Deutschland ist grässlich. Das Geld ist knapp. Ich bin ständig müde.“ Diese ernüchternde Bilanz einer sechsmonatigen Reise zieht der 31‑jährige Samuel Beckett, während er im Winter 1936/37 sechs Monate lang quer durch Deutschland reist. Vielleicht hätte der Künstler als junger Mann ein lohnenderes Ziel wählen sollen als Hitlers Reich zwischen Olympischen Spielen und gewaltsamer Expansion.

Gab es nicht Italien? Oder wenigstens die Schweiz? Doch Samuel Beckett wollte sein ohnehin schon gutes Deutsch perfektionieren. Er wollte mit einem recht knappen Budget die musealen Schätze in Hamburg und Berlin, Nürnberg und München, Dresden und Braunschweig systematisch besichtigen, und zwar auch die bereits in die Depots verbannten Werke von jüdischen Künstlern wie Max Liebermann oder von verpönten Expressionisten wie Karl Schmidt-Rottluff oder Franz Marc.

Dass Beckett über diese Zeit im öden Germany ein ausführliches Tagebuch geführt hatte, war lange höchstens ein Gerücht gewesen. 1989 fand der Neffe des Dichters die Blätter mit immerhin 120.000 Wörtern im Pariser Nachlass. Nun liegt das Konvolut erstmals gedruckt vor, sogar zweisprachig, mit einer stilsicheren Übersetzung von Gaby Hartel sowie sorgfältig ediert und kommentiert von Mark Nixon und Oliver Lubrich. Um es vorweg zu sagen: Literaturhistorisch sind die „German Diaries“ eine Sensation. Schon allein, weil Beckett nur dieses eine Mal überhaupt Tagebuch geführt hat, und weil das nationalsozialistische Deutschland als Hintergrundfolie gerade beim Meister des Absurden und der peinlichen Introspektion wie ein explosives Experiment vor dem ernsthaften Schreiben wirkt.

Konzert mit Furtwängler: „Grauenhaft gespielt“

Eine genussvolle Lektüre bietet dieses nie zur Veröffentlichung vorgesehene, sperrige Dokument allerdings auch nicht. Das liegt vor allem an der Nutzung. Beckett wollte gründlich vermerken, welche Kunstwerke er bei seinen regelmäßigen Galerie- und Museumsbesuchen betrachten konnte. Die Notizen dienen ihm deutlich als Erinnerungsstütze, denn genauere Beschreibungen oder gar Interpretationen der neuen und alten Meister fehlen. Zum Beispiel: „Auch nach immerhin 16 Kinoabenden sowie etlichen Theater- und Konzertbesuchen enthielt sich der Lakoniker feuilletonistischer Weitschweifigkeit.“

Landet er etwa in München in einem Konzert, das der damals berühmte Wilhelm Furtwängler dirigiert, offenbart Beckett seinen überraschend sicheren Geschmack als Musikkritiker: „Grauenhaft gespielt.“ Neben zahlreichen ähnlichen Urteilen über Menschen, Bauwerke, urbane Landschaften kommt es aber auch zu sehr erhellenden Erfahrungen. Ebenfalls in München geht Beckett in einen Kabarettabend mit Liesl Karlstadt und Karl Valentin. Anfangs urteilt der irische Noch-Nicht-Absurdkünstler über seinen bayerischen Kollegen eher gemischt: „Wirklich guter Komiker, strahlt Depression aus, hat seine beste Zeit vielleicht hinter sich.“ Zwei Wochen später kommt es noch zu einem gegenseitigen Kennenlernen in Valentins verschrobenem Privatmuseum. So erfahren die (von Beckett nicht vorhergesehenen) Leser immer auch von Nischen in der zunehmend kontrollierten und ideologisierten Öffentlichkeit des verfestigten „Dritten Reiches“. Und dürfen sich mit Fug Valentin beim „Warten auf Godot“ imaginieren.

