Die Schwedin Ebba Tove Elsa Nilsson bekam ihren Spitznamen von ihrer Tante. Lo heißt auf Schwedisch Fuchs, und für die Wildkatze hat sich die junge Tove, die in den Wäldern nördlich von Stockholm aufwuchs, sehr interessiert. Tove Lo ist ausgestattet mit einem epiphanen Talent, das für rasanten musikalischen Erfolg gesorgt hat. Ihr melancholischer Elektro-Pop geht ins Ohr, ihre trotzigen Texte ins Herz. Ihre Alben sind wie Tagebücher, brutal ehrlich und gnadenlos direkt.
Mit „Habits (Stay High)“ landete Tove Lo auf Anhieb einen Welthit (11,5 Mio. Verkäufe). Sie gewann vier Grammys: 2015 für das Lied und als Künstlerin des Jahres, 2018 für Pop und als beste Texterin des Jahres. Am 18. September 2026 erscheint ihr neues Album „Estrus“, es ist ein Feuerwerk an persönlichen Geständnissen. Am 14. November 2026 gibt die 38-Jährige ihr einziges Deutschland-Konzert in Berlin.
WELT: Spiegeln Sie das normale Bild einer modernen, jungen Frau wider, oder würden Sie sagen, Sie sind anders?
Tove Lo: Ich glaube, ich entspreche schon einem bestimmten Typ, finde aber auch, dass es heutzutage – auf sehr positive Weise – viele verschiedene Versionen einer jungen Frau gibt. Ich habe das Gefühl, dass da mittlerweile mehr Raum existiert, für mehr als nur eine Variante. Und ich denke, vielleicht hat das, was ich von mir selbst erwarte, und die Art und Weise, wie ich bin und mich präsentiere, auch Einfluss darauf, das zu erkennen. Dass es halt mehr Optionen für eine normale junge Frau gibt, nicht mehr nur den einen Weg dahin.
WELT: Sind junge Frauen heutzutage tatsächlich so stark, wie Sie sie in Ihren Liedern beschreiben?
Tove Lo: Ich sehe in meinem Umfeld viele starke Frauen, ja. Ich glaube, das hängt sehr davon ab, wo man sich auf der Welt gerade befindet, wo man lebt, wo man aufwächst. Nach dem, was ich selbst sehe und auch von anderen Künstlerinnen höre, haben Frauen jetzt eine viel stärkere Ausdrucksfähigkeit. Als ich angefangen habe mit der Musik, gab es in meinem Umfeld nicht viele, die so direkt waren wie ich. Jetzt ist das anders.
WELT: Sie sprechen Ihre Direktheit an. In Ihren Liedern singen Sie sehr freizügig von Sex und Drogen. Wie viel Provokation steckt in den Songs?
Tove Lo: Ich nehme an, dass Menschen, die meine Denkweise nicht teilen, mich durchaus für provokativ halten. Aber es gibt auch viele, die darin etwas sehen, womit sie sich identifizieren können. Ich bin in Schweden mit sehr feministischen Eltern aufgewachsen, die sich selbst allerdings nicht als Feministen bezeichnen würden. Sie haben mich und meinen Bruder einfach völlig gleich behandelt. Und wenn ich in der Schule Ärger hatte und zum Direktor musste, weil ich mich zum Beispiel fürchterlich mit einem Lehrer gestritten hatte, dann hielten meine Eltern zu mir. Sie gaben mir recht und brachten mir so bei, keine Angst davor zu haben, auch gegen das anzugehen, was von mir erwartet oder verlangt wird. Nach und nach wurde ich mutiger und ließ mir keine Dinge aufzwingen. Das machte mich als junge Frau, ach, schon als Teenagerin, stark. Sorry, wie war noch mal Ihre Frage?
Schlüpft in viele Rollen: Tove LoWELT: Wie viel steckt von Ihnen selbst in Ihren Liedern?
Tove Lo: Sehr viel. Aber dafür muss ich zu meiner Anfangszeit als Künstlerin zurückgehen. Ich fand meine Art, mich auszudrücken, gar nicht sonderlich verrückt. Für mich war das weder etwas Politisches, noch ein Versuch, irgendwen zu provozieren. Meist war es einfach nur Liebeskummer. Mein erster Hit war ein Song über Herzschmerz und gar nicht als ein Lied voller Ratschläge, Inspiration oder Motivation gemeint. Einfach nur nach dem Motto: Das tue ich – und jetzt habe ich ein gebrochenes Herz.
