Wolf Biermann, wurde 1936 nicht nur sein musikalisches Talent in die Wiege gelegt – vieles im Leben des Hamburger Dichters und Liedermachers scheint geradezu schicksalhaft mit der deutschen Geschichte verwoben. Er überlebte die Nazizeit, war in der DDR als Einzelkämpfer gegen das Unrecht zwölf Jahre lang verboten, eckte in der Bundesrepublik als Kämpfer für Gerechtigkeit und Freiheit an. Eine weltweit beachtete Ausstellung im Deutschen Historischen Museum Berlin war vor zwei Jahren seiner Familiengeschichte, seiner Rolle als Kommunist und verbotener Künstler in der DDR und seiner Ausbürgerung 1976 gewidmet, die als Anfang vom Ende der SED-Diktatur gelesen werden kann.
„Ich habe mich um diesen Film verdient gemacht, indem ich mich zurückgehalten habe“
Nun würdigt ein Dokumentarfilm von Regisseur Jens Meurer das Leben Biermanns in aller gebotenen Kürze von zwei Stunden und muss sich notgedrungen auf das Wesentliche beschränken. Beim Filmfest Hamburg erlebte das Porträt des Künstlers als junger und als nicht mehr ganz so junger Mann unter dem Titel „Biermann“ seine gefeierte Uraufführung. Nur der anwesende Wolf Biermann hatte seine Schwierigkeiten: „Ich hab‘ mit dem Film wenig zu tun. Ich hab‘ mich nicht eingemischt, keine Wünsche geäußert, keine Forderungen erhoben, keine Vorschläge gemacht. Ich habe mich um diesen Film verdient gemacht, indem ich mich zurückgehalten habe“, erklärte Wolf Biermann im Cinemaxx am Dammtor, dem Premierenkino.
„So oder so, die Erde wird rot“: Pamela und Wolf Biermann mit Regisseur Jens Meurer auf dem roten Teppich beim Filmfest HamburgAuf die Nachfrage, wie der Kinofilm ihm gefallen habe, sagte der Liedermacher: „Natürlich fällt es mir schwer, eine ehrliche Antwort zu geben, weil ich es wirklich nicht weiß. Es gibt ja zwei Gründe, so einen Film nicht zu verstehen: Erstens, weil man von all dem zu wenig weiß und zweitens, weil man zu viel dazu im Kopf hat, an zu viele andere Dinge denkt, die einen ablenken.“ Welche Art Ablenkung er meinte, schilderte Biermann sogleich anhand einer Anekdote, die im Film nicht vorkam und in der er beschrieb, wie er nach einem warnenden Anruf in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 um drei Uhr nachts mit Kopftuch, verkleidet als altes Mütterchen, seine Wohnung in der Chausseestraße 131 in Ostberlin durch die Hintertür verließ, weil er Todesangst hatte. Der Anrufer, ein ehemaliger Freund, mittlerweile Stasi-Offizier, hatte ihn auf den Einmarsch der sowjetischen Truppen zur Beendigung des Prager Frühlings aufmerksam gemacht und befürchtete offenbar wie Biermann eine „Säuberungswelle“ in der DDR im Windschatten des Einmarschs.
„Man muss wieder lernen, sich zu wehren gegen Unterdrückung, gegen Ungerechtigkeit, gegen Barberei“
„Sollte der Film gelungen sein“, so Biermann, „dann wünsche ich ihm, dass er Erfolg hat, dass ihn möglichst viele Leute sehen, damit sie bei Gelegenheit des Filmes erkennen können – vor allem die Jüngeren, die jetzt überall in der Welt sehen können, wie Diktaturen aufblühen – dass man wieder lernen muss, sich zu wehren gegen Unterdrückung, gegen Ungerechtigkeit, gegen Barbarei; die aber immer neu ist, auf die man noch nicht trainiert ist.“ Vielleicht könne das Beispiel von „Biermann“ nützlich sein, so der Künstler, „denn das Schicksal von einzelnen Menschenexemplaren ist natürlich doch immer beweiskräftiger als alle großen Reden.“
Wolf Biermann in der Ausstellung über sein Leben im Deutschen Historischen Museum in BerlinMeurer aber hat für jene interessierten, vermutlich durchschnittlich viel über die deutsche Teilung wissenden knapp tausend Zuschauer, die bei der Premiere anwesend waren, einen wunderbaren Film gemacht. In einer Szene mittendrin schlendert der Regisseur, der außerhalb des Bildes bleibt, mit Wolf Biermann und seiner Frau Pamela über den Hugenottenfriedhof in Berlin, dem der Liedermacher 1978 mit seinem gleichnamigen Lied ein Denkmal setzte.
