Wenn am 6. September 2026 die AfD in Sachsen-Anhalt siegt, wäre das bisherige Parteiensystem Deutschlands in Magdeburg wohl endgültig magdeburgisiert. Das Verb „magdeburgisieren“ wird in Quellen zum Dreißigjährigen Krieg (1618–1648) im Sinne von „total zerstören, vernichten“ gebraucht. Anlass war die Eroberung der Stadt Magdeburg durch kaiserliche Truppen unter General Tilly am 20. Mai 1631 und das dreitägige Morden, Plündern und Vergewaltigen, das darauf folgte. 20.000 Menschen starben. Es war das größte Gräuel des ohnehin exemplarisch furchtbaren Krieges.

Der katholische Kaiser machte sich den Schrecken darüber zunutze und drohte widerspenstigen protestantischen Städten des Nordens ein ähnliches Schicksal an, falls sie weiter zu den Schweden des Königs Gustav Adolf halten sollten. In einem Schreiben aus Hamburg vom 28. Mai 1632 wird der Horror ausgemalt: „Und möchten sich die Imperialisten gelüsten lassen, im Reich überall, wo nun die Oberhand würden haben können, zu magdeburgisiren.“

Das Schicksal Magdeburgs hat jahrhundertelang die protestantische Erinnerungskultur bewegt. Noch Goethe bannte das Grauen 1798 in eine volksliedhafte Ballade namens „Die Zerstörung Magdeburgs“, die endet: „Die Weiber bangen sehr,/ Die Mägdlein noch viel mehr./ Was lebt, ist keine Jungfer mehr./ So raset Tillys Heer.“ Die fünfte Szene von Bertolt Brechts „Mutter Courage und ihre Kinder“ spielt in einem zerschossenen Dorf bei Magdeburg nach der Katastrophe.

Brecht wiederum hat für sein Theaterstück viele Motive aus den Werken des größten deutschen Schriftstellers des 17. Jahrhunderts gezogen: Grimmelshausen, der möglicherweise als zehn Jahre alter Trossbube den Untergang Magdeburgs 1631 miterlebte. In seinem „Simplicissimus“-Roman spielte die Katastrophe aber nur indirekt eine Rolle. Der Titelheld kommt fünf Jahre danach in ein Feldlager der Kaiserlichen und Sachsen vor Magdeburg. Die Stadt lag da noch immer in Trümmern und hatte nur noch einige Hundert Einwohner.

Simplicissimus verkleidet sich als Narr und als Frau, um seine Identität geheim zu halten. Von den Trossbuben wird er beinahe vergewaltigt. Nachdem er als Mann entlarvt ist, klagt man ihn als Spion an. Gerettet wird er ausgerechnet durch die Schlacht bei Wittstock, in der die Schweden über die kaiserlich-sächsische Allianz siegen. Sein „Herzensbruder“ Ulrich, der sich den Schweden angeschlossen hat, zieht ihn aus dem anschaulich, chaotisch und brutal geschilderten Kampfgetümmel.

Die Furcht vor der Wiederkehr solcher Schrecken hat Deutschland fast zwei Jahrhunderte geprägt. Noch Schiller, der eine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges schrieb, lebte im Bewusstsein, dass das halbwegs stabile deutsche Reich ein Produkt des Westfälischen Friedens war. Erst die napoleonischen Kriege und später die Weltkriege und die NS-Zeit haben 1618 bis 1648 in die hinteren Winkel der historischen Erinnerung verdrängt. Heute wird alles, was in Magdeburg geschieht, durch eine von 1933 bis 1945 geprägte Perspektive betrachtet.

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