Eine Leinwand auf der Bühne des Nationaltheaters in Oslo zeigt: Szenen von Straßenschlachten im Februar 1997 in Seoul. Polizisten prügeln auf blutende Demonstranten ein, aus deren Reihen fliegen Molotow-Cocktails. Bereits im Sommer bricht die Wirtschaft zusammen, Unternehmen können die Zinsen für ausländische Kredite nicht mehr bedienen.

Südkorea sieht sich gezwungen, ein Rettungspaket des Internationalen Währungsfonds zu akzeptieren. Die Wirtschaftskrise mit dem Zusammenbruch von Banken und dem Absturz der Währung führte zu Massenentlassungen, zu starkem gesellschaftlichem Druck. Der wiederum verursachte eine steigende Selbstmordrate und weitere Unruhen. Erst Jahre später gelingt in Korea das zweite Wirtschaftswunder nach den 1960er-Jahren.

Symbolisch für die jüngsten 20 Jahre der Geschichte Südkoreas – um die geht es im Theater von Jaha Koo – stehen drei hochmoderne Reiskocher auf einem Tisch vor der Leinwand. Sie sind allesamt von der südkoreanischen Marke Cuckoo, die dem Theaterabend ihren Titel gibt. Der Produktname Cuckoo wird in Korea als Synonym für Reiskocher genutzt, wie hierzulande Tempo für Taschentücher. Zu den Geräten gesellt sich bald Jaha Koo als souveräner Erzähler und einziger Darsteller in seinem Gesamtkunstwerk, in dem er auch für Konzept, Text, Regie, Musik, Sound und Video verantwortlich ist.

Die Kunst als Sprachrohr gesellschaftlicher Wahrheit kann für ihre Schöpfer je nach politischem System gravierende Folgen haben: In Diktaturen kostet sie schlimmstenfalls den Kopf, in Demokratien bringt sie im besten Fall ein hohes Preisgeld.

Letzteres erhielt Koo nun in Oslo, wo er den sogenannten Nobelpreis des Theaters in Empfang nahm, den mit 2,5 Millionen norwegischen Kronen (aktuell rund 230.000 Euro) dotierten Ibsen Award. Entspricht doch seine Kunst exakt den Kriterien des weltweit höchstdotierten, alle zwei Jahre verliehenen Theaterpreises: Innovativ soll sie sein, kritisch und zugleich menschlich. Zu den bisherigen Preisträgern zählen nicht nur große Künstlernamen der europäischen Theaterwelt – wie Peter Brook, Ariane Mnouchkine, Jon Fosse oder Peter Handke. 2016 setzte das britische Kollektiv Forced Entertainment eine neue, postdramatische Note.

Anschließend gewannen Taylor Mac aus den USA, das australische Back to Back Theatre und zuletzt Lola Arias aus Argentinien. Jaha Koo ist nun der erste Preisträger aus Asien und zudem mit 41 Jahren zugleich der jüngste. Die Produktionen seiner Hamartia-Trilogie sind seit zehn Jahren weltweit auf Tour, waren auch in den Sophiensaelen in Berlin und auf Kampnagel in Hamburg zu Gast. Hamartia steht im griechischen Drama für einen tragischen Fehler der Person oder eine grausame Wendung des Schicksals, das unweigerlich in die Katastrophe führt. Im Kern erinnern Koos Performances mit ihm als einzigem Darsteller an Arbeiten von René Pollesch und des Berliner Theaterkollektivs Rimini Protokoll.

Koo hat den autobiografischen und dokumentarischen Anspruch perfektioniert, um Robotik ergänzt, zugespitzt durch seine postkoloniale Perspektive und emotional verstärkt durch seine eigenen Kompositionen. Letztlich will Koo jedoch nicht belehren, sagt im Gespräch mit WELT: „Ich schaffe einen Raum, in dem Meinungen und Erfahrungen geteilt werden können, statt eine Botschaft zu vermitteln.“

Die nur 45-minütige Performance „Lolling and Rolling“ machte 2015 den Auftakt. Mit Koo als DJ hinter einem Mischpult beschreibt das Stück die in Südkorea nach der Jahrtausendwende übliche Praxis, die Zungen von Kindern durch Zungenbandoperationen künstlich zu verlängern. Die Eltern hofften, dass ihre Kinder dadurch das englische „R“ besser aussprechen können – das es im Koreanischen nicht gibt.