WELT: Gleich Ihr zweiter Song „Habits“ wurde ein Welthit und verkaufte sich 11,5 Millionen Mal. Da geht es inhaltlich aber ganz schön zur Sache – Sex und Drogen, Sie lassen nichts aus.
Tove Lo: Ich habe nicht damit gerechnet, dass es eine so heftige Reaktion auslösen würde, dass ich in diesem Video zum Beispiel mit Frauen rumknutsche, über Sex und Drogen singe und mich als eine so chaotische Person präsentiere. Offensichtlich war das im Pop-Bereich damals etwas Neues für einen Act. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass es nicht mehr so schockierend und provokativ ist, sich selbst auszudrücken, gerade als Künstlerin. Ich spreche einige Dinge einfach laut aus, die sonst unausgesprochen bleiben. Andere wollen das vielleicht nicht zugeben, denken aber genauso. Nur: Für sie ist es peinlich, darüber zu reden. Ich tue es. Also bin auch ich es, die für ein Drama sorgt (lacht).
WELT: Ist es Ihnen jetzt gerade peinlich, darüber zu reden? Ist es leichter, darüber zu singen?
Tove Lo: Ja, auf jeden Fall. Kunst ist immer schwer zu erklären, finde ich. Es besteht ein großer Unterschied, ob man in einem so persönlichen Song wirklich tief in sich selbst hineinschaut oder darüber von Angesicht zu Angesicht mit einer anderen Person redet, definitiv.
WELT: In „Habits“ singen Sie zum Beispiel davon, wie Sie in Sexclubs anderen beim Sex zuschauen, um sich von Ihren Problemen abzulenken.
Tove Lo: Natürlich ist das sehr direkt. Ich weiß auch nicht, aber ich finde es lustig, und ich glaube, Musik und Verlangen und Sex, all das hängt meiner Ansicht nach eng zusammen und ist miteinander verbunden – also schreibe ich darüber.
WELT: Also gelten all die Schlagwörter, die Sie in Ihrem Lied „Source of Life“ benutzen, für Sie: verängstigt, widerstandsfähig, schlecht, kathartisch, kompliziert, wütend, frech, süß, gehorsam, unhöflich, kühn?
Tove Lo: Ja. Ich glaube, so wie es immer zwei Seiten einer Medaille gibt, existieren auch zwei Seiten jedes Gefühls. Jeder Mensch hat viele verschiedene Nuancen und nicht nur eine bestimmte Art und Weise. Es kann manchmal durchaus schön sein, beide Seiten als Teil von sich selbst zu akzeptieren und sich nicht in eine bestimmte Schublade zwängen zu müssen.
WELT: Sie treffen den Nerv der jungen Generation. Woran liegt es, dass sich gerade so viele junge Mädchen mit Ihren Songs zu identifizieren scheinen?
Tove Lo: Vielleicht, weil die Lieder sie glücklich machen.
WELT: Das wäre natürlich schön.
Tove Lo: Vielleicht aber auch, weil ich mehr zu bieten habe, als nur eine Perspektive. Ich spreche auch die Seite im Schatten an, den weniger positiven Teil, den man sonst zu verbergen versucht. Ich kann mir vorstellen, dass sich Menschen, die das hören, vielleicht eher gesehen oder verstanden fühlen. Ich bekomme jedenfalls liebe Komplimente von Fans, die mir sagen: „Du hast meine Gefühle in Worte gefasst.“ Das bedeutet mir sehr viel. Einigen scheint es sehr schwerzufallen, herauszufinden, was sie tatsächlich fühlen.
WELT: Also müssen Sie für die heutige Jugend so konkret werden?
Tove Lo: Natürlich!
Liveauftritt in Roskilde in DänemarkWELT: Früher hat man auch von Gefühlen, von Eifersucht und Einsamkeit gesungen. Da klang das aber etwas romantischer als in Ihrem Lied „Source of Life“. Sie singen da: „Die Quelle meines Lebens liegt zwischen meinen Schenkeln“.
