Die Ausstellung beginnt mit einer Idylle: ein Haus im Grünen, vorn ein Teich, verschiedene Vögel, hinten tritt (verwaschen) ein Mann in die Tür und geht nach draußen; von der Seite kommt eine Frau dazu. Ein Super-8-Film in Dauerschleife, endloses Licht, endloses Grün. Das Haus mit dem Teich steht in dem winzigen Ort Springs auf Long Island vor New York; der Mann in der Tür heißt Jackson Pollock, die Frau an der Seite Lee Krasner, die beiden sind frisch verheiratet.
„Past Continuous“ heißt die Ausstellung im Metropolitan Museum in New York, ein Titel, der nicht übersetzbar ist, weil es diese grammatikalische Zeitform im Deutschen nicht gibt. Es geht um eine Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reicht: eine Vergangenheit, die nicht vergeht.
Lee Krasner, „Past Continuous“, 1976Zunächst werfen wir einen Blick auf die Herkunft der beiden. Sie hätte unterschiedlicher kaum sein können. Lee Krasner, Jahrgang 1908, stammte aus Brooklyn, sie war Tochter ukrainischer Juden und hatte bei dem Deutschen Hans Hofmann Malerei studiert. Ihre ersten Bilder zeigen, dass sie bei Hofmann sehr gründlich die europäische Moderne kennengelernt hatte. Pollock war vier Jahre jünger als sie, ein Junge aus dem Mittleren Westen, der in der Gegend von Los Angeles aufwuchs; er begann als begabter Picasso-Imitator, der sich für die Kunst der amerikanischen Ureinwohner interessierte.
Die beiden lernten sich kennen, weil eine Ausstellung 1942 ihre Bilder zusammenbrachte. Am Abend nach der Ausstellung tauchte Krasner unangekündigt bei Pollock zu Hause auf. Die beiden wurden ein Paar; und dann gelang ihr gar nichts mehr. Drei Jahre lang strichelte sie Farbe auf Farbe, bis ihre Leinwände zu grauen Platten geworden waren, dann schabte sie alles wieder herunter. Hinterher hieß es, das Genie Pollocks habe Krasner die Kraft geraubt. Sie erzählte, dass es die Nachrichten aus dem Krieg waren: Dort drüben in Europa wurden ihre Verwandten in Gruben hinuntergeschossen.
Einladungen ins Atelier des Ehepartners? Nur auf Einladung
1945 heirateten die beiden und zogen aus der Stadt in die Idylle. Damit waren sie zwar von der lebendigen Kunstszene in Manhattan abgeschnitten, aber es fiel Jackson Pollock auch ein bisschen schwerer, sich mit Alkohol zu versorgen., was sehr gut war. Im Schuppen des Hauses in Springs richtete Pollock sein Atelier ein – sie arbeitete im Obergeschoss über der Küche. Einladungen ins Atelier des Ehepartners waren nur auf Einladung möglich.
Wenn die beiden nicht arbeiteten, kochten sie zusammen, unternahmen Wanderungen, luden Freunde ein. Unten im Wohnzimmer hing ein großer alter Anker an der Wand, den die beiden beim Spazierengehen gefunden hatten; da er oben eine Öse hatte, sah er wie ein Mensch aus, der in einer segnenden Gebärde die Arme ausbreitet – oder wie ein Gekreuzigter. Im Metropolitan Museum dürfen wir dieses Readymade zum ersten Mal außerhalb des Wohnhauses der zwei Berühmtheiten bestaunen.
In der Scheune des Hauses in Springs hat Jackson Pollock seine Riesenformate hergestellt. Vor ihm auf dem Scheunenboden lag die Leinwand; er verteilte mit einer Ölkanne in einem wilden Tanz Farbschlieren darauf. Die Resultate sehen aus wie die Testbilder, die man früher nach Programmschluss zu sehen bekam: Beinahe kann man das wütende elektrische Summen und Knacken hören, das solche Testbilder im Fernseher oft begleitete, je höher die Energie, desto wütender das Summen.
