Es ist eine wenig bekannte Tatsache, dass deutsche Staatsanwaltschaften keine europäischen Haftbefehle ausstellen dürfen, anders als französische, englische oder italienische. Das hat der Europäische Gerichtshof entschieden, denn deutsche Staatsanwälte seien nicht unabhängig genug von der Politik. Die deutsche Politik besitzt gegenüber der Justiz ein Weisungsrecht. Ein Bundes- oder Landesjustizminister kann Vorgaben machen, ob überhaupt und was ermittelt wird und wie im Zweifelsfall ein Strafgesetz auszulegen ist.

Dies ist eine Anomalie des deutschen Rechtssystems, an der sich lange wenige gestört haben – wohl auch, weil davon selten Gebrauch gemacht wurde. Doch dann bemerkte man, wie die rechtspopulistischen Regierungen in Polen und Ungarn systematisch die Justiz „säuberten“ – sprich: mit eigenen Gefolgsleuten besetzten – und begann, sich Gedanken darüber zu machen, was ein AfD-Justizminister, zum Beispiel in Sachsen-Anhalt, wohl tun würde.

Die deutsche Justiz wird ohne jeden Zweifel in den kommenden Jahren eines der Hauptfelder der politischen Auseinandersetzung werden. Die Justiz ist das Einfallstor für die Diktatur. Wer sie beherrscht, kann einen „Umbau“ legal bemänteln. Höchste Zeit, dass auch das deutsche Kino dies thematisiert.

Den Anfang machte Fatih Akin mit „Aus dem Nichts“, worin das rechtsextremistische Täterpaar mangels Beweisen freigesprochen wird. Und nun kommt Faraz Shariats „Staatsschutz“ ins Kino, der einen genauen Blick in das Innere der Rechtsmaschinerie wirft. Beides sind rare Exemplare eines hierzulande sehr vernachlässigten Genres: des Justizthrillers.

Staatsanwälte als neue Filmhelden

Faraz Shariat wurde 1994 in Köln geboren, als Enkel eines Ehepaars, das vor der Islamischen Revolution nach Deutschland floh. Sein Studium der Szenischen Künste absolvierte er nicht an einer unserer Filmschmieden, sondern an der Universität Hildesheim. Er ist kein Freund des deutschen Betroffenheitskinos, er dreht keine Thesenfilme, sondern hat für sich einmal den Begriff vom „aktivistischen Popcornkino“ geprägt.

Den mag er heute nicht mehr so richtig, aber er trifft auf „Staatsschutz“ durchaus zu. Seine Heldin ist Seyo Kim, eine junge Staatsanwältin mit koreanischen Vorfahren, die es immer wieder erlebt, dass Verfahren gegen rechte Straftäter eingestellt werden. Staatsanwälte sind keine wirklich attraktiven Filmhelden, und doch scheinen sie in Mode zu kommen; Sergei Loznitsas „Zwei Staatsanwälte“ lief voriges Jahr in Cannes; ein junger, idealistischer Staatsanwalt gerät in die gerade anlaufende Maschinerie der stalinistischen Säuberungen.

Seyo jedenfalls wird selbst Opfer eines rassistischen Anschlags und erwartet nun, dass ihre Behörde alles tut, um die Täter zu ermitteln. Das geschieht nicht. Sie begreift, dass sie nach außen wie nach innen ermitteln muss: wer die Täter sind – und wer die Ermittlungen verschleppt.

In doppelter Hinsicht Opfer: Staatsanwältin Seyo

Shariat lässt offen, wo seine Handlung spielt. Die Provinzstadt trägt den Namen Neuwerder, aber man hat das unbestimmte Gefühl, sich in den ostdeutschen Bundesländern zu befinden. „Staatsschutz“ ist ein Film des Unbehagens, Kim spürt, dass etwas nicht stimmt, aber es lässt sich nicht präzise festmachen. Ihre Gegner sind lange unsichtbar, die Gewalt ist schwer zu greifen.

Es geht um Unterwanderung – die des Justizsystems wie die der ganzen Gesellschaft – durch autoritäres Gedankengut. Es geht um das Gefühl, das viele in diesem Land haben, dass Nazis manchmal zu leicht davonkommen, während die Antifa mit der vollen Härte des Gesetzes verfolgt wird. „Griffe ein Muslim einen Staatsanwalt an“, sagt eine Figur in dem Film, „würde dies als nationaler Notstand gewertet werden.“

Der aussichtslose Aktivismus

Es geht um die Frage, warum so viele linke Aktivisten lieber auf die Straße gehen, als den Marsch durch die Institutionen anzutreten. Julia von Heinz’ „Und morgen die ganze Welt“ hat sich damit beschäftigt. Und es geht auch stark um das Gefühl der Ohnmacht einer Mehrheitsgesellschaft, die eine Resolution gegen Fremdenfeindlichkeit nach der anderen aufsetzt und Regenbogenfestivals im Wochentakt veranstaltet und doch die Umfragewerte für die Rechtspopulisten immer weiter steigen sieht.

Im Fall von Kim will der Staatsapparat nicht richtig auf Touren kommen. Damit sind wir in dem klassischen Thriller-Szenario, in dem der Held das System infrage zu stellen beginnt, in dem er arbeitet und an das er bisher geglaubt hat. In „Staatsschutz“ ist eine Frau die Heldin, wofür es im Kino wenige Vorbilder gibt, etwa Jamie Lee Curtis als Polizistin in „Blue Steel“ oder Sean Young – auch als Staatsanwältin – in „Das gnadenlose Auge“. Im deutschen Kino ist eine Figur wie Seyo eine Novität: Opfer einer Gewalttat und doch, trotz Warnungen ihrer Vorgesetzten, eisern entschlossen, sich nicht zum Opfer machen zu lassen.

Was aber sehr deutsch ist, ist die zentrale Frage von „Staatsschutz“, ob man trotz seiner offensichtlichen Mängel weiter Vertrauen in dieses angeknackste System setzen soll. Jamie Lee Curtis vertraut dem Dienstweg keinen Deut, allein ihrer Dienstwaffe, und Diane Kruger sprengt in „Aus dem Nichts“ die Täter (und sich) mit einer Nagelbombe in die Luft. Auch Seyo – die Neuentdeckung Chen Emilie Yan, die Angst und Wut und Beherrschung wunderbar ausbalanciert – sieht sich vor der Frage, ob Widerstand aus dem Inneren überhaupt möglich ist. Für alle Fälle beschafft sie sich eine Dienstwaffe und übt auf dem Schießstand. Sie wird sich entscheiden müssen zwischen Rache, Recht und Gerechtigkeit.

„Staatschutz“ ist ab dem 27. August 2026 im Kino zu sehen.

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