Tove Lo: Früher war es poetischer und metaphorischer. Ich weiß nicht, woher das kommt, aber ich habe schon immer besonders stark auf Menschen reagiert, die die Dinge wirklich beim Namen nennen. Ich mag Musik, die Raum für Interpretation lässt, sodass man sich seine eigene Wahrheit über den Song und das, was darin gesagt wird, zurechtlegen kann. Doch aus irgendeinem Grund geht es in dem, was ich schreibe, eher um das, was ich brauche, und nicht um das, was mein Publikum braucht. Und das muss ich einfach laut aussprechen. In gewisser Weise ist das natürlich schamlos, aber ich muss es einfach so direkt formulieren, weil es mir Freude macht, so zu schreiben. Es inspiriert mich. Das ist eben meine Art, mich auszudrücken. Ich kann also nicht einschätzen, ob junge Leute das generell so brauchen. Zumindest scheinen ja einige auf diese Art zu stehen.
WELT: Wer die Texte Ihrer Lieder hört, könnte meinen, Sie seien irgendwie sexsüchtig. Ist das so?
Tove Lo: Die Tatsache, dass ich über Sex singe, bedeutet nicht, dass ich sexsüchtig bin. Wenn ich sexuelles Verlangen zeige, heißt das nicht, dass ich es nicht kontrollieren kann. Das Wort „Sucht“ hat für mich eine andere Bedeutung. Mir geht es nicht darum, jeden Tag Sex haben zu müssen, am besten mit einer Menge verschiedener Leute oder was auch immer – das wäre ein Sexsüchtiger für mich. Mir geht es darum, mein sexuelles Verlangen ausdrücken zu können, ohne dafür verurteilt zu werden.
WELT: Welcher Song Ihres neuen Albums wird die Menschen Ihrer Ansicht nach am meisten berühren?
Tove Lo: Ich glaube, die eher introvertierten Songs, die Verletzlichkeit zeigen. Wahrscheinlich „If I Could I Would“. Zumindest dürfte das der Favorit meiner engsten Freunde sein. Er strahlt viel Mut und Verletzlichkeit aus.
WELT: In genau diesem Song singen sie: „Rippen, die ich zähle, neue Perfektion, das Ideal vor Augen“ – haben Sie Bulimie?
Tove Lo: Hatte ich. Als Teenagerin, ja.
WELT: So geht es leider vielen Teenagern.
Tove Lo: Es macht mich wirklich traurig, dass dieser Trend von extrem dünnen Vorbildern und Idealen, wie es sie früher bei uns gab, wieder aufflammt. Ich dachte, wir wären da etwas ausgewogener geworden. Ich finde nicht, dass es nur eine Art gibt, gut auszusehen. Was für den Körper am natürlichsten wirkt, sieht auch am besten aus. Ich bin wirklich nicht froh über das, was ich damals wegen irgendwelcher Schönheitsideale durchmachen musste.
WELT: Wie haben Sie gelernt, es zu kontrollieren?
Tove Lo: Durch viel Therapie, sehr viel Therapie und viel Ehrlichkeit meiner Familie und meinen Freunden gegenüber, was verdammt schwierig war. Man gewöhnt sich nämlich daran, zu lügen, was das eigene Verhalten und die Gewohnheiten betrifft. Ich habe angefangen, hart an mir zu arbeiten, als ich bekannter wurde. Da war ich siebzehn. Ich glaube, wenn mir all das nicht passiert wäre, hätte ich es wohl nicht geschafft. Dann wäre ich später vermutlich sehr, sehr krank geworden.
WELT: Würden Sie sagen, das hat Ihnen sogar für die spätere Karriere geholfen?
Tove Lo: Ich glaube, weil ich so hart an mir selbst und meiner Beziehung zu meinem Körper gearbeitet habe, habe ich einen wirklich guten Punkt erreicht, der beinahe besser ist, als wenn ich nie wirklich krank gewesen wäre. Dann hätte ich unter den üblichen Ängsten gelitten, wie viele andere Menschen auch. So bin ich jetzt in der Lage, mit der enormen Aufmerksamkeit und den vielen Kommentaren umzugehen und das zu tun, was ich jetzt tue. Es macht mich nur unheimlich traurig, dass es mir so viele Jahre meines Lebens genommen hat, vor allem in diesem Alter.
Schwedens Pop-Überfliegerin: Tove LoWELT: War das mit der Bulimie zur gleichen Zeit, als Sie häufig betrunken oder high von Drogen waren?
Tove Lo: Nein, das war erst später, das war eine ganz andere Phase. Ein bisschen haben sie sich vielleicht überschnitten. Aber wenn ich versucht habe, den Schmerz wegzufeiern, dann hing das immer mit einer bestimmten Situation zusammen. Meine Essstörung dagegen war ja eigentlich ständig da. In Bezug auf Drogen und Alkohol hatte ich mal bessere, mal schlechtere Phasen, aber die Bulimie war allgegenwärtig, bis ich das komplett überwunden hatte – „geheilt“ ist nicht das richtige Wort. Die Partys tauchten in verschiedenen guten und schlechten Momenten in meinem Leben auf.