Auch andere, später prominente Reisende waren in jenen Jahren im braunen Regime unterwegs. Ingmar Bergman wurde als Besucher mitgerissen vom Reichsparteitag; John F. Kennedy leistete sich fast euphorische Verklärungen von Hitlers vermeintlichem Genie als Staatsmann; Max Frisch, konformistisch-langweilig wie stets, hielt sich als Reisereporter der „Neuen Zürcher Zeitung“ mit einem klaren Urteil zurück. Anders Beckett, der immerhin fürchten musste, dass sein Tagebuch von Gestapo oder Zoll hätte beschlagnahmt werden können. Das hielt ihn nicht davon ab, seinen ungebrochenen Ekel vor Ideologie und Ästhetik der Nationalsozialisten festzuhalten. Er begreift das Partei- und Führerspektakel als politische Religion, notiert seine Eindrücke von „Nazi-Gospel“ und braunem Evangelium, bei dem ja auch auffallend viele protestantische Geistliche begeistert mitbeteten.

Becketts irische, später im Theater gekonnt eingesetzte Kunst des Wortspiels deutet sich stellenweise an, wenn er statt vom „Wannsee“ vom „Wahnsee“ spricht, „Hakenkreuzzüge“ beschreibt oder die angepasste „Eintopfliteratur“ von allerhand völkischen Mitläufern kurzerhand erledigt (alles original auf Deutsch selbstredend). Durch seine hervorragenden und mit viel Disziplin immer weiter verbesserten Deutschkenntnisse gelang es Beckett, tiefer in den tödlichen Unsinn der Lingua Tertii Imperii einzudringen als andere Deutschland bereisende Ausländer, selbst wenn diese wie Christopher Isherwood, Thomas Wolfe oder Albert Camus sich hinterher politisch eindeutiger positionierten. Doch muss man bedenken, dass der junge Beckett 1936/37 unbekannt war und Irlands Öffentlichkeit an seinem Urteil ohnehin herzlich wenig gelegen war.

Berlin, Friedrichstraße, 1936.

Nach Treffen und Gesprächen mit diskriminierten und verfolgten Juden wie den Sammlern und Künstlern Rosa Schapire („nette alte Dame“) oder Gretchen Wohlwill macht sich der ausländische Besucher beinahe weniger Illusionen über die Vernichtungslust der aktuellen Herrscher als manche Verfolgte, die immer noch auf Besserung hofften. Ein Besuch auf einem Hamburger jüdischen Friedhof führt zu einer hellsichtigen Assoziation zu Ruysdaels Gemälde eines Judenfriedhofs, das die Nationalsozialisten vielleicht bereits verbrannt haben könnten.

Am deutlichsten wird das Tagebuch nach einem langen Gespräch mit dem verfemten Kunstschriftsteller Will Grohmann, dessen hohe Bildung und dessen Widerstandskraft Beckett beinahe neidisch bewundert: „Ich bin ständig deprimiert und niedergeschlagen, weil ich mich nutzlos fühle angesichts der wunderbar angewandten Energie dieser Leute.“ Die permanent notierte Schlaffheit, wenn sie auch langen Stadtspaziergängen und Wanderungen aufs Land nicht im Wege stand, mag außer am unwirtlichen Winterwetter auch auf die ungewohnte deutsche Kost zurückzuführen sein.

Beckett probiert deutsches Essen

Mit nahezu masochistischer Freude schreibt Beckett neben dem literarischen Eintopf seinen auch nicht appetitlicheren kulinarischen Speiseplan nieder: Geräucherter Rotbarsch, Krabbenmayonnaise, Delikatessenplatte, Würstchen mit Bratkartoffeln, verdorbener Gemüsetopf, gestopfter Kohl, Fisch und Camembert – dergleichen germanische Leckereien aus allerlei Bratstuben und Imbissen durchziehen den Text. Einmal notiert er: „Esse Schwein und fühle mich wie Sau.“ Ist es ein Wunder, wenn der aus seiner Heimat kulinarisch nicht verwöhnte Ire hinterher regelmäßig Zuflucht bei Steinhäger und Kümmelschnaps suchen muss? Nicht nur in diesem Zustand konnte es geschehen, dass der junge Mann sich diskret nach Prostituierten umsah, die es unter Hitler in allen Großstädten gab.

