Die neuerliche Debatte um die Bebauung des Tempelhofer Feldes – einer riesigen innerstädtischen Freifläche – erregt die Hauptstadt. Die Berliner Schauspielerin Jella Haase ruft in einem emotionalen Video, mit dem sie sich für die Rolle der Heiligen Johanna der Tempelhöfe bewerben könnte, allen, die das Feld als Baugrund begehren, ein lautes „No pasarán!“ entgegen. Faszinierend ist daran, dass sie das weitgehende baum- und strauchlose, streckenweise betonierte Gelände wörtlich als „Natur“ bezeichnet.
Das stimmt so nur, wenn man Helmut Plessners berühmte Maxime über den Menschen auf die große Brache überträgt: „Die Natur des Tempelhofer Feldes ist die Unnatur.“ Die Natur des Feldes ist die Zweckbestimmung, die ihm Menschen gegeben haben – erst als Ackerland, dann als Flughafen und zuletzt als Erlebnisraum für Skater und Drachensteiger. Die dort lebenden Feldlerchen, die in jeder Debatte als Kontraargument auftauchen, sind nur ein Kollateralgewinn der Unnatur.
Vielleicht kann ein alle Fraktionen zufriedenstellender Kompromiss nur in der Umarmung dieses Widerspruchs bestehen. In einer Lösung, die anerkennt, dass „Natur“ in der Großstadt nicht möglich ist, aber die sich dennoch nicht dem Zweckdenken der Bauwirtschaft beugt. Sechs Ideen bieten sich dafür an.
Truppenübungsplatz
Deutschland muss wehrhaft werden und braucht dafür Orte, an denen der Ernstfall geübt werden kann. Statt dafür riesige Räume in der Pampa herzugeben, wo sich noch Reste echter Natur gehalten haben, bietet es sich an, auf diese vorhandene, ökologisch komatöse Fläche zurückzugreifen. Die Betonbahnen sind vermutlich sogar panzertauglich. Bomben und Granaten sind auch nicht lauter als die Musik, die aus den geöffneten Fenstern eines Neuköllner Autos dringt. Zwischen den Manövern hätte die Feldlerche mehr Ruhe als jetzt vor den Skatern. Und ein Soldat, der es schafft, auf dem seit 100 Jahren verdichteten Boden ein Schützenloch zu graben, ist wahrhaft kriegstüchtig.
Kuhweide
Die Sehnsüchte der Hauptstädter lassen sich ja in einem Satz zusammenfassen: vorne Neukölln, hinten Oberbayern. Warum ihnen also nicht geben, was sie wirklich wollen: Weidegründe für glückliche Kühe, die selbstverständlich niemals von speziesistischen Ausbeutern gemolken werden, sondern ausschließlich als Kulissenvieh für großstädtische Fluchtphantasien dienen. Die Feldlerche freut sich über die Fliegen auf den Kuhfladen und die Körner darin.
Fressmarkt
Eine der größten Berliner Erfolgsgeschichten ist der Thai Park, ein Markt für thailändisches Essen auf die Hand. Von einer wildgewachsenen halblegalen Angelegenheit auf einem Parkrasen hat er sich zu einer professionalisierten Institution entwickelt. Was in Wilmersdorf funktioniert, sollte im von internationalen Hipstern und Touristen gefluteten Neukölln noch eine Nummer größer möglich sein. Mit 500 Ständen aller möglichen Nationen. Berliner lieben es, draußen zu essen – je dreckiger, vermüllter und unbequemer, desto besser. Für die Feldlerchen gäbe es in dieser Option auch eine Zukunft: Am Grillspieß der wirklich authentischen italienischen Fressbuden mit dem hipster-globishen Slogan „Only Singvögel. No Pizza!“
Nord-Palästina
Im derzeitigen Neuköllner Wahlkampf ist Gaza eines der wichtigsten Themen – vor allem bei der Linken, die hier mit einschlägigen Empathiebekundungen bei der Bundestagswahl ihr erstes Direktmandat im Westen geholt hat. Warum also die Solidarität nicht noch weiter treiben und das Tempelhofer Feld als autonomes Gebiet zur Besiedelung durch exilwillige Palästinenser freigeben? Viel mehr Wasser und Infrastruktur gab es in Israel auch nicht, bevor Juden dort eine Zivilisation aufbauten. Und die Feldlerche? Wenn es um Palästinenser geht, wird der Vogel plötzlich allen Sympathisanten schnurzegal sein.
100 Volksbäder
Die Erfolgsidee der Volksbühne aufgreifend, könnte auf dem Tempelhofer Feld für jede marginalisierte Gruppe Berlins ein eigenes Schwimmbad eingerichtet werden. 64 allein für alle sexuellen Identitäten und vorläufig erst mal 36 für weitere „Communitys“, die Safe Spaces benötigen. Dann wäre immer noch Platz genug da für zusätzliche Identitätsplanschbecken, wenn künftig noch weitere, bisher unentdeckte marginalisierte Gruppen Ansprüche anmelden. Die Feldlerche kann zwischen ihnen heruntergefallene Schwimmbadpommes aufpicken.
Flughafen
In der grünen Utopie der 15-Minuten-Stadt sollte auch der Weg zum Urlaubsflieger nicht länger als eine Viertelstunde dauern. Die großen betonierten Wege, auf denen momentan noch Räder und Rollschuhfahrer Runden drehen, könnte man als Rollbahnen nutzen. Und das monumentale Gebäude an der Nordwestseite des Feldes könnte möglicherweise als Empfangsgebäude und für die Unterbringung von Flugzeugen genutzt werden. Zweifellos die verrückteste aller Ideen – so atemberaubend visionär vorwärtsdenkend, dass einem zur Feldlerche dabei gar nichts einfällt – aber wer die Mobilität der Zukunft plant, muss ganz radikal neu denken.
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