WELT: Wie ist das, wenn man mit 26 Jahren einen Welthit landet? Wie verändert es das eigene Leben?
Tove Lo: Der Song hat definitiv mein Leben verändert und wird immer einen ganz besonderen Platz in meinem Herzen einnehmen. Richtig begreifen kann ich das bis heute nicht. Es war erst mein zweiter richtiger Song, ich hatte vielleicht gerade mal zehn Konzerte gegeben. Der Song kam aus dem Nichts. Dabei hatte ich so lange alles versucht, so etwas zu erreichen, trotzdem hatte ich das Gefühl, alles passierte über Nacht. Da war plötzlich eine Mischung aus Begeisterung und Angst. Ich wurde ins tiefe Wasser des kommerziellen Teils der Musikwelt geworfen – das war schon sehr seltsam. Auf einmal ging es mehr um Ruhm als um Musik. Das wurde dann zu einer Art Kampf, und ich erinnere mich noch, dass ich mir damals sagte: Das hat doch alles nichts mit Musik zu tun – was ist denn hier los!
WELT: Sie sind aus einem kleinen Ort in Schweden nach Los Angeles gezogen.
Tove Lo: Ja, ich habe meinen Wohnsitz nach L.A. verlegt. Ich muss schon sagen: Wenn ich jeden Tag meines Lebens seitdem betrachte, wenn ich sehe, wie ich seitdem die Welt bereise, Konzerte gebe und die Musik mache, die ich liebe, dann ist wirklich ein Traum wahr geworden. Und ich arbeite sehr hart daran, diesen Traum am Leben zu halten.
WELT: Vermissen Sie das ruhige Leben manchmal?
Tove Lo: Wenn ich eine Weile nicht in Schweden war, fahre ich nach Hause und verbringe da einfach ein bisschen Zeit. Das muss ich einfach. Ich habe einen Großteil meines neuen Albums in Schweden geschrieben, und das hat mir wirklich gutgetan. Schweden, zu Hause – das ist gut für meine Kreativität.
WELT: Warum leben Sie dann in L.A.?
Tove Lo: Mein Mann stammt aus Neuseeland, ich aus Schweden, da liegt L.A. sozusagen genau in der Mitte (lacht). Wir haben uns dort getroffen und sind einfach dageblieben. Wir haben inzwischen eine große L.A.-Familie. Jede Menge Freunde. Das ist uns beiden sehr wichtig. Ich glaube zwar nicht, dass wir für immer dort leben werden, aber im Moment fühlt es sich gut an.
WELT: Wovon handelten Ihre Musikträume, als Sie jung waren?
Tove Lo: In meiner Familie hat sonst niemand etwas mit Musik zu tun, deshalb hatte ich auch keinerlei Vorstellung davon, wie so eine Musikkarriere laufen könnte. Meine Musik-Träume waren trotzdem intensiv und sehr lebhaft. Ich wollte dank der Musik die Welt bereisen. Aber so richtig bewusst wurden mir meine Ziele erst, als ich einen internationalen Plattenvertrag bekam und man mir erzählte, was jetzt alles möglich sei. Plötzlich träumte ich so etwas wie: Was, wenn das richtig nach oben geht? Was, wenn ich es in die Billboard Hot 100 schaffe? Das war eine wilde Zeit. Und dann passierte es tatsächlich.
WELT: Spüren Sie großen Druck, so einen Hit wie „Habits“ noch einmal landen zu müssen?
Tove Lo: Nein, das liegt bereits hinter mir. Mein erstes Album ist nach wie vor mein kommerziell erfolgreichstes. Mit meinem zweiten Album „Lady Wood“ bin ich ganz bewusst einen Schritt nach links gegangen, weil ich mich als eine ganz bestimmte Art von Künstlerin etablieren wollte. Man wollte mich in eine andere Richtung pushen, aber ich sagte: „Nein! Ich will genau das hier sein.“ Ich wollte in der Lage sein, die Musik und die Kunst zu machen, die ich liebe, und ich wollte selbst bestimmen, welche Rolle ich dabei übernehme. Solange meine Fans kommen, um mich spielen zu sehen, lebt dieser Traum.
Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.