In Zeiten, in denen fast jeder schon fast überall war und darüber in Wort und Bild berichtet hat, fühlt sich Reisen oft an wie die Adaption einer Adaption einer Adaption. Wer zum Beispiel gerade auf Sizilien oder auf Hiddensee seinen Urlaub verbringt, kann die Kulissen mit Lars Jessens neuem Spielfilm „Spaziergang nach Syrakus“ abgleichen. Der Film basiert auf dem 1995 erschienenen Buch „Spaziergang von Rostock nach Syrakus“ von Friedrich Christian Delius, das wiederum auf der wahren Geschichte des Kellners Klaus Müller beruht, der 1988 den DDR-Grenzschutz narrte und auf seiner Jolle von Hiddensee nach Dänemark segelte. Müller wollte auf den Spuren des Reiseberichts „Spaziergang nach Syrakus im Jahre 1802“ von Johann Gottfried Seume nach Italien reisen, und schon der hatte seinen Tacitus dabei.

Seume gehörte zu dem einen Prozent der Bevölkerung, das damals über Zeit und Mittel verfügte, zu reisen. Heute befinden sich dem Fachmagazin Aero International zufolge weltweit ständig bis zu zwei Millionen Menschen gleichzeitig in der Luft, in 8000 bis 15.000 Flugzeugen. Es wird eng, aber die viel zu vielen, das sind immer die anderen. Ob man es nun Urlaub, Workation, Skillydays oder Overtourismus nennt: Für die einen ist es eine halbjährlich abzuhakende Selbstverständlichkeit und ein Menschenrecht wie das Autofahren, für die anderen die endgültige Selbstzerstörung der Menschheit. In der Krise ist nicht das Reisen, in der Krise sind Wunsch und Sehnsucht, wirklich in der Ferne sein zu können, konfrontiert mit etwas, das den Blick aufs Eigene verändert.

Ohne die Konstruktion des „Anderen“ sind weder die Geschichte des Reisens noch die des Krieges zu verstehen. Der 2023 verstorbene französische Ethnologe und Anthropologe Marc Augé ging sogar so weit, dass er im Tourismus „den Tod“ und „die vollendete Form des Krieges“ erkannte, wie er in „L’Impossible voyage“ (1997) schreibt. Augé meint damit nicht, dass Touristen gewaltsame Eroberer im wörtlichen Sinne sind. Doch der moderne Massentourismus stellt ihm zufolge eine gewaltlose Form der Aneignung von Welt dar. Der Krieg dringt in ein fremdes Gebiet ein, macht es zugänglich, nimmt es in Besitz und verändert es. Der Massentourismus tut etwas strukturell Ähnliches, nur statt mit Soldaten mit Hotels, Straßen, Flugzeugen, Konsum und Bildern.

Durch diesen Standardisierungsprozess erzeugt er „Nicht-Orte“: Räume, die nicht primär durch eine gemeinsame Geschichte und soziale Beziehungen geprägt sind, sondern durch Transit, Konsum und anonyme Nutzung. Dazu gehören Flughäfen, Autobahnen, Einkaufszentren und immergleiche Hotels. Weil nicht jeder freiwillig reist, könnte man auch Flüchtlings-Auffanglager dazurechnen. Das Mittelmeer hat sich zum buchstäblichen Brennglas dieser Gleichzeitigkeiten entwickelt.

Wie es ist, seinen Aufenthaltsort nicht frei bestimmen zu dürfen, wusste auch Seume. Der studierte Theologe (später machte er noch Abschlüsse in Jura, Philosophie, Philologie und Geschichte) wurde 1781 auf dem Weg nach Paris von hessischen Soldatenwerbern festgehalten und zum Dienst in der Armee gezwungen. Der Landgraf von Hessen-Kassel vermietete ihn an England für den Kampf im Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg. Dem Angriff auf die eigene Autonomie wusste der Dichter jedoch etwas entgegenzusetzen, etwa indem er „während des langen Feuers kartätschensicher zuweilen in einer Mauernische neben den Grenadieren saß und in meinem Taschenhomer blätterte“. Lesen als Widerstand. So wird selbst eine Mauernische zum Freiraum.

