Bis 2001 hat Pierre Rosenberg den Pariser Louvre geleitet. Die Museumsaufseher erkennen ihren ehemaligen Chef bis heute an seinem roten Schal, wenn er durch die Säle streift. Rosenberg, 1936 als Sohn deutscher Juden in Paris geboren, ist Spezialist für das 17. Jahrhundert, Kenner des französischen Malers Nicolas Poussin und überdies leidenschaftlicher Sammler.

Als er die Glastür im Hof eines Gebäudes im 6. Arrondissement öffnet, trägt er die schwarzen Samtschuhe der venezianischen Gondoliere und bittet lächelnd zum Gespräch in sein Büro. Seine Sammlung von 670 Gemälden, 3500 Zeichnungen, 50.000 Büchern und 800 Tieren aus Muranoglas hat er bereits dem Musée du Grand Siècle vermacht. Es wird 2028 im Pariser Vorort Saint-Cloud eröffnet und das einzige Museum in Frankreich sein, das ausschließlich dem 17. Jahrhundert gewidmet ist. Einen Vorgeschmack bietet die Kunstmesse Fine Arts Paris, die dem Musée du Grand Siècle eine Ausstellung widmet.

WELT AM SONNTAG: Wie wird man zum Sammler, Monsieur Rosenberg?

Pierre Rosenberg: Es gibt zwei Sorten von Sammlern. Die wahren Sammler und die Ansammler, die Horder und Hamsterer, zu denen ich gehöre. Ein wahrer Sammler, der ich nicht bin, braucht drei Dinge: Sehr viel Zeit, weil man sich bei jedem Kauf konzentrieren und viele Überlegungen anstellen muss, außerdem ist etwas Geld nötig, und es braucht Wissen. Ich hatte weder Zeit noch Geld. Über ein wenig Wissen verfügte ich, aber meine Sammlung spiegelt nicht unbedingt mein kunsthistorisches Interesse wider. Der Sammler und der Kunsthistoriker sind zwei verschiedene Personen. Ich habe nie meine eigene Sammlung studiert. Aber ich habe große Hochachtung vor den wahren Sammlern, denen ich als Museumsdirektor viel Zeit gewidmet habe. Einige habe ich überzeugen können, dem Louvre oder anderen Museen bestimmte Schenkungen zu machen, worauf ich bis heute sehr stolz bin. Sammler sind eine Art von Schöpfern, auch wenn sie sich mit ihrer Sammlung immer in den Dienst der Künstler stellen.

Hamsterer und Mäzen: Pierre Rosenberg

WAMS: Verlangt Sammeln nicht vor allem Leidenschaft?

Rosenberg: Es ist ein unbestraftes Laster, wie es der Schriftsteller Valéry Larbaud formuliert hat, aber es bleibt ein Laster.

WAMS: Ab Anfang 2028 wird Ihre Sammlung im Musée du Grand Siècle zu sehen sein. Schmerzt es Sie, sich zu Lebzeiten von den Werken trennen zu müssen?

Rosenberg: Das Datum der Museumseröffnung steht fest. Ich hatte keine andere Wahl.

WAMS: Die einzige Alternative wäre gewesen, vorher zu sterben.

Rosenberg: Genau dasselbe habe ich auch gedacht. Aber ich werde schon zurechtkommen. Wissen Sie, ich habe mein ganzes Leben mit Kunstwerken zusammengelebt. Schon meine Eltern hatten das getan. Aber es ist mit der Kunst wie mit einer schönen Aussicht aus einem Fenster. Am Anfang ist man begeistert, am Ende hat man sich daran gewöhnt und sieht nichts mehr. Ich habe seit der Schenkung 2020 einige neue Werke kaufen können, damit die Wände meiner Wohnung nicht kahl bleiben. Ein Raum hier wird auch nach meinem Tod so bleiben, wie er jetzt ist. Das ist mein Büro, in dem wir gerade sitzen.