Das eingangs geschilderte „Cuckoo“ von 2017 befasst sich, ausgehend vom Suizid eines Freundes, mit dem in Korea weit verbreiteten Phänomen des Selbstmords – die Rate ist noch heute die höchste aller OECD‑Staaten. Koo steigt nach den dokumentarischen Bildern der Unruhen spielerisch ins Thema ein. Zwei der eingangs erwähnten Reiskocher haben ihre ursprüngliche Funktion längst eingestellt. Als mit künstlicher Intelligenz gesegnete Roboter mit eigener Persönlichkeit quatschen sie aufeinander ein und sind einander spinnefeind. „Wenn ich du wäre, würde ich mich umbringen“, schnauzt der am weitesten entwickelte Reiskocher seinen minderbemittelten Kollegen an. Der zweite Reiskocher lästert zurück: über des ersten allzu grelle LED-Leiste.

Was Haribo mit Kimchi zu tun hat

Der dritte, herkömmliche Cuckoo kocht während der Performance eine Standardportion Reis. Die besteht aus rund 40.000 Körnern, die ihr Volumen im Verlauf des Stückes verdreifachen. Der Druck im Kessel steigt. Während er von einem durch unmenschliche Arbeitsbedingungen verursachten Todesfall am Arbeitsplatz erzählt, verarbeitet Koo zum Schluss den Reis mithilfe einer Form zu Reistalern, die er stapelt. Von oben stürzt schließlich ein Reismännchen, fix aus Reisrestkugeln gerollt, hinab. Der Klebreis kann nicht ausreichend Bindekraft entfalten, ihn zu halten.

Im dritten Stück, „The History of Korean Western Theatre“, untersucht der frischgebackene Ibsen-Preisträger im Gespräch mit einem Reiskocher den imperialistischen Theaterbegriff. Heute meine jeder in Südkorea mit „Theater“ die aus Europa importierte Schauspielkunst nach William Shakespeare oder eben Henrik Ibsen. Daher entbehre „es nicht einer gewissen Ironie“, so Koo, dass nun ausgerechnet er den Ibsen Award erhalte, wo er doch seit Jahren der Frage nachgehe, wie der westliche Kanon das moderne und zeitgenössische koreanische Theater geprägt hat.

Wie Ibsen hat auch Koo viele Jahre im europäischen Ausland verbracht: „Von außen konnte ich Dinge sehen, die von innen unsichtbar waren. Und ich lernte: Was wir ‚das Zentrum‘ nennen, könnte nur eins von vielen Zentren sein.“ Er sei nicht nach Oslo gekommen, um „ins Zentrum einzutreten“, so Koo, sondern um weiter danach zu fragen, wo es sich befinde.

Er habe erkannt, so der Künstler, „dass ich nicht mehr zur koreanischen Gesellschaft gehöre. Südkorea erlaubt mir nicht, die Verbindung zu halten, irgendwann wurde sie fragil. Nicht, weil die Menschen kalt oder gemein sind, sondern weil die Veränderung und Entwicklung schneller ist als meine Erinnerungen und meine Zeit.“ Daraus ergäbe sich die spezielle Situation „dass meine Zeit in der Vergangenheit liegt, während Korea schon in der Zukunft ist. Das erzeugt kulturelles Chaos.“ Daher frage er sich, so Koo, wo er zu Hause sei: „In Europa fühle ich mich auch nicht zu Hause.“

Dennoch wird der Autor und Regisseur seine globale Theaterreise vorerst aus Europa fortsetzen, genauer: aus dem belgischen Gent, wo er nach Stationen in Berlin und Amsterdam seit knapp zehn Jahren lebt und arbeitet. Gemeinsam mit seiner Frau und künstlerischen Partnerin, der Bühnenbildnerin Eunkyung Jeong sowie seinem Dramaturgen Dries Duibi, erarbeitet er neue Stücke am Theaterzentrum Campo.

Das erste Werk Koos nach der Trilogie, die 2021 endete, heißt „Haribo Kimchi“. Der Abend ist eine humorvolle, im Vergleich zu den Stücken der Trilogie unterhaltsam leichte Arbeit, eine Performance über Migration, Heimat und die heilsame Kraft des Essens. Jaha Koo lädt das Publikum in ein Pojangmacha ein, einen typischen Spätimbiss auf den Straßen Südkoreas. Gemeinsam mit einem elektronisch steuerbaren Baby-Aal, einer singenden Schnecke und einem Gummibären nimmt er seine Gäste mit auf eine kulinarische Reise. Landestypische Gerichte ermöglichen aus seiner Sicht wie eine Sprache den Zugang zu gesellschaftlichen Strukturen fremder Kulturen.

Aktuell produziert Koo sein erstes Stück, in dem er nicht selbst auf der Bühne steht. „Born to be K to be Pop“ thematisiert das weltweite Phänomen des K-Pop, also einen Trend, der nicht nach, sondern aus Korea stammt. Möglicherweise ist der neue Abend der Beginn der nächsten wunderbaren Trilogie, schließlich gibt es auch noch K-Beauty – und jede Menge K-Food jenseits von Kimchi.

„Haribo Kimchi“ läuft auf der Euroscene Leipzig, 4./5. November 2026

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