Als Stimmungsaufheller eignet sich die Prosa des Michel Houellebecq nicht gerade, egal ob er von lebensmatten Einzelgängern auf ihrer vergeblichen Suche nach Nähe erzählt, oder ob er wie im Epochenwerk „Unterwerfung“ den Siegeszug des totalitären Islam in Europa gedanklich durchspielt. Wer indes fasziniert ist von diesem frankophonen Untergeher oder auch nur das Lebensgefühl des derzeit berühmtesten französischen Schriftstellers in komprimierter Form aufsaugen möchte, dem sei sein neuester Lyrikband empfohlen.

„Der stets verlorene Kampf“ behandelt dieselben Themen wie immer – Tod, Vergeblichkeit, Schmerz, Hoffnungslosigkeit – und dies nicht weniger repetitiv, allerdings ist man schneller damit durch. Wie alle pessimistische Lyrik, etwa der wehe Lebensabschied der deutschen Barockpoesie, schaffen auch Houellebecqs späte Verse eine eigentümlich tröstliche Stimmung. Seit dem Buch Kohelet der Bibel erfreuen sich Leser aller Kulturschichten an Todesgedanken; Vergeblichkeit des eigenen Handelns ist einfach besser zu ertragen, wenn solche Anwandlungen gereimt und besungen werden.

„Unser Lebenswille hat uns verlassen“, unkt Houellebecq im kollektiven Singular. Gekommen sind „Eindringlinge, die uns nicht lieben und unsere Zivilisation zerstören, ohne selbst etwas aufzubauen.“ Ist wie immer der Islam gemeint? Oder gar China? Das lässt der raunende Autor lieber im Unklaren: „Ihr Abendländer, die ihr leben wollt, / Ihr habt nicht mehr viele Chancen.“

Solch chiliastisches Stakkato hat unser Autor einfach drauf. Er sieht „keinerlei Zuflucht, keinerlei Schutz vor den einfallenden Barbaren.“ Als der Band in Frankreich erschien, waren alle Versuche zwecklos, historische Eindeutigkeit aus dem Autor herauszukitzeln.

Houellebecq, der seinen Sound in Sprechgesängen als Tonträger einspielte, machte lieber auf dunkles Orakel. Doch seine Anspielungen ans antike Rom, untergegangen im Ansturm der Goten, Franken, Vandalen und Berber, stehen für sich: „Haben wir die Statuen der Götter begraben, ehe wir die Totenriten vollzogen“, während wir „auf den Invasor warten“?

So lamentierten bereits Autoren des 5. Jahrhunderts – egal, ob sie sich wie Augustinus, Synesios oder Hieronymus ins christliche Jenseits wegduckten oder wie Ammianus Marcellinus und Symmachus den alten, von den Monotheisten verbotenen Göttern nachweinten. Kulturpessimisten, die den Anbeginn eines neuen Dunkelzeitalters erneut für gekommen halten, dürfen sich an solchen Versen weiden, zumal Houellebecq den großen Bogen einer sterbenden Kultur virtuos mit einer rumpelnden Metaphysik und vor allem mit dem Bewusstsein der eigenen Vergänglichkeit mischt. „Wir bitten Gott um einen nicht allzu langsamen Tod“ ist nur eine von vielen Anleihen beim eigentlich bereits exekutierten Glauben.

Auch das Jüngste Gericht, gnädige Engel oder eine „Auferstehung, die sich hinzieht“, geistern durch dieses messianische Stakkato, als hätte der Autor die postmortale Hoffnung doch noch nicht komplett aufgegeben. Andere Meister des Lebensekels wie Thomas Bernhard, Gottfried Benn, Emile Cioran oder der mit Fug besonders verehrte Arthur Schopenhauer sind in diesem Punkt viel weniger sentimental.

Zyniker oder Romantiker? Das Houellebecq-Rätsel

So erweist sich, dass Houellebecq gar nicht so cool ist, wie er tut, sondern hinterm Zyniker sich ein verkappter Romantiker verbirgt, der die Welt gerne retten würde und über den Tod hinaus wenigstens von der Schönheit, wenn nicht von den Göttern, in ein postmodernes Paradies getragen würde.

Ob es ihm ein Trost wäre, wenn er gewiss sein könnte, dass seine Verse später einmal, nach dem Untergang des Abendlandes, in chinesischen Französischkursen von eifrigen Studentinnen interpretiert würden? Wenn ja, dann könnten sie von diesem Schriftsteller noch ein paar unappetitliche Vokabeln zum Geschlechtstrieb lernen, vor allem aber in medizinischen Fachbüchern nachschlagen, welche Wörter für die körperliche Zersetzung ein reiches Idiom wie das Französische über die Jahrhunderte zusammengetragen hat. Geht es um seinen von Alkohol und Nikotin malträtierten Körper, setzt Houellebecq furios zur Totenklage in eigener Sache an.

„Oft stinkt die Welt“, lautet das Fazit, wenn er vergeblichen Ejakulationen, verstopften Harnleitern und verwesendem Fett den Orgelton seiner Poesie unterlegt. Das ist nun mal der Weg allen Fleisches, auf dem von Gilgamesch bis zur Bibel, von Gryphius bis Hemingway von den siechen Dichtern immer wieder eine Umleitung in Richtung Jugend gesucht wurde – allzeit vergeblich, naturgemäß. So ist das nun mal: „Die durch nichts zu ersetzende Lust hinterlässt abscheuliche Narben.“

Wunderlich, wenn nicht sogar skandalös, dass dieser wehleidige Autor, der in einem Gedicht sogar „um eine Kombination verschiedener Mittel“ zur Sterbehilfe bittet, als Citoyen die Euthanasie vehement ablehnt. In diesem Punkt immerhin ermöglicht – wenn nicht religiöse Fanatiker und andere Fundamentalisten sich dazwischenwerfen – ein gnädiger Humanismus leidenden Menschen inzwischen einen schmerzlosen Abgang. Michel Houellebecq seien, weil Text und Autor ja niemals identisch gelesen werden dürfen, noch etliche einigermaßen gesunde und vielleicht sogar glückliche Jahre gewünscht. Und wenn nicht, hat Friedrich Schiller es bereits gewusst: „Dem Manne kann geholfen werden.“

Michel Houellebecq: Der stets verlorene Kampf. Gedichte. Übersetzt von Stephan Kleiner. Dumont, 112 Seiten, 24 Euro

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