Berlin, Unter den Linden, 1936

Deutsche „Puten“ oder „Hitler-Huren“ bezahlte der klamme Autor zwei Mal, wenn man seinen Aufzeichnungen trauen will; in anderen Fällen verzog er sich nach ausgiebigem Herumstreunen dann doch ohne Vollzug in seine simplen, nicht immer geheizten Pensionszimmer. Einmal nahm er sogar mit einem Doppelzimmer vorlieb, das er womöglich mit einem Fremden teilen musste.

Die leidigsten Passagen handeln in unromantischer Wiederkehr von Becketts Körperlichkeit, insonderheit von seiner Verdauung. An vielen Tagen war es ihm erheblich wichtiger, einen Befall mit Herpespickeln oder die Beschaffenheit seines Urins zu beschreiben als noch so spannende Treffen mit Deutschen. An Plastizität bleiben Sonnenuntergänge über der Alster oder die romanischen Schätze von Hildesheim weit zurück gegenüber den Ausdeutungen seiner Ausscheidungen. „Verdammt schlimme Schwellung am Arschloch“ gehört da noch zu den harmloseren Selbstdiagnosen des geplagten Reisenden.

Eingefleischte Beckett-Fans dürften solche Stilblüten ebenso wenig abschrecken wie der Umfang des bilingualen Schinkens: 1352 Seiten. Zudem lassen sich auch ohne durchgehende Lektüre ohne Umstände mit diversen Registern zu deutschem Vokabular, zu Personen und Orten allerhand Perlen fischen: Beckett gerät in eine fränkische Fastnacht und kriegt eine Narrenkappe übergestülpt. Beckett schlurft durch die Leipziger Thomaskirche und fühlt keinen „Hauch von Johann Sebastian“. Er ekelt sich vor Nazipalaver bei einer Party und fühlt sich „fast den ganzen Abend lang aus tiefster Seele kommunistisch“.

Beckett wagt sich in Berlin ins Romanische Café – doch ob er da am Nebentisch von Erich Kästner landete, werden wir nie erfahren, weil beide sich nicht kannten und nie kennenlernen sollten. Was für uns mit diesen „German Diaries“ bleibt, ist das überraschende Bild eines an seiner Bildung zäh arbeitenden Schriftstellers. Schon vor seinem 30. Geburtstag hatte Beckett Profundes über Proust und Joyce verfasst.

Wie genau er sich mit abendländischer Kunst auskannte, was er zwischen Cassirer und Huizinga an Kultursoziologie allabendlich so weglas, wie genau er Bauhaus und Le Corbusier (die er gar nicht mochte) studiert hatte – das alles lässt sich aus seinen lakonischen Stücken und seiner meisterlich verknappten Prosa andernorts nicht herauslesen.

Beckett wurde weltberühmt als kauziger, misanthropischer, eher wortkarger Meister aus Irland, wenn er auch später mit gutem Geschmack Paris als Lebensort wählte und es damit seinen Leitsternen Proust und Joyce nachtat. Zwar kehrte unser Autor, von seiner Germanophilie leidlich geheilt, auch nach Hitlers Ende und der Zerstörung der meisten deutschen Metropolen immer mal wieder zu Inszenierungen seiner Werke nach Deutschland zurück. Die sechs Monate im braunen Reich, die er in Originalsprache als „Schererei“ summierte, hinterließen jedoch kaum bleibende Spuren in Werk und Denken, was viel für Beckett und ebenso viel gegen das moderne, modernde Deutschland spricht. Am 1. April 1937, mit noch 35 Reichsmark in der Tasche, ließ ihn die „Devisenbewirtschaftungsstelle“ endlich ziehen, und es ging von München „per Express nach London“.

Samuel Beckett: German Diaries. 28. September 1936 – 1. April 1937. Englisch/Deutsch. Übersetzt von Gaby Hartel. Herausgegeben von Mark Nixon und Oliver Lubrich. Suhrkamp, 1352 Seiten, 78 Euro

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