Als Kohei Saito den Saal betritt, wird der japanische Philosoph von der Moderation wie ein seltenes Tier angekündigt, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Wie das Schnabeltier, das der überzeugte Hegelianer und Darwinist Friedrich Engels für ein Lügenmärchen hielt, bis er das eierlegende Säugetier mit eigenen Augen in einem englischen Zoo bestaunen durfte.
Als „Marxist und Bestseller-Autor“, wie der Moderator sagt, ist Saito nämlich gleichermaßen das Schnabeltier der Gegenwart. Zwei Bestimmungen, die sich kategorisch auszuschließen scheinen. Hunderte sind an diesem Tag in die Wiener Akademie der bildenden Künste gekommen, um die Ausnahmegestalt zu erleben. Die Stühle reichen bei weitem nicht, jedes freie Fleckchen wird vom Publikum erobert, das sich sogar auf den Stufen zu Füßen des 39-Jährigen tummelt. Darunter sind auffallend wenig Rentner, dafür viele junge Hipster, die später Selfies mit dem Superstar des zeitgenössischen Marxismus machen oder sich Bücher vom Autor persönlich signieren lassen.
Saito kommt erst fünf Minuten vor Beginn der Buchvorstellung am Veranstaltungsort an. Sechs Stunden hing er am Hamburger Flughafen fest. Als er endlich in Wien landete, war auch noch sein Gepäck verschwunden. Die österreichische Hauptstadt ist die letzte Station seiner Reise, zuvor hat er bereits in Berlin, Köln, Bremen und Hamburg die deutsche Übersetzung seines neuesten Buches vorgestellt. „Apokalypse im Anthropozän“ wurde im April 2026 auf Japanisch veröffentlicht und war sofort ein Kassenschlager.
Unter dem Titel „Am Ende des Fortschritts. Überleben in den Ruinen des Kapitalismus“ ist das Buch jetzt – nur wenige Monate später – auf Deutsch erschienen, demnächst folgen die englische, französische und italienische Ausgabe. Von seinem Vorgängerbuch „Kapital im Anthropozän“, 2020 auf Japanisch und 2023 unter dem Titel „Systemsturz“ auf Deutsch veröffentlicht, wurden allein in Japan über eine halbe Million Exemplare verkauft, dazu kamen über 15 Übersetzungen. Was ist das Geheimnis seines Erfolgs?
Obwohl Saito Professor für Philosophie an der renommierten Universität von Tokio ist, wirkt sein Auftritt keineswegs professoral, sondern wie ein perfekt einstudierter TED-Talk von einem gut gelaunten Start-up-Typen aus dem Silicon Valley. Saito trägt eine lockere Hose, die Ärmel seines Hemds sind hochgekrempelt, das halblange Haar umrahmt locker die Styler-Hornbrille. Er spricht auf Englisch, drückt sich klar und verständlich aus, ohne akademischen Jargon oder marxologische Verkrampftheit.
Saito spricht auch perfekt Deutsch. Er hat in Berlin Hegel und Marx gewälzt und seine Doktorarbeit geschrieben. Deutsche Philosophie hat in Japan immer noch einen sehr guten Ruf, erzählt Saito, auch wenn er inzwischen kaum noch weiß, welche deutschen Gegenwartsphilosophen er seinen Studenten präsentieren soll. Wen gibt es da heute noch? Der Tod von Jürgen Habermas hat auch im Ausland eine deutlich wahrnehmbare Lücke hinterlassen, der philosophische Weltgeist ist orientierungslos.
Für das Wiener Publikum hat Saito eine überraschende Botschaft mitgebracht. „Es ist zu spät, den Planeten zu retten“, sagt er. „Die Zukunft wird schlimmer.“ Das klang vor sechs Jahren in „Systemsturz“ noch ganz anders. Damals plädierte Saito für einen Klima-Kommunismus, der die Idee des Postwachstums verwirklichen sollte. Frei nach dem Motto: Weniger ist mehr, um den Stoffwechsel zwischen Menschheit und Natur wieder in ruhigere Fahrwasser zu führen. Doch die Corona-Krise, die vielen Kriege und die Wirtschaftskrise haben Saito umdenken lassen.