Seumes „Spaziergang“ liest sich heute wie ein Gegenkonzept zu dem, was Augé im Massentourismus erkennt. Jessens Film findet dafür eine so schlichte wie ergreifende Szene. Als Paul Gompitz zu Fuß über die Alpen gelangt, klopft er im Abendrot an die Tür eines Berghotels. Der Wirt hat eigentlich geschlossen, aber er öffnet dem Fremden. Beim ersten Teller Pasta mit echtem Parmesan, der den DDR-Bürger zu Tränen rührt, erzählt der Italiener, er sei selbst noch nie gereist oder am Meer gewesen. Aber, fügt er hinzu, er habe sein eigenes. Ob er es dem Gast zeigen darf?

Dieses Meer ist nur ein winziger Bergtümpel. Der Gast sagt nun aber nicht: Das ist doch gar kein Meer! Sondern: Dann lass uns reinspringen. Dieser Reisende empfängt nicht nur, er hat auch etwas zu geben: seine Kultur, seine Freiheit. Aus einer Pfütze in den Bergen wird ein FKK-Strand, an dem beide Spaß haben: Deutscher und Italiener, Gast und Wirt, Tourist und Einheimischer. In diesem utopischen Bild sind sie einfach zwei fröhliche, nackte Männer im selben kalten Wasser.

Diese kleine Szene bringt auf den Punkt, was Seume in seinem Reisebericht unter „Humanität“ versteht: kein bloßes Synonym für Freundlichkeit oder Menschenliebe, sondern eine Haltung. Eine, in der Menschen einander als freie und grundsätzlich gleichwertige Wesen begegnen.

Bei Seume hat Humanität eine sehr praktische, undogmatische Seite. Sie zeigt sich nicht in philosophischen Bekenntnissen oder Bildungshuberei, sondern darin, wie man mit anderen umgeht: ohne Standesdünkel, nationale Überheblichkeit oder Vorurteile. Deshalb interessiert er sich in seinem auch heute noch lesenswerten Buch so stark für die konkrete Lebenssituation der Menschen. Zu Fuß zu gehen, ist dabei die Voraussetzung, das alles überhaupt mitzubekommen. „Ich bin der Meinung“, schreibt er an anderer Stelle („Mein Sommer 1805“), „dass alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. So wie man im Wagen sitzt, hat man sich sogleich einige Grade von der ursprünglichen Humanität entfernt. Man kann niemand mehr fest und rein ins Angesicht sehen“.

„Entmenschte Gesichter“ in Dresden

Um Dresden trifft er „so viele trübselige, unglückliche, entmenschte Gesichter, daß man alle fünf Minuten auf eines stößt, das öffentliche Züchtigung verdient zu haben oder sie eben zu geben bereit scheint“. In Rimini begeistert ihn eine Wasserleitung, die „ein Papst Paul, ich weiß nicht welcher“, den Bürgern habe bauen lassen: „Wenn ein Papst eine recht schöne wohltätige Wasserleitung baut, kann man ihm fast vergeben, daß er Papst ist.“ Am Zustand der Infrastruktur und der Laune der Bevölkerung liest Seume keine Nationalcharaktere ab, sondern nur, wie gut oder schlecht die Menschen regiert werden.

Italien-Fan Klaus Müller, 1941 in Dresden geboren, fehlte es in seinem Land an nichts außer an der restlichen Welt. „Gehen, um zu bleiben: aus der DDR nach Italien – und zurück“ heißt deshalb seine 2014 erschienene Autobiografie. Kein Flüchtling, ein Reisender sei er, betonte er stets, und die Beamten hüben wie drüben wunderten sich darüber genauso wie die misstrauischen Grenzer bei Seume, die nicht glauben wollten, dass jemand einen solchen Marsch auf sich nahm, nur um in Syrakus ein wenig zu „spazieren“. Müller kehrte wie geplant in die DDR zurück und wurde lediglich zu einer Geldstrafe verurteilt; Seume schrieb sein Buch und wurde berühmt.