Kurzer Besuch auf dem Hugenottenfriedhof
Da möchten die beiden auch mal begraben liegen, zwischen den Grabstätten der Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel und Johann Gottlieb Fichte, der Schriftsteller Heinrich Mann, Bertolt Brecht, Johannes R. Becher, Arnold Zweig und Anna Seghers, des Regisseur Heiner Müller, der Baumeister Friedrich August Stüler und Karl Friedrich Schinkel, des Künstlers John Heartfield und der Schauspielerin Helene Weigel. Das erfährt der Zuschauer im Plauderton. Dann gibt es ein kleines Geplänkel zwischen Wolf und Pamela über das Leben nach dem Tod, an das beide nicht so recht glauben, das er sich aber ganz hübsch ausmalen kann.
Wolf wünscht sich, seine 27 Jahre jüngere Frau möge ihn nicht zu lange warten lassen – woraufhin Pamela locker erklärt, das könne sie ihm leider nicht versprechen. So privat geht es bei Wolf Biermann öffentlich eigentlich immer zu, seit er zwölf Jahre lang als verbotener Künstler und Staatsfeind Nummer eins rund um die Uhr von der Staatssicherheit der DDR überwacht, abgehört und auf Schritt und Tritt durchs Leben begleitet wurde, inklusive Überwachungsfotografie. Das erforderte Notwehr. Auch aus dieser Zeit gibt der Künstler vor der Kamera einige Erinnerungen preis, zum Einstieg erklingt der Anfang der „Stasi-Ballade“, die Biermann im Winter 1966 verfasste, nachdem er seine Beobachter beobachtet hatte.
„Menschlich fühl’ ich mich verbunden, mit den armen Stasihunden“
Das Lied, in dem der Sänger die Stasi als seinen Eckermann preist, erschien erst 1973 auf der Platte „aah-ja!“ und beginnt mit den Zeilen: „Menschlich fühl‘ ich mich verbunden/ mit den armen Stasihunden/ die bei Schnee und Regengüssen/ mühsam auf mich achten müssen/ die ein Mikrofon einbauten/ um zu hören all die lauten/ Lieder, Witze, leisen Flüche/ auf dem Flur und in der Küche/ Brüder von der Sicherheit/ Ihr allein kennt all mein Leid.“ Das klingt dann im Film an. Und wer zu wenig weiß, will das Lied vielleicht mal ganz hören. Und wer genau richtig viel weiß, will es vielleicht mal wieder hören. Wer zu viel weiß, kennt es eh auswendig und erinnert sich vielleicht gleichzeitig an zwei, drei andere, was im Prinzip auch nicht schaden kann.
Wie sich später herausstellte, hatte Biermann selbst das Ausmaß der Überwachung unterschätzt. Als er 1992 Einsicht in seine Stasi-Akten erhielt, fand er 50.000 Seiten. Insgesamt wurde er von mehr als 200 Stasi-Agenten und mehr als siebzig Spitzeln überwacht. Der Spott, der Witz, der Humor, der ihm half, die Zeiten des Auftrittsverbots zu überstehen, hat beim Filmgucken, beim Anblick der schieren Materialmenge für einen Moment Pause.
Armin Mueller-Stahl über die Ausbürgerung
Das dichterische, mithin lyrische Werk Biermann kommt in diesem Porträt eindeutig zu kurz, es eignet sich für das Medium aber auch am schlechtesten. Stattdessen wird der Zusammenarbeit mit anderen Künstlern wie Campino und den Toten Hosen mehr Sendezeit eingeräumt. Denn der Film ist natürlich auch ein Musikfilm. Die heimliche Nationalhymne der DDR, Biermanns „Ermutigung“ erklingt neben vielen anderen bekannten Stücken, einige in Coverversionen jüngerer Musiker.
