Um uns herum dröhnt, hupt, schreit die sommerliche Stadt, die Sirene eines Polizeiwagens lässt uns verstummen. Samanta Schweblin sagt, sie habe sich ihr ganzes Leben lang, schon als Kind, nach nichts mehr gesehnt als nach Alleinsein und Stille. Jetzt wohnt sie in Berlin-Kreuzberg in der Nähe des Schlesischen Tors; wir sitzen gleich an der lauten Kreuzung von Köpenicker und Skalitzer Straße in der Café-Bar „Tante Emma“, und sie seufzt: „Das ist der Klang meines Viertels.“

Wenn man aus Buenos Aires stammt, dann relativiert sich der Berliner Lebenslärm wahrscheinlich. Schweblin wurde 1978 in der argentinischen Hauptstadt geboren, wuchs dort auf, studierte und wurde dort zur Schriftstellerin. 2012 kam sie mit einem DAAD-Stipendium nach Berlin – und blieb. Warum, das frage sie sich bis heute selbst, sagt sie. Damals habe sie Abstand von ihrer Heimatstadt gewinnen wollen. Dann hatte sie eine Beziehung in Berlin, fand Freunde, gab Schreibkurse und wurde Teil der großen lateinamerikanischen Expat-Community. „Eine Blase“, wie sie selbst weiß. Das Interview führen wir auf Englisch. Ihr Deutsch sei fürchterlich, und darauf sei sie keineswegs stolz. Aber in ihrem Alltag müsse sie ihr bisschen Deutsch praktisch nie benutzen.

Das Ausland als Desintegration

Wo man in der Regel über Integration redet, spricht sie lieber von ihrer „Desintegration“ als Quintessenz ihres jahrelangen Lebens als Schriftstellerin im Ausland. „Ich bin von einer argentinischen zu einer lateinamerikanischen Autorin geworden.“ Erst als sie mit 34 nach Berlin gekommen sei, habe sie durch ihre neuen Freunde hier verstärkt die anderen Kulturen und Literaturen Süd- und Mittelamerikas entdeckt. Auch ihr Spanisch habe sich verändert, was sie auch als ein Problem empfindet. Denn primär schreibe sie immer noch für ihr argentinisches Publikum.

Mit ihren Short-Storys, in denen das Fantastische und Unheimliche in den Alltag einbrechen, ist Samanta Schweblin längst zu einer international gefeierten Autorin geworden. Ihre Bücher werden in 40 Sprachen übersetzt. Zuletzt erschien 2025 auf Deutsch ihr Band „Das gute Übel“ (bei Suhrkamp, wie alle ihre Bücher). Für Aufsehen sorgte in diesem Frühjahr, dass dieser Band in Spanien mit dem neu geschaffenen Aena-Literaturpreis als bestes spanischsprachiges Buch des Jahres ausgezeichnet wurde. Preisgeld: 1 Million Euro. Gestiftet wurde er von der Flughafenbetreibergesellschaft Aena. Das löste im spanischsprachigen Literaturbetrieb eine Debatte um Gerechtigkeit aus.

Schweblin sagt, diese Diskussion habe gerade gezeigt, wie wenig Schriftsteller eigentlich verdienen. Überhaupt gehe die Hälfte der Preissumme ans Finanzamt, und der Rest entspreche etwa der Zeit, die sie für zwei Bücher benötige, nämlich zehn Jahre. Ihr Leben werde sich durch das Geld nicht ändern, sie könne nun schreiben, was sie wolle, ohne Rücksicht auf die Interessen des Buchmarkts. Aber auf die nimmt sie sowieso keine Rücksicht. „Wir Künstler machen das nicht, um Geld zu verdienen, oder?“

Wiewohl sie auf den ersten Blick zart, fast zerbrechlich wirkt, ist sie im Gespräch ganz offen und klar. Ihre Begeisterung für ihr Metier spricht aus jedem Satz und ist so ansteckend wie ihr Lachen. Im Zentrum ihres Schreibens stehen die emotionale Wirkung und das, was sie den „Kern“ einer Geschichte nennt. Ein Plot sei, sagt sie, nur ein Mittel, um diesen Kern zu berühren.

„Willkommen im Club“, die erste Geschichte von „Das gute Übel“, erzählt von einer Mutter, die sich ihrem eintönigen Familienalltag durch Selbsttötung entzieht und dann mysteriös-geisterhaft weiterlebt, in einem zur Wirklichkeit gewordenen Fegefeuer. In „Der Allmächtige macht einen Besuch“ drängt sich ein Fremder in das monotone Leben einer alleinstehenden älteren Frau. Es sind seelische Ausnahmesituationen, krisenhafte Punkte, an denen die Normalität entgleitet und die Welt sich als ein Konstrukt offenbart, in dem andere Gesetze gelten, als sie dem Alltagsverstand vertraut sind. Vorangestellt ist dem Band ein Satz von Silvina Ocampo: „Das Seltsame ist immer wahrer.“

Das gilt auch für ihre früheren Bücher, etwa den Roman „Das Gift“ von 2014. Darin verzweifelt eine Mutter in der Provinz, als ihr Sohn plötzlich lebensgefährlich erkrankt und der Arzt zu lange brauchen würde. In ihrer Not bringt sie ihn zu einer als Hexe bekannten alten Frau. Deren Exorzismus hat die „Wanderung“ eines Teils seiner Seele zur Folge, sodass die Mutter hinterher ihr Kind nicht mehr wiederzuerkennen glaubt und sich von ihm entfremdet. Aberglaube, Fieberwahn, Horror und die gestörte Wahrnehmung einer von der Angst um ihr Kind besessenen Mutter verbinden sich mit der realen, gesellschaftskritischen Ebene eines Umweltskandals, der einst der Ausgangspunkt des Schreibens war. Der Roman, der zwischen Psychothriller, Horror und Familiendrama changiert, wurde von der peruanischen Regisseurin Claudia Llosa 2021 für Netflix verfilmt; am Drehbuch hat Schweblin selbst mitgearbeitet.