Heute spricht er von einem irreparablen Riss im Stoffwechsel zwischen Mensch und Natur. Die Formulierung hat Saito beim späten Marx gefunden, der sich weit mehr für ökologische Fragen interessiert hat als gemeinhin bekannt. Saito hat die ökologischen Exzerpte und Schriften von Marx ediert und mit „Natur gegen Kapital“ einen viel beachteten Kommentar zum sogenannten ökologischen Marx verfasst, mit dem er auch die Klimabewegung in ihrer Sackgasse zwischen moralisierender Konsumkritik und blindem Aktionismus erreichen wollte.
Noch überraschender ist, was Saito heute als Lösung vorschlägt: einen „dunklen Sozialismus“. Es ist eine Antwort auf die „dunkle Aufklärung“, wie sie von Denkern wie dem Briten Nick Land oder dem Amerikaner Curtis Yarvin propagiert wird und inzwischen mit Elon Musk oder Peter Thiel prominente Anhänger unter den Big-Tech-Milliardären hat. „Die ‚dunkle Aufklärung‘ versteht genau, was heute passiert“, sagt Saito. Die Moderne sei am Ende. Das Dunkle sei das Reale. Und der Postliberalismus sei das Authentische, das die Verlogenheit des Liberalismus – auch in der Spielart eines „progressiven Neoliberalismus“ – entlarvt.
Saito klickt auf seinem Laptop eine Folie in seiner Präsentation weiter, auf der er Alexander Karp mit seinem Manifest „The Technological Republic“ zitiert. Der Chef des umstrittenen Software-Konzerns Palantir liege völlig richtig damit, dass der heutige Kapitalismus im Westen nur Konsumspielereien wie Social Media, aber keine wirklichen Innovationen mehr hervorbringe, so Saito. Anders als Karp hält er „Patriotic Tech“ jedoch nicht für den Ausweg aus dieser Sackgasse, sondern plädiert für eine andere Überlebensstrategie.
Und anders als viele Linke hält Saito auch die oft beschworene Gefahr eines gesellschaftlichen Zusammenbruchs nicht für ein rechtes Narrativ, sondern für eine realistische Beschreibung des kommenden Unheils. „Was wir gerade erleben, ist nur der Vorgeschmack darauf, was uns noch erwartet“, sagt Saito. Es breche eine Epoche der „permanenten Mangelwirtschaft“ an, mit brutalen Verteilungskämpfen. Es klingt fast wie in den Filmen von „Mad Max“: eine verwüstete Welt, in der abgeschottete und hochgerüstete Enklaven um wenige Ressourcen kämpfen, während drumherum die Barbarei der Bandenherrschaft tobt. Eine Wirklichkeit, die nur noch eine ideologische Parole kennt: Für alle reicht es nicht.
Für den Gegenentwurf – alle oder keiner – will Saito ein Minimalprogramm entwerfen. Es gehe längst nicht mehr um Sozialismus oder Barbarei, sondern um Sozialismus in der Barbarei. Nicht mehr um Emanzipation, sondern ums Überleben. Um das Aufhalten der apokalyptischen Reiter Seuche, Krieg, Hunger und Tod. Entdeckt nun auch die Linke die politische Theologie des Katechon?
Das Publikum hängt an Saitos Lippen. Doch wie viel Marx steckt eigentlich in seinen Ausführungen? Zwischendurch muss man an Peter Sloterdijk denken, der in seinem Klimabuch „Die Reue des Prometheus“ die Menschheit als Kollektiv aus Brandstiftern und die liberale Emanzipation der Französischen Revolution als erledigt bezeichnet hat, oder an das nihilistische Pamphlet „Desert. Hurra, die Welt geht unter“, das vor zehn Jahren unter Ökoanarchisten zirkulierte.