Wolf Biermann beim legendären Konzert in Köln 1976Starke Elemente der Dokumentation sind Einschätzungen von Zeitgenossen wie jene der Schauspieler Armin Mueller-Stahl und Manfred Krug, die 1976 den Künstlerprotest gegen die Ausweisung Biermanns unterschrieben, obwohl ihnen klar war, dass die Aktion ihr berufliches Ende in der DDR bedeutete. Beide folgten Biermann nach Ausreiseanträgen von 1977 in die Bundesrepublik. Krug durfte 1977, Mueller-Stahl 1980 aus der DDR ausreisen.
Bosheiten von Erich Honecker und Zugewandheit von Joachim Gauck
Auch der ehemalige Bundespräsident Joachim Gauck aus Rostock, wie Biermann einst DDR-Bürger und im Juni 1990 von der ersten frei gewählten Volkskammer zum Vorsitzenden des Sonderausschusses zur Kontrolle der Auflösung des ehemaligen Ministeriums für Staatssicherheit bestellt, kommt in mehreren Beiträgen zu Wort und erklärt das Phänomen Biermann aus seiner Sicht. Und Erich Honecker darf noch einmal verkünden, warum Biermann verboten gehört, nämlich: „pornografisch“ ist er auch.
Das Privatleben – Biermann hat zehn Kinder von verschiedenen Frauen – wird mit Blick auf seine drei langjährigen Partnerinnen erzählt: Die Schauspielerin Brigitte Soubeyran, mit der er Anfang der Sechzigerjahre in Ostberlin zusammenlebte, die Sängerin Eva-Maria Hagen (deren Tochter Nina natürlich einen kurzen Auftritt hat, denn sie ist filmogen) mit der er von 1965 bis 1972 ebenfalls in der Hauptstadt der DDR liiert war und Pamela Biermann, geborene Rüsche aus Hamburg, die Biermann 1982 kennenlernte und die er 1989 heiratete. Beide treten häufig gemeinsam auf.
Eigentlich immer: Gegen den Strom
Biografisch werden die großen Linien sichtbar: Als Sohn von Kommunisten in Hamburg geboren und aufgewachsen, mit 16 Jahren 1953 gegen den Strom in die DDR gegangen, um den Sozialismus aufzubauen. 1963 zum ersten Mal, nach dem 11. Plenum des ZK der SED 1965 endgültig in der DDR verboten. 1976 auf Einladung der IG Metall ein Konzert in Köln gegeben und bei dieser Gelegenheit ausgebürgert. Proteste in Ost und West. Anschließend wieder in Hamburg Fuß gefasst, Anfang der Achtzigerjahre vom Kommunismus abgewandt, nachdem er in Paris am Grab Heines verstanden hatte, dass dieses System immer nur als Diktatur erhältlich ist. Seither weiterhin unerschrockener Soldat im von Heine so genannten „Freiheitskampf der Menschheit“, der laut Biermann „immer wieder neu ausgefochten werden muss, der nie für immer gewonnen ist“.
Nach der Wiedervereinigung trat Biermann wiederholt in der DDR auf und redete bei seinen Auftritten auch kurz nach der Wiedervereinigung mit seinen ehemaligen Landsleuten Tacheles, verzichtete auch nicht auf Vorwürfe, was die Bereitschaft zum Widerstand zu DDR-Zeiten anging. Im entsprechenden Archivmaterial wird die direkte Art deutlich, mit der er auf die Menschen zugeht, auch bei unterschiedlichen Meinungen. Denn, so Biermann: „Man geht nicht kaputt an den Schlägen, die man einsteckt. Sondern an denen, die man nicht austeilt.“ In diesem Sinne ist der Film „Biermann“ von Jens Meurer ein weiterer Schlag gegen drohenden Totalitarismus, für die freie Meinungsäußerung in der Demokratie.
Der Dokumentarfilm „Biermann“ kommt am 29. Oktober ins Kino.
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