Bis 2002 kennt man Eun-Me Ahn nur in Tanzkreisen. 1963 geboren, studiert die Südkoreanerin zeitgenössischen Tanz in Seoul, bevor sie für zehn Jahre nach New York geht. Mit gerade einmal 25 Jahren gründet sie bereits eine eigene Kompanie und arbeitet fortan auch als Choreografin. Virtuos verknüpft sie modernen Tanz und traditionelle Formen, sie wird immer berühmter.
Bis Ahn 2002 die ganz große Bühne stürmt: Sie inszeniert die Eröffnungszeremonie der Fußballweltmeisterschaft der Männer im südkoreanischen Daegu. In ihren Stücken beschäftigt sie sich heute mit Klischees über Asien und dem Tanz im abgeschotteten Norden der koreanischen Halbinsel. Mit ihrer Kompanie gastiert die „Pina Bausch Asiens“, wie Ahn auch genannt wird, jetzt beim Impulstanz in Wien, wo sie vom Publikum für ihre spektakulären Stücke gefeiert wird.
Auch im Alter von inzwischen 63 Jahren lässt es sich Ahn nicht nehmen, in all ihren Stücken selbst aufzutreten. Man erkennt sie sofort, nicht nur am kahlgeschorenen Kopf, sondern auch an einer besonderen Präsenz auf der Bühne. In ihrem neuesten Stück „Post-Orientalist Express“, das in Wien auf der großen Bühne des Burgtheaters gezeigt wird, taucht Ahn in einer Szene wie eine Königin oder Kaiserin in einem prächtigen Kleid auf, während ihr Ensemble weiße Papierschirme hält.
„Post-Orientalist Express“ beim Wiener ImplustanzIn einer anderen Szene sieht man sie als augenzwinkernde Karikatur eines Kung-Fu-Kriegers, der mit bloßer Hand alles zerschlägt, was man ihm hinhält. In ihren Stücken verbindet Ahn beides: Sie erschafft atemberaubend schöne Bilder und ist dabei immer wieder auch überraschend witzig.
Nach knapp 80 Minuten wilder Fahrt im „Post-Orientalist Express“ kann man sich nur noch die Augen reiben. Was hat man da gesehen und erlebt? Bühne, Kostüme und Choreografie, für alles zeichnet Ahn verantwortlich, verbinden sich zu einem rasanten Rausch der Farben und Symbole, wie TikTok auf LSD. Als ob man erst einen Algorithmus mit allen klassischen und popkulturellen Fantasiegebilden gefüttert hätte, die jemals mit dem Etikett „asiatisch“ versehen wurden, und ihn dann so lange halluzinieren lässt, bis ein psychedelischer Fiebertraum entsteht. Und als irgendwann inmitten unzähliger Kostümwechsel auch noch ein riesiger Panda über die Bühne hüpft, bekommt man vor ungläubigem Staunen und belustigter Verwunderung den Mund wirklich nicht mehr zu. Das Übertriebene, die Überfülle und das Überbordende – hier wird es zum Programm.
„Post-Orientalist Express“ ist so bunt und knallig, dass man sich wie in einer Show im Friedrichstadt-Palast fühlt. Wie viele Kritiken jedoch bemerkt haben, steckt hinter dem Spektakel ein ernstes Anliegen: Kolonialismuskritik! Bei Ahn gehe es um den kolonialen Blick des Westens auf Asien als sein imaginiertes Anderes, so oder so ähnlich liest man es häufiger. Während aber der akademische Postkolonialismus mit Edward Saids „Orientalismus“ im Gepäck nur verkniffen den bösen westlichen Blick anprangern und auf ein Bilderverbot pochen kann, dreht Ahn die Sache um – deswegen auch „Post–“ im Titel. Indem sie den Fantasieregler bei ihrem Bilderreigen bis zum Maximum aufdreht, lässt sie offenbar werden, was jedem Blick stets innewohnt: Fantasie nämlich. Wer dem Anderen gerecht werden will, muss sich selbst als fantasierendes Wesen begreifen lernen.
Den historischen Bilderwelten nicht einfach demonstrativ abzuschwören, sondern sich lustvoll in ihren fantasmatischen Kern zu begeben, um etwas über sich selbst zu erfahren, so funktioniert die getanzte Ideologiekritik bei Ahn. Wenn Dekonstruktion so schön und aufregend aussehen kann, dann mehr davon!
Um die Begegnung mit dem Eigenen im Anderen und umgekehrt – in diesem Fall mit dem nächsten Nachbarn – geht es auch in dem zweiten Wiener Gastspiel, dem im Volkstheater gezeigten „North Korea Dance“. So unterschiedlich sich der süd- und nordkoreanische Tanz entwickelt haben, gehen sie doch auf die gleichen Quellen zurück, wie die 1969 in Nordkorea gestorbene Tänzerin Choi Seung-Hee, die als „Mutter des modernen koreanischen Tanzes“ gilt. Ahn wagt nun mit „North Korea Dance“ einen künstlerischen Grenzgang in den Norden.
Weil Ahn als Südkoreanerin aber nicht real nach Nordkorea reisen kann, hat die Choreografin mithilfe von Internetvideos und Berichten rekonstruiert, wie jenseits der Grenze getanzt wird. Das Material, von offiziellen Propagandaballetten bis zu Volkstänzen, hat sie mit ihrem südkoreanischen Ensemble für eine eigene Choreografie – auch hier wieder mehr Fantasie als Faktencheck – genutzt. Nicht, um einen angeblich authentischen nordkoreanischen Tanz zu rekonstruieren oder von dem südkoreanischen Pendant abzugrenzen, sondern um zu schauen, wie sich die Gesellschaftsformation auf das Bewegungsmaterial im Tanz auswirkt. Eine Annäherung, die Unterschiede weder verwischt noch verfestigt. Und auch das ist, von der Bühne mit den pompösen Glitzervorhängen bis zu den einfallsreichen Kostümen, umwerfend schön anzusehen.
„Post-Orientalist Express“ von Eun-Me Ahn„North Korea Dance“ feierte 2018 Premiere. Damals schien es für kurze Zeit vorstellbar, dass sich die beiden Koreas annähern, womöglich gar eines Tages vereinigen werden. Heute ist das nicht mehr so, die Beziehung der beiden Länder hat sich verschlechtert. Wo politisch keine Bewegung ist, kann der Tanz immerhin noch davon träumen. Ahns Stück ist heute vermutlich utopischer als vor acht Jahren.
Und wie kam Ahn eigentlich zu der Bezeichnung „Pina Bausch Asiens“? Tatsächlich haben sich Ahn und Bausch bei einem Gastspiel von „Nelken“ in Seoul kennengelernt, im Jahr 2000. Die beiden Starchoreografinnen verstanden sich gut, wie Ahn einmal erzählte. Nach einer Karaoke-Nacht in Südkorea folgte eine Gegeneinladung nach Wuppertal. Und so unterschiedlich ihre Stile sind, haben sie heute gemeinsam, dass man sie auf der ganzen Welt kennt.
„Post-Orientalist Express“ und „North Korea Dance“ sind beim Wiener Impulstanzfestival zu sehen.
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