Die Mozartkugeln sind gefallen. In Salzburg wird der perfekt Deutsch sprechende Belgier Peter de Caluwe, fast 20 Jahre Intendant in Brüssel, Nachfolger des im April abrupt und hässlich vom politisch besetzten Festspielkuratorium geschassten künstlerischen Leiters Markus Hinterhäuser. Diese dann doch überraschende Personalentscheidung hatte vor allem die sonst wenig kulturaffine Landeshauptfrau Caroline Edtstadler (ÖVP) vorangetrieben, die sich mit Hinterhäuser nicht verstand. Außerdem wird der Vertrag der Präsidentin Christina Hammer um eine zweite, neuerlich fünfjährige Amtsperiode verlängert.
De Caluwe, der nach dem Sommer 2027 von der bis dahin als Interimsleiterin eingesetzten Schauspielfrau Karin Bergmann übernehmen wird, aber 2028 noch deren Programm erfüllen muss, tritt ein schweres Erbe an. Die Zeichen stehen auch in Salzburg auf Sturm, was die finanzielle Ausstattung der – sehr viel wieder einspielenden – Festspiele durch die öffentliche Hand betrifft. Kürzungen im Etat werden angesichts der Haushaltslagen bei Bund wie Ländern unumgänglich sein.
Zudem hängt die diesen Herbst durchstartende, sich mindestens bis 2030 hinziehende Renovierung vor allem des Großen Festspielhauses in der Schwebe. Auch da drohen Zuschusseinbußen und Umplanungen. Auch ein Ersatzquartier für das ab 2029 zwei Sommer lang geschlossene Große Festspielhaus ist noch immer nicht gefunden.
Caluwes Wahl ist allerdings eine solide Besetzung. Man muss wissen, dass er sich schon vorher vergeblich für Salzburg (wie auch für die Wiener Staatsoper) beworben hatte und auch jetzt offenbar nur zweite Wahl war. Denn aus den 48 Bewerbungen hatte man sich am Ende eigentlich, so wurde es vielfach kolportiert, für eine Doppelspitze mit dem in Berlin lebenden Regisseur und Ex-Intendanten der Komischen Oper Barrie Kosky (59) sowie der Amsterdamer Opernintendantin Sophie de Lint (52) entschieden.
Die ungewöhnliche Besetzung des einen Postens mit zwei Personen, beide aus dem Opernbereich, deutete das Hauptproblem schon an: Kosky allein, der hier einige erfolgreiche Inszenierungen abgeliefert hat, versprach zwar Glamour und Pepp, aber er ist bis mindestens 2030 mit weltweiten Neuproduktionen ausgelastet, auch im Sommer, und wäre schlichtweg kaum da gewesen. Am Ende scheiterte es wohl an der Ausgestaltung der Verträge, denn de Lint wollte wohl nicht nur Erfüllungsgehilfin sein, Kosky wiederum nicht nur Berater. Außerdem sollen Kosky und Edtstadler nicht sonderlich miteinander gekonnt haben.
Mit dem 63, bei Amtsantritt 64 Jahre alten Peter de Caluwe, der einst von Salzburgs von 1991 bis 2001 so befreiend wirkendem Reformationsintendanten Gerard Mortier geformt wurde, hat man jetzt einen klassisch-traditionellen Übergangskandidaten gekürt. Von ihm darf man sich gegenüber Hinterhäuser keine Revolution im Künstlerischen erwarten, er wird höchstens den Künstlerhorizont ein wenig öffnen.
Geboren wurde der Flame 1963 in Dendermonde. Er studierte Literatur- und Theaterwissenschaft in Gent, Brüssel und Antwerpen. 1986 holte ihn Mortier an das Théâtre Royal de la Monnaie in Brüssel, wo er sich um Pressekontakte, PR und Jugendprojekte kümmerte. 1989 wechselte er zu Pierre Audi an die Nederlandse Opera in Amsterdam. Er leitete dort die Öffentlichkeitsarbeit und wurde 1994 Casting Director, stieg danach zum künstlerischen Direktor neben Audi auf.
2007 wechselte er als Intendant an die Brüsseler Monnaie, wo er, nachdem das Haus mehrfach „Oper des Jahres“ geworden war, 2025 aus dem Amt schied, weil der Aufsichtsrat einen Wechsel wollte. 2011 bis 2013 war er Präsident von Opera Europa, der Vereinigung führender Opernhäuser und Opernfestspiele in Europa. Gegenwärtig betreut er für 2030 die Europäische Kulturhauptstadt Löwen. Aus dem Vertrag wird er wohl leicht herauskommen.
Und weil mit de Caluwe jetzt wieder ein Mann als künstlerischer Leiter die Geschicke der Festspiele führt, hatte die in der Hinterhäuser-Affäre keine sonderlich gute Figur machende Christina Hammer nun wieder Oberwasser. Eine Frau im Salzburger Festspielleitungsgremium, das muss selbst dort inzwischen sein. Und wirkliche weibliche Alternativen gab es wohl nicht.
Und Peter de Caluwe wird wohl wissen: Spätestens 2028 wird auch die unbeliebte Edtstadler dort wieder Geschichte sein. Am Freitag soll er offiziell vorgestellt werden. Auf die gerichtlich durchgesetzte Offenlegung der Kosten des Hinterhäuser-Rauswurfs durch die Politik muss die Öffentlichkeit freilich weiterhin warten. Gerade die, welche dauernd Transparenz predigen, gefallen sich wieder mal in Verschleppungstaktik.
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