Auf Müllers Geschichte stieß der 2022 verstorbene Schriftsteller Friedrich Christian Delius. Er traf sich mehrfach mit dem Segler und stellte seinem Buch ein Seume-Zitat voran: Sein Gang nach Sizilien, so Seume, sei „vielleicht der erste ganz freie Entschluß von einiger Bedeutung“ in seinem Leben gewesen. Delius hatte ein feines Sensorium für die innere Verbindung zwischen Seume und jemandem wie Müller: Beider Denken und Tun kreist um das Misstrauen gegenüber allen, deren Geschäft es ist, Angst zu erzeugen, damit man schön stillhält. Aber: Wer sich niemals vorsieht, bloß um gegen den Mainstream zu sein, ist ebenso unfrei und womöglich bald tot. Seume hört ständig von bibbernden Mitreisenden Warnungen vor Mördern und Räubern. Delius’ Held „studiert genau, wie Seume Gefahren meisterte, wie er das Gerede der Leute über wirkliche Gefahren zu unterscheiden wusste von dummer Angstmacherei“. Fake News zu erkennen kann Leben retten; genau dazu braucht es einen „humanistischen“, genauen Blick auf die Mitwelt.

Dass Gompitz wie Müller von Hiddensee aus startet, gibt der Geschichte eine weitere Dimension als Allegorie auf die Freiheit. Italien stand für die offene Welt, freie Grenzüberquerung, westlichen Konsum und die „Wiege der abendländischen Kultur“. Hiddensee dagegen war ein erreichbarer Sehnsuchtsort innerhalb der DDR, eine innere Utopie. Es ist deshalb ein schöner Zufall, dass Annekatrin Hendels Dokumentarfilm „Hiddensee“ zeitgleich mit „Syrakus“ ins Kino kommt. Weit davon entfernt, Müllers Unternehmung als „Schwejkiade“ zu verniedlichen, verdichten sich in der Route Hiddensee–Italien die zwei Freiheitskonzepte von Wegfahren und Hierbleiben, an denen nichts veraltet ist, auch wenn die Umstände sich geändert haben. Wir können überall hin. Und dann?

„Wer abhaut, der muss auch irgendwo ankommen“, sagt im Film Pauls Segellehrer Günter (Thorsten Merten). Bei Jessen kehrt Paul nicht 1988 zurück, sondern erst im Herbst 1989, als sowieso die Mauer fällt. Eine melancholische Pointe, denn das Land, in dem ihn alle nur noch als den kennen sollten, der in Italien war, wie Paul es sich bei Delius ausmalt, dieses Land gibt es nicht mehr. Die Nische ist weg, alles ist weg, auch seine Frau Anne (Lina Beckmann). Die Weltpolitik verhagelt ihm auch noch die selbstbestimmte Rückkehr.

Die Ersatzfamilie des „vagabondo“

Wie der „Fliegende Holländer“ wird er umherziehen, als „vagabondo“, wie Freunde in Italien ihn nennen. Dort hat er 2006 immerhin eine Art Ersatzfamilie gefunden, als Teilzeitmitarbeiter eines Restaurants. Sie hören sich Pauls alte Schnurren gerne an, während sein Blick einmal auf einer New-York-Ansichtskarte hängenbleibt. Hört die Sehnsucht niemals auf? „Zu wem gehörst du, Paolo“, sagt sein Kollege, es ist eher eine Feststellung. Da stehen sie gerade vor leeren Tischen, es ist der Sommer 2006, im fernen Deutschland feiern sie ihre bunte Fußball-Nationalelf und „die Welt zu Gast bei Freunden“. Könnten wir nur zurück.

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