In einem offenen Brief haben 32 Autoren ihren Rückzug aus dem Westend-Verlag angekündigt, darunter der Linken-Politiker Gregor Gysi, die „taz“-Journalistin Ulrike Herrmann und die ehemalige SPD-Politikerin Andrea Ypsilanti. Sie werfen dem Verlag eine Nähe zum Rechtspopulismus vor. Der Brief liegt WELT vor. Zuerst hatte der „Spiegel“ berichtet.
Die Autoren distanzieren sich in dem Brief öffentlich von einer ihrer Meinung nach vollzogenen Neuausrichtung des Verlagsprogramms. Auf ein Gesprächsangebot sei Verleger Markus J. Karsten nicht eingegangen. Westend habe sich bisher „ausdrücklich als Plattform für kritische, linke Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen – ohne Anspruch auf ideologische Geschlossenheit“ verstanden. Doch diese Positionierung sei von der Homepage des Verlages gestrichen worden.
Der 2004 gegründete Westend-Verlag aus Neu-Isenburg hat sich auf Sachbücher aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Ökologie spezialisiert. Lange bediente der Verlag mit Kritik am Kapitalismus ein Meinungsspektrum links der Mitte. Doch in den vergangenen Jahren stießen auch Autoren wie der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki (unter anderem „Aufwind im freien Fall“) oder WELT-Herausgeber Ulf Poschardt („Shitbürgertum“) zum Westend-Verlag.
Diesen Schritt erkennen die Unterzeichner des Briefes ausdrücklich an. „Wir haben ‚Westend‘ als Ort geschätzt, an dem sehr unterschiedliche Überzeugungen aufeinanderstießen, die allerdings in aller Regel vom demokratischen Geist und dem Willen nach Verbesserung der gesellschaftlichen Verhältnisse geprägt waren“, heißt es in dem Brief. „Wir haben im Sinne der Meinungsfreiheit selbstverständlich auch akzeptiert, dass Sie das Portfolio Ihres Verlages um Autoren wie Wolfgang Kubicki und Ulf Poschardt erweitert haben.“
Auslöser für den Bruch der Autoren ist die Veröffentlichung des Sammelbandes „Links – Deutsch / Deutsch – Links“ der „Nius“-Journalisten Pauline Voss und Julian Reichelt. Reichelt ist Chefredakteur des Portals, Voss seine Stellvertreterin. In dem Sammelband zeigen mehrere Autoren auf, wie Begriffe wie „unsere Demokratie“, „Hass und Hetze“ oder „Energiewende“ von einem linken Milieu geprägt wurden.
Die Unterzeichner werfen Verleger Karsten vor, mit dem Werk das Spektrum der Veröffentlichungen „bis hin zur extremen Rechten“ erweitert zu haben. „Dieses Buch ragt nicht nur dadurch heraus, dass Sie damit Ihren Verlag den Führungspersonen eines Portals zur Verfügung stellen, das Tag für Tag große Teile des demokratischen Spektrums verunglimpft. Der Band enthält zudem Texte von Autorinnen und Autoren, deren Positionen der AfD nahestehen, einer aus unserer Sicht demokratiebedrohenden Partei“, heißt es.
„Wir erkennen ausdrücklich Ihr selbstverständliches Recht an, zu veröffentlichen, was Sie wollen, auch wenn Sie damit rechten Kulturkämpferinnen und -kämpfern eine weitere Plattform bieten. Wir nehmen allerdings für uns das Recht in Anspruch, unsere publizistische Arbeit nicht in dieser ideologischen Nachbarschaft fortzusetzen“, endet der Brief.
Westend-Verlag will abweichende Positionen nicht diskreditieren
Der Westend-Verlag nahm den Brief „mit Bedauern“ zur Kenntnis, wie es in einer Stellungnahme heißt. Der Verlag verweist auf die leicht geänderte Positionierung auf seiner Website. „Wir verstehen uns ausdrücklich als Plattform für kritische, an sozialer Gerechtigkeit und umfassender Teilhabe orientierte Perspektiven auf gesellschaftliche Entwicklungen – ohne Anspruch auf ideologische Geschlossenheit“, heißt es dort.
„Ebenso betonen wir unmissverständlich, dass abweichende Positionen, die sich innerhalb des demokratischen Rechtsrahmens bewegen, bei uns nicht diskreditiert, sondern als Beiträge zu einer offenen Debatte ernst genommen werden“, teilte der Verlag mit. Gerade unterschiedliche und auch gegensätzliche Ansätze seien hilfreich. Seit jeher pflege der Verlag einen engen Austausch mit seinen Autoren. „Deswegen stehen unsere Türen, wie jeder weiß, und auch in Anspruch nimmt und nahm, immer offen“, heißt es.
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