WAMS: Man nennt Sie „das Auge des Louvre“. Sie haben Gemälde Nicolas Poussin zuschreiben können. Kann man sein Auge trainieren?

Rosenberg: Das Auge ist eine Gabe. Entweder man hat es oder man hat es nicht. Das ist wie mit Ärzten. Manche sind besser und stellen sofort die richtige Diagnose. Andere sind schlecht. Ich habe diese Gabe, aber natürlich muss man sie kultivieren und vor allem begrenzen. Denn ich habe ein Auge für Künstler, die ich gut kenne, wie Poussin und Chardin. Aber was ich über Rembrandt oder Goya sagen kann, hat keinerlei Autorität.

Aus der Rosenberg-Kollektion: Laurent de la Hyres „Allegorie der guten Führung“

WAMS: Sie haben Anfang des Jahres das Werkverzeichnis zu Poussin fertiggestellt, vier Bände, 1700 Seiten. Woran arbeiten Sie jetzt?

Rosenberg: Ich arbeite jetzt an seiner Korrespondenz, die viel Auskunft über den historischen Kontext gibt. Zu diesem Zeitpunkt starb Ludwig XIII. Poussin war erst in Paris, dann in Rom, und man kann ihm dabei zusehen, wie er auf die Ereignisse reagierte. Er war jemand, der denjenigen, die an der Macht waren, zu gefallen versuchte. Poussin war wirklich nicht sehr mutig. Interessanterweise mochte er Mazarin nicht, den ich sehr schätze, vielleicht weil er Italiener war, vielleicht, weil er ein großer Sammler war, mehr als Richelieu, und weil von ihm die schöne Anekdote überliefert ist, wie er sich am Vortag seines Todes im Hausmantel auf einer Sänfte durch seine Gemäldegalerie hat tragen lassen und sagte: „Und das soll ich alles hinter mir lassen?“

WAMS: Gibt es ein Werk, das Sie nicht hergegeben haben?

Rosenberg: Ich habe meiner Frau eine nicht ganz unbedeutende Zeichnung geschenkt, die sie behalten darf, wenn sie mich überlebt, und die dann bei ihrem Tod ins Museum geht als Andenken an unsere Enkelkinder.

WAMS: Ein Poussin?

Rosenberg: Nein, ein Künstler des 17. Jahrhunderts, eine wirklich sehr hübsche Zeichnung mit mehreren Vögeln. Es ist ein wichtiges Werk.

WAMS: Warum verdient das 17. Jahrhundert ein eigenes Museum?

Rosenberg: Es ist das große Jahrhundert Frankreichs, als das Land mit Ludwig XIV. die politische und kulturelle Vormacht hatte. Aber das Musée du Grand Siècle ist kein traditionelles Kunstmuseum, sondern ein Gesellschaftsmuseum, das nicht den Nationalismus bedienen will. Es soll vielmehr zeigen, wie die Franzosen im 17. Jahrhundert gelebt haben – nicht nur die Reichen und der König, sondern auch die armen Leute. Es geht um Gott, Politik, die Rivalität mit Spanien, den Code Noir von Jean-Baptiste Colbert, die Widerrufung des Edikts von Nantes, weil Kunst im historischen Kontext steht.

WAMS: Der Louvre ist das genaue Gegenstück dazu …

Rosenberg: Richtig. Aber es muss auch andere Sorten von Museen geben, und man muss Museen regelmäßig neu erfinden. Die junge Generation der Konservatoren stellt sich die Frage, wie Museen in 50 Jahren aussehen werden. Interessanterweise interessieren sich die Herren aus dem Silicon Valley nicht für Museen. Museumsdirektoren aus San Francisco haben versucht, sie zu begeistern und als Spender zu gewinnen. Aber das funktioniert nicht. In ihren Augen ist das ein Ort von gestern, was sehr beängstigend ist.

WAMS: Aber die Menschen stürmen in Massen in die Museen. Der Louvre ist heute Opfer seines Erfolgs. Sie waren ab 1994 Museumsdirektor und führten Mitterrands Projekt des Grand Louvre zu Ende. Mit wie vielen Besuchern haben Sie damals gerechnet?

