Die meisten heute werden sich am ehesten noch an Gerd Ruges TV-Filmreihe „Ruge unterwegs“ erinnern, die 20 Jahre lang lief, besonders gern zu Weihnachten. Da war er längst eine journalistische Legende. Bis dahin hat er Rundfunk- und Fernsehgeschichte geschrieben, wurde zum Auslandsreporter par excellence, vom Publikum, das ihm vertraute, geliebt und verehrt, von Kolleginnen und Kollegen bewundert und kaum mehr erreicht.
Heute, wo verantwortungsscheue Verzagtheit der Öffentlich-Rechtlichen einhergeht mit journalistischen Eitelkeitsmasken, rudimentär professionalisierten Proporzgestalten und risikoscheuen Agenda-Aktivisten jedweden Geschlechts, wirkt die Erinnerung an ihn, der es hasste, dass sich Seinesgleichen vor dem Gegenstand in den Vordergrund spielten, wie eine wehmütige Erfindung, eine Wunschgestalt.
Das kann man nun in einer stupenden Biografie noch einmal rekapitulieren. Zwar nicht wirklich „Der Reporter des 20. Jahrhunderts“, wie der Untertitel vollmundet, aber kaum weniger: Ein journalistischer Begleiter der Bundesrepublik und ihr Weltvermittler von 1945 bis ins 21. Jahrhundert. Wahrhaftig, wie es auf dem Umschlag hinten heißt: „Kein rasender Reporter“. Nein, kein selbstdarstellerischer Egon Erwin Kisch, der für seine Mission auch schon mal die Wahrheit verbog. Sondern ein Vorbild an skrupulöser Wahrheitssuche und differenzierter Wirklichkeitserfassung.
Ein richtig gutes Buch
Die Ruge-Biografie von Christian Neef, selbst ein journalistisches Urgestein, verdankt sich einem Glücksfund, nämlich der Unmenge an Briefen, Typoskripten und sonstigen Dokumenten in Ruges Nachlass. Deswegen, aber auch durch seine umsichtige Detailliertheit und bedachte Souveränität der Darstellung, ist das Buch ein Glücksfall. Es ist nicht nur die Biografie eines Ausnahmejournalisten, sondern überdies eine höchst verlebendigende Medien- und Zeitgeschichte der Bundesrepublik. Man begegnet hier all den namhaften Figuren des Nachkriegsjournalismus wie der Politik und wird noch einmal plastisch – durch die ausführlichen Zitate aus Ruges Texten – an die Brennpunkte der Geschichte, in die weltpolitischen Umbrüche der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts geführt.
1928 geboren, aus gutem und unbelastetem Hause stammend, als 16-Jähriger ins Kriegsgeschehen hineingerissen, desertiert, aber zurückgekehrt, hatte er das Glück, in Dänemark eingesetzt, durch eine Typhusinfektion vor der Kriegsgefangenschaft bewahrt zu werden. Kam in seine völlig zerstörte Heimatstadt Hamburg zurück. In den Nachkriegswirren, ohne Abitur und Studium, geriet er durch ein paar Veröffentlichungen in einer Jugendzeitschrift an Axel Eggebrecht und über den zum NWDR, den Rundfunk in der britisch besetzten Zone. Über dessen Journalistenschule wiederum ins Funkhaus Hamburg und dann nach Köln, als Assistent von Werner Höfer.
Höfer war selbst eine Legende, bis das Bekanntwerden eines widerwärtigen Textes aus der Zeit vor 1945 seine Karriere beendete. Ruge machte sich schnell einen Namen im Rundfunk, zwischen Regionalem und Weltpolitik. Sein erster Coup waren abenteuerliche Reisen in Titos Jugoslawien, in die USA und zu den Kriegsschauplätzen Korea und Indochina, hier als das, was man heute als „embedded journalist“ bezeichnet. Dass es ihn ins nicht gerade bequeme Ausland zog, war nicht nur seiner Neugier geschuldet, sondern auch Erfahrungen mit den zunehmend sich verkrustenden, bürokratisierten Strukturen, mit dem politischen Proporzgezerre insbesondere beim WDR.
