinem ganzen Leben 160.000 Euro für irgendwas bekommen, noch nie in meinem ganzen Leben.“
Hanno Sauer: „Äh, ich schon des Öfteren.“
Nun muss man alle, die sich an dieser Stelle vorschnell über diese Ungleichheit empören oder gar einen Gender Pay Gap in der Literaturbranche ausmachen wollen, ausbremsen. Über die Honorare zweier Autoren – und zwar unabhängig von ihrem Geschlecht – zu reden, heißt, Äpfel mit Birnen zu vergleichen.
Mareice Kaisers Buch „Alles inklusive“, von dem sie bei der Veranstaltung spricht, erschien 2016 bei S. Fischer und brachte ihr laut eigenen Angaben 15.000 Euro Vorschuss ein. Das Buch erzählte vom Leben mit einer behinderten Tochter. Eine klassische Fallgeschichte, die natürlich auch eine gesellschaftliche Dimension hat – vor allem aber ein persönliches Schicksal.
Hanno Sauer und der „Zwei-Buch-Deal“
Hanno Sauer, der sich nach dem Viralwerden seiner Panel-Aussagen einer lebhaften Debatte im sozialen Netzwerk X ausgesetzt sah, erklärte sich. Er habe den Vorschuss vor seinem ersten Buch „Moral. Die Erfindung von Gut und Böse“ erhalten. Sein Verlag Piper wollte allerdings gleich zwei Bücher unter Vertrag nehmen. „Der Vorschuss war also eigentlich 110k für Moral und 50k für Klasse. In der Sache ändert das nichts, aber diesen Aspekt wollte ich aufklären, weil sich jetzt so viele Leute mit dem Thema im Detail beschäftigen.“
Auch der Piper-Verlag bestätigt auf Anfrage den „Zwei-Buch-Deal“. Autorenvorschüsse dienen in solchen Fällen also explizit dazu, einen bestimmten Autor oder eine Autorin längerfristig an einen Verlag zu binden, ihn nicht nur für ein, sondern idealerweise schon für ein zweites Buch zu verpflichten.
Warum gibt es überhaupt Buchvorschüsse? Sie werden dafür bezahlt, dass ein Buch überhaupt geschrieben wird, denn ein Buch, das konzipiert, recherchiert und ordentlich formuliert wird, braucht Zeit. Die will bezahlt werden, denn an Büchern wird monate-, manchmal jahrelang gearbeitet. Währenddessen bleibt oft keine Zeit für einen anderen Brotjob. Freie Autoren haben oft kein anderes Einkommen als ihren Vorschuss. Und jeder Buchvorschuss ist eine Wette auf die Zukunft.
Wieviel Exemplare wirklich verkauft werden, ob sich der Vorschuss für den jeweiligen Autor und den Verlag lohnt, hängt von vielen Faktoren ab. Vor allem aber vom realen Verkauf der Bücher. Hanno Sauer hat nach Angaben des Piper-Verlags 63.000 Stück (Print und E-Book, ohne Hörbuch, das nicht von Piper vertrieben wird) verkauft.
Zu Mareice Kaisers Büchern konnte WELT trotz Anfrage bei den Verlagen noch keine konkreten Verkaufszahlen in Erfahrung bringen. Aber ganz offensichtlich hatte sie keinen Zwei-Buch-Deal, denn bei Fischer ist nur ihr erstes Buch „Alles inklusive. Aus dem Leben mit meiner behinderten Tochter“ (2016) erschienen, während ihre zwei Folgebücher „Das Unwohlsein der modernen Mutter“ (2021) und „Wie viel“ (2022) bei Rowohlt Polaris verlegt sind.
Was Autoren verdienen
Ein tatsächliches Autoreneinkommen setzt sich übrigens aus vielen Quellen zusammen, nicht nur aus Vorschüssen, sondern auch aus realen Abverkäufen, die – je nach Vertrag – ab einer gewissen Höhe in der Regel gesondert honoriert werden. Des Weiteren leben Autoren auch von Auftritten, Lesungen, journalistischen Beiträgen – oder Folgeprojekten, die sich aus einem Buch ergeben.
Die meisten Autoren lassen sich heute von Agenten vertreten, sowohl Mareice Kaiser als auch Hanno Sauer sind bei renommierten Branchenadressen unter Vertrag. Kaiser bei Marcel Hartges, Sauer bei Gaeb & Eggers.
Der Vorschuss hängt von vielen Faktoren ab: Ist ein Autor auf Social Media präsent? Birgt das Buchthema gesellschaftliche Sprengkraft, liegt es im Trend der Zeit? Wie viele ähnliche Bücher zu einem Thema gibt es schon? Ist der Buchinhalt für andere Medien (Verfilmung) und Sprachräume lizenzierbar? Wie viele symbolische Meinungsführer lassen sich für ein Thema begeistern – und wie viele reale Leser? Denn nicht alle, die bei Social Media ihr Like geben, münzen ihr signalisiertes Interesse in reale Buchkäufe um – auch diese Erfahrung haben Agenturen, Verlage und Autoren in den vergangenen Jahren zuhauf gemacht. All das sind Faktoren, die das Büchermachen zu einer oft unwägbaren Angelegenheit determinieren.
Die Genderfrage spielt bei alldem die geringste Rolle. Pierre Bourdieu, ein berühmter französischer Soziologe, hat „Die Regeln des Spiels“ in seinem gleichnamigen Klassiker erklärt. Danach gehören Kulturprodukte zum Markt der symbolischen Güter, und es geht bei ihnen nie nur um eine Kapitalsorte (Geldeinkünfte), sondern immer auch um soziales, kulturelles und symbolisches Kapital. Es gibt immer mal wieder Wellen, in denen Beschwerden hochkommen, diese oder jene Autorengruppe würde benachteiligt oder bevorzugt.
Als um das Jahr 2000 in Deutschland Millionenvorschüsse für Jungautoren wie Benjamin Lebert und Rebecca Casati (eine ehemalige Journalistin, die Mutter eines Kindes von Frank Schirrmacher) publik wurden, ging ein Raunen etablierter Autoren durchs Land: Ob Jugend denn jetzt ein Wert an sich sei? Das entscheidet sich immer wieder neu. Gerade scheint die Hochkonjunktur der Young-Adult-Szene an ihren Peak zu kommen. Der Kurswert eines Autors bemisst sich ständig neu, er hat mit zahlreichen Faktoren und bestenfalls indirekt mit seinem Geschlecht zu tun, vor allem aber mit seinem Nimbus und Status auf dem Buchmarkt.
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