Einst hatte Schweblin in Buenos Aires Film studiert, aber nur, um dem theorielastigen Literaturstudium zu entgehen: „Beim Filmstudium wurden alle von der einen Frage umgetrieben: Wie funktioniert eine Story?“ Nach dem Abschluss aber hat sie sich gleich aufs Schreiben gestürzt, auf die praktische Anwendung des Gelernten im Medium der Sprache.

Immer wieder kommt sie im Gespräch auf den „Kern“ zurück, den Dreh- und Angelpunkt ihrer Poetik, und zitiert einen Satz von Rebecca Solnit, der es perfekt treffe: „A book is a heart that only beats in the chest of another.“ Literatur sei etwas, das real zwischen zwei Menschen passiere, dem Autor und dem Leser, „und nur zwischen diesen beiden Menschen“. Denn jeder lese eine Story anders, je nach seinen persönlichen Erfahrungen. „Es ist wie ein Tango, man kann es nicht allein tun.“

Immer schon habe sie stark wahrgenommen, erzählt Schweblin, was ein Buch mit ihr mache, ganz konkret beim Lesevorgang. Sie habe eine besondere Anstreichung für jene Stellen, an denen sie eine Lektüre abbricht, wo sie das Vertrauen in eine Geschichte verliert. Sie wolle dann immer exakt herausfinden, warum. Natürlich hat sie auch eine eigene Linie für besonders gute Stellen.

Der Weg bis zum perfekten Sprachtanz, dem idealen Rhythmus von Sätzen und Perspektiven, ist bei Schweblins eigenen Geschichten mitunter weit, es kann ein langer Prozess des Schreibens und Umschreibens sein. „Es liegen alle Karten auf dem Tisch, aber dann mische ich sie neu. Manchmal kann man das Herz einer Story hören, aber das reicht mir nicht, ich will es sehen und öffnen.“ Vielleicht liegt hier das Geheimnis ihrer Texte, die bei ihrer Kürze ein enormes spezifisches Gewicht aufweisen.

Kurzgeschichten haben in der argentinischen Literatur traditionell einen herausragenden Stellenwert; man denke an Julio Cortázar oder Jorge Luis Borges, der nie einen Roman geschrieben hat. Allgemein hat die Kurzgeschichte jedoch, verglichen mit den 50er- oder 60er-Jahren, an Popularität eingebüßt, nicht zuletzt auf dem Buchmarkt, der vor allem Romane verlangt. Viele Verlage behandeln Erzählungsbände stiefmütterlich, auch für manche Autoren sind sie eher dazu da, die Zeit zwischen zwei Romanen zu überbrücken.

Nicht für Schweblin: „Ich bin grundsätzlich eine Kurzgeschichten-Autorin. Und manchmal scheitere ich, und dann wird es ein Roman. Wie lang etwas wird, ist eine Folge der Geschichte, keine Entscheidung des Autors.“ Zugleich seien die Bände jeweils eine geschlossene Einheit, die einzelnen Storys untergründig und motivisch verbunden – beim Band „Sieben leere Häuser“ von 2015 sind es die äußeren Hüllen, die als stumme Zeugen den Dramen unseres Lebens beiwohnen.

Familie kehrt bei Schweblin als Thema immer wieder – die vulnerable Situation von Kindern, das Versagen von Eltern, die intensiven Ängste und Sorgen. Man hätte nicht vermutet, dass sie selbst keine Mutter ist. Hätte sie zwischen 25 und 35 in Buenos Aires Kinder bekommen, sagt Schweblin, wäre sie „in der Mutterschaft gefangen“ gewesen und hätte fürs Schreiben keine Zeit mehr gehabt. Auf die Frage, ob sie das bereue, kommt ein kategorisches „Überhaupt nicht. Null“. Und was die Inspiration angehe, sagt sie, so hätten Beziehungen immer zwei Seiten. „Ich bin nie eine Mutter gewesen, aber ein Kind – mein ganzes Leben lang. Eine unglaubliche Erfahrung.“

Anders als man bei ihren abgründigen Geschichten vermuten könnte, sei ihre Kindheit sehr glücklich gewesen. Ihre Eltern hätten die künstlerischen Ambitionen ihrer Kinder immer unterstützt (Schweblins Schwester ist Musikerin). Zur Zeit ihres eigenen Aufbruchs nach Berlin zog die Familie von Buenos Aires ganz in den Süden des Landes, nach Lago Puelo in Patagonien. Ein, zwei Monate im Winter verbringt Schweblin in dieser fantastischen Landschaft, auch um in Ruhe zu schreiben. Der Wegzug der Familie ist auch ein Grund dafür, dass sich Buenos Aires nicht mehr wie ihr Zuhause anfühlt.

Woher kommt bei Samanta Schweblin dieser unerschütterliche Glaube an die Literatur, an deren lebensverändernde Kraft? „In meiner Familie gab es sehr gute Leser, meine Mutter, meinen Großvater. Mit ‚gut‘ meine ich keine analytischen Fähigkeiten, sondern, dass sie buchstäblich beim Lesen zitterten. Ich erinnere mich, wie mein Großvater im Wohnzimmer Gedichte las und dabei zu weinen begann. Und ich dachte als Kind: Ich verstehe nichts davon, aber ich will, dass das mit mir passiert, mit meinem Körper. Das ist der Kern.“

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