Die frühe Flucht aus der Rundfunkanstalt
Mit 26 Jahren ist er Auslandsreporter – und hat schon ausgebildet, was er später in seiner leicht nuschelnden Stimme perfektionierte: sich ohne Agenda, ohne „Theorie“, wie er es nannte, vor Ort und unter den Menschen umzusehen, in Gesprächen und dichten Beschreibungen die jeweilige Situation anschaulich zu machen. Und dabei nicht die Zuschauer „mit festgelegten ideologischen Formeln oder Konzepten zu überrollen“, sondern ihnen die Perspektiven des jeweiligen Landes zu vermitteln.
„Ich habe immer versucht“, erklärte Ruge, „bei den Ländern, aus denen ich berichtete, zu zeigen, wie sie sich selber sehen und verstehen, was sie für Interessen und Beweggründe haben.“ Das schien ihm geboten, denn insbesondere seine Berichterstattung aus Moskau wurde immer wieder als zu verständnisvoll attackiert.
Er war nicht wenig stolz darauf, seit 1956 als einziger ständiger Korrespondent und als einziger, ständig in Moskau lebender Deutscher, der nicht zur Botschaft gehörte, dort zu sein. Die Kapitel über seine drei Jahre lesen sich wie eine Abenteuergeschichte aus politischen Krisen, Zensurdruck und humanitärem Engagement, insbesondere für den damals verfemten Boris Pasternak, mit dem er sich befreundete.
Zurückgekehrt, geriet er wieder in die Mühle von Lokalem und Verwaltung, dann aber ins just gestartete Fernsehen. Was er in dessen Anfängen erlebte, hätte andere leicht resignieren lassen; er warf sich ganz und gar hinein, entwickelte Ideen für das, was dann als Weltspiegel Publikumsmagnet wurde, und neue, lebendigere Konzepte für die damals plumpe Tagesschau. 1964 ging er als Korrespondent in die USA. Wieder in eine wildbewegte Zeit – nun zwischen den Morden an den Kennedys und Martin Luther King und dem eskalierenden Vietnamkrieg. Anders als sein Vorgänger, der mit großer Geste posierende Thilo Koch, nahm er sich auch hier zurück und stellte seine Gegenüber in den Fokus, um zu erklären „wie und weshalb Systeme oder Staaten funktionieren und was man von ihnen erwarten kann“.
1970: Ruge berichtet vom Rollfeld des Flughafens Köln/Bonn, während sich der Abflug von Bundeskanzler Willy Brandt nach Moskau aufgrund eines falschen Bombenalarms verzögertEnde 1969 kehrte er zurück, nun ins Bonner Büro der ARD und mitten in die aufgeregte Zeit der Ostverträge. Während er Liebling des Publikums war, mehrfach mit dem Bambi ausgezeichnet, geriet er immer stärker in Konflikt mit der Hierarchie der Anstalt, mit, wie er schrieb, einem System, das „immer starrer und bürokratischer wird“. Unter Verzicht auf die erworbenen Rentenansprüche aus 25 Jahren wechselte er zur Presse.
Ein Coup der WELT damals, für die Ruge als Zeitungskorrespondent 1973 nach China ging. Wieder in Umbruchzeiten. Zwischen Machtkämpfen und dem Tod Maos 1976 berichtete er aus dem weithin unbekannten, vorurteilsbesetzten Riesenreich. Zum Beispiel – heute unvorstellbar – in jeweils fünf ganzseitigen Artikeln aus Tibet. 1978 erschien sein viel beachtetes Buch „Begegnung mit China“.
Die Stationen wechselten weiterhin schnell: Er war bald wieder in Moskau als Radiokorrespondent, 1980 zurück, dann Chefredakteur des WDR, in den zwei harten Krisenjahren des sich selbst lähmenden Senders, um 1985 wiederum nach Moskau zu gehen, nun fürs Fernsehen. Und so fort. Nominell Rentner seit 1993, zog es ihn weiter durch die Welt – Afghanistan, USA, China, Russland. „Ruge unterwegs“. Die Talkshow „neunzehnZehn“ nicht zu vergessen, nebenher eine Professur für Fernsehjournalismus, und sein langjähriges Engagement für Amnesty International. 2021 ist er gestorben, vielfach ausgezeichnet, allseits gerühmt, zur Ikone entrückt, aber dabei stets geblieben, wie sein Biograf schreibt, „ein zurückhaltender Mensch, ein Mensch mit universeller Bildung und Bescheidenheit“.
Christian Neef: Ruge. Der Reporter des 20. Jahrhunderts. Propyläen, 492 Seiten, 29 Euro
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