Am Morgen nach der Buchvorstellung und kurz vor seinem Rückflug nach Japan sitzt Saito in der Lobby seines Hotels, nur wenige Schritte von der Akademie entfernt. Er erklärt, warum viele Menschen heute den Eindruck haben, in einer Gesellschaft zu leben, die Sackgasse und Pulverfass zugleich ist. Für Saito liegt das am Technokapitalismus, den er mit Marx als Rentenkapitalismus bezeichnet. Rente meinte im 19. Jahrhundert allerdings nicht Pension, sondern den Pachtzins. Heute gehe es um den digitalen Pachtzins der Tech-Monopole, die eigentlich nichts produzieren, sondern nur monopolisieren, so Saito. Das führe zu Innovationsstau, zur sogenannten Enshittification, also einem Qualitätsverfall von Dienstleistungen im Internet, und zu Ressourcenverschwendung.
Saito ist überzeugt, dass der Digital- und KI-Boom nicht mehr lange anhalten wird. „Wir erleben gerade den Peak, die Blase wird in spätestens ein bis zwei Jahren platzen“, sagt er. Den spektakulären Börsengang von SpaceX und OpenAI deutet Saito als Indiz, dass auch die Konzerne das nahende Ende des Hypes ahnen und vor der großen Börsendämmerung noch alles herausholen wollen. Auf die apokalyptischen Zustände, die dann drohen, bereiteten sich Leute wie Musk und Thiel schon länger vor. Deswegen propagiere die „dunkle Aufklärung“ das Ende von Demokratie und Gleichheit. „Am Ende der Entwicklung des Technokapitalismus steht eine Kontrollgesellschaft, die soziale Instabilität mit Zwang zu unterdrücken versucht“, schreibt Saito in „Am Ende des Fortschritts“.
Mit Leuten wie Thiel müsse man sich auseinandersetzen. Sie auszuladen, wie bei den Wiener Festwochen, hält Saito für einen Fehler. Er selbst habe im japanischen Fernsehen auch schon mit bekannten Rechtspopulisten diskutiert, erzählt er. Die „dunkle Aufklärung“ hält er für eine erfolgreiche Ideologie, von der man lernen müsse. Gerade auch als Marxist.
Ist der „dunkle Sozialismus“ ein radikales Programm? Die Wirklichkeit sei heute viel radikaler als die Linke, erwidert Saito. Seit der Corona-Krise herrsche im Westen Kriegswirtschaft. Der freie Markt sei längst durch den Rentenkapitalismus beseitigt. Und die Tech-Monopole wenden Tools der Planwirtschaft an. Das könne man auch für die Demokratisierung von Staat und Wirtschaft nutzen, so Saito.
Auf der Suche nach Best-Practice-Beispielen ist der Philosoph im Wien des beginnenden 20. Jahrhunderts gelandet. Saito beschwört das „Rote Wien“ und den „Wiener Kreis“ mit seiner lebhaften Debatte über sozialistische Wirtschaftsrechnung zwischen späteren Neoliberalen wie Ludwig von Mises und Friedrich August von Hayek und Austromarxisten wie Otto Neurath.
Ist Wien nicht nur der Ort, wo der Weltuntergang zehn Jahre später kommt, wie Karl Kraus einst sagte, sondern wo man sich auch für die kommende Apokalypse rüsten kann? Nicht umsonst gilt Wien heute noch immer als eine der lebenswertesten Städte der Welt, während in Berlin bereits Endzeitstimmung herrscht. Kohei Saito will nicht von der Krise als Chance sprechen, doch eines ist für ihn trotzdem klar: Erst wenn man den Niedergang des Alten akzeptiert, kann auch etwas wirklich Neues kommen.
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