Rosenberg: Wir gingen von vier Millionen Besuchern im Jahr aus, was wir 2001, als ich das Haus verließ, erreicht hatten. Heute sind es doppelt so viele. Es fehlt die Infrastruktur für so viele Menschen, Rolltreppen, Toiletten. Die zu bauen, ist teuer, es fehlt der Platz. Und welcher Mäzen will schon für die Damentoiletten zahlen? Wir haben damals auch nicht daran gedacht, Meisterwerke wie die Mona Lisa, die Venus von Milo und die Nike von Samothrake weit entfernt voneinander zu zeigen. Sie stehen zu eng beieinander. Aber anders als oft behauptet wird, ist der Louvre in manchen Sälen überfüllt, andere sind dagegen menschenleer.

Musée du Grand Siècle in Paris-Saint-Cloud

WAMS: Zum Beispiel?

Rosenberg: Die Poussin-Säle. Ich würde Besucher zu „Eliezer und Rebekka“ schicken. Der alte Abraham schickt seinen Diener Eliezer in die Wüste, um eine Frau für seinen Sohn Isaak zu finden. Er schenkt ihr Schmuck. Sie weiß nicht, wie ihr geschieht. Wie stellt man das dar: Überraschung, Verwunderung, die Ahnung, dass man eine wichtige Person wird? Wie verwandelt man eine Idee in ein Gemälde? Poussin konnte das, weshalb er der größte Maler Frankreichs ist, wenig geliebt und unverstanden, aber zutiefst bewundert von anderen Künstlern, bis heute. Jeff Koons sammelt Poussin.

WAMS: Der Louvre hat erst 2018 Säle für Raubkunst eingerichtet. Warum war dieses Thema so lange tabu?

Rosenberg: Das ist eine schwierige Frage. Nach dem Krieg hat man sich vor allem für die Résistance interessiert. Die Museen haben lange Widerstand geleistet, wollten keine Werke zurückgeben. Heute liegt das hinter uns.

WAMS: Ihre Eltern waren deutsche Juden, die den Holocaust in Frankreich überlebt haben. Sie sind in Frankreich geboren und haben die Kindheit im Versteck verbracht. Haben Sie noch Erinnerungen?

Rosenberg: Mein Vater war Anwalt in Köln und durfte nicht mehr arbeiten. Deshalb sind meine Eltern rechtzeitig 1933 geflohen, sofort nach Hitlers Machtergreifung. Er hat sich in Frankreich in der Fremdenlegion engagiert, meine Mutter hat den Exodus aus Paris mitgemacht und ist in einem Dorf in der Region Lot-et-Garonne gelandet. Der Bürgermeister sagte etwas Erstaunliches: „Deutschland führt Krieg gegen Frankreich. Deutschland verfolgt Sie. Also werden wir Sie schützen.“ Das hat er getan. Später wurden wir von Weinbauern in der Gironde versteckt. Sie hatten Kinder in meinem Alter und die durften in der Schule auf keinen Fall verraten, dass zu Hause ein kleiner Pierre lebte.

WAMS: Sie wirken wie ein sehr zufriedener Mensch, Monsieur Rosenberg. Macht die Kunst glücklich?

Rosenberg: Poussin sagte, der Sinn der Kunst sei es, sich an ihr zu erbauen. Er wollte für seine schönen Kompositionen und Farben bewundert werden, aber wichtiger war fast sein Intellekt, der Wille, eine Idee in ein Bild umzusetzen. Die Freude beim Betrachten von Kunst ist in meinen Augen weniger eine sinnliche als eine intellektuelle Freude. Aber sich mit Kunstwerken auseinanderzusetzen, egal ob es Werke der Musik, große Texte oder Gemälde sind, macht einen zu einem glücklichen Menschen.

Die Kunstmesse Fine Arts Paris läuft vom 19. bis 23. September 2026 im Grand Palais.

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