Lee Krasner war in dieser Phase die Muse des Künstlers. Sie machte ihn mit den neuesten europäischen Kunstwerken bekannt, damit er auf der Höhe der Zeit blieb, und spornte ihn an, damit er bei jedem neuen Bild wieder ein Stückchen weiter ging („zu weit“ war immer gerade weit genug). 1949 stellte sich das „Life“-Magazin allen Ernstes die rhetorische Frage, ob Jackson Pollock der größte lebende amerikanische Maler sei. Heute gibt es Kunstkritiker, die behaupten, Pollock sei quasi Lee Krasners Schöpfung gewesen, sozusagen: ihr Frankenstein-Monster.
Lee Krasner, „The Seasons“, 1957Die halbe Arbeit dieser Ausstellung im Metropolitan Museum besteht darin, Lee Krasner von solchen Zuschreibungen zu befreien, sie unter den Interpretationen, mit denen die Herren Kritiker diese Frau über die Jahrzehnte zugeschüttet haben, quasi wieder hervorzugraben. Denn während ihr weltberühmter Gatte im Schuppen als Berserker werkelte, schuf sie im Haus Kleinformate, die es in sich haben. Bunte Collagen. Ansammlungen weißer Quadrate. Einen Tisch, der eigentlich eine Skulptur ist.
Die Ausstellung zeigt dabei wie nebenbei, dass Jackson Pollock und Lee Krasner zwei unterschiedlichen Gattungen angehörten: Sie war eine Füchsin, er ein Igel. „Der Fuchs weiß viele Dinge, aber der Igel weiß ein großes Ding“, schrieb der griechische Dichter Archilochos. Jackson Pollock musste sich erst einmal finden; als er sich gefunden hatte, blieb er im Kern, der er war. Sie aber – die Füchsin – wandelte sich, wechselte die Stilrichtungen, die Methoden, die Arbeitswerkzeuge.
Natürlich ging das nicht gut. Es konnte nicht gutgehen. Pollock soff wie ein Loch, er betrog sie, er wurde immer verrückter. Er starb 1956 mit nur 44 Jahren bei einem Autounfall und brachte dabei auch noch eine Mitfahrerin um. Krasner war gerade in Europa, als es passierte; sie kehrte sofort nach Hause zurück. Wenig später starb ihre Mutter. Sie konnte nachts nicht schlafen. Schlaflos schuf sie in der Scheune, die nun zu ihrem Atelier geworden war, Großformate voller Gelb und Weiß und Schwarz, auf denen die Trauer förmlich zu explodieren scheint.
Auf einem dieser Gemälde werden die schwarzen Kringel zu Augen, die den Betrachter zu mustern scheinen. Aber Lee Krasner war noch lange nicht fertig. Sie überlebte ihren Mann um 28 Jahre und erfand sich wieder und wieder neu. Am Schluss fand sie alte Bilder, die sie nie verkauft hatte: kubistisches Zeug aus den 1930er-Jahren. Sie nahm die Schere, zerschnitt sie und setzte sie zu nie dagewesenen Kunstwerken zusammen – Füchsin bis zuletzt.
Jackson Pollock, „Autumn Rhythm: Number 30“, 1950Diese Ausstellung im Met ist nicht nur ihrem Umfang nach grandios; sie versammelt mehr als 120 Gemälde, die von mehr als 80 Institutionen verliehen wurden. Sie ist auch eine logistische Meisterleistung: Man mag sich gar nicht so genau vorstellen, wie die Pollockschen Großformate in die Museumsräume geschafft wurden – jedenfalls passen sie durch keine Tür. Vor allem demonstriert das Metropolitan Museum hier, welcher Rang ihm im New Yorker Kunstleben zukommt. Eigentlich sind für moderne Kunst das MoMA und das Guggenheim verantwortlich; die amerikanische Moderne kann im Whitney-Museum betrachtet werden.
Das Metropolitan Museum ist traditionell mehr der Ort für die alten Meister. Hier aber übertrumpft es auf einen Streich die gesamte einheimische Konkurrenz. Als das Metropolitan Museum 1957 sein erstes Pollock-Gemälde erwarb („Autumn Rhythm“ für die heute etwas lächerliche Summe von 20.000 Dollar), war das ein Skandal; er kostete den damaligen Direktor James Rorimer beinahe seinen Job. Aber der jetzige Museumsdirektor, der Österreicher Max Hollein, strahlte bei der Ausstellungseröffnung wie ein General, der soeben eine wichtige Schlacht gewonnen hat.
„Krasner and Pollock: Past Continuous“, bis 31. Januar 2027, Metropolitan Museum of Art, New York
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