Vielleicht wäre das auch mal eine Dissertation wert. Länger darüber nachzudenken, warum es im deutschen Fernsehkrimi immer dann besonders interessant wird, wenn er von einer Nacht erzählt. Das begrenzt die Zeit, verhindert Ausflüchte in irgendwelche Rückblenden, erhöht den Druck, Dialoge zu schärfen. Die Friktionstoleranz der Verdächtigen und der Kommissare sinkt. Alles ist auf der Zinne. Oder kurz davor.
Konfliktparteien geben sich im Halbdunkel der Häuser, Straßen und Räume – vielleicht in der vagen Hoffnung, irgendwie doch noch durch die Dunkelheit zu kommen und in die vermeintliche Freiheit des Tages – gar keine Mühe mehr, irgendwas zu kaschieren. Die Risse in der Gesellschaft liegen in grellem Neonlicht nackt auf dem Obduktionstisch der deutschen Sonntagabendunterhaltung.
Aus Lars Beckers „Nachtschicht“-Filmen lässt sich an jeder Filmhochschule lernen, wie das gehen kann. Großartige deutsche Großstadt-Noirs sind das allesamt. In denen ermittelt ein gleich auf einigen Ebenen diverses Team nicht nur hinter Fällen aus der bürgerlichen und weniger bürgerlichen Hamburger Gesellschaft her.
Ein Team, das einem inzwischen – seit 2003 läuft die Reihe im ZDF, die zwanzigste Ermittlung für Armin Rohdes Kommissar Erich Bo Erichsen und seinen Hamburger Dauerdienst ist in Produktion – fast eine zweite Familie wurde. Immer wieder flackern das Private, die Nöte und Befindlichkeiten aller Beteiligten in Beckers Bösenachtgeschichten. Das verunklart damit aber nicht die jeweilige Gesamtsituation, sondern spiegelt sie.
Das Nachtschicht-Prinzip
Beckers fabelhaftes Vermögen, die gegenwärtige Gesellschaft wie durch ein Nachtsichtgerät zu betrachten, hat Schule gemacht. Ausgerechnet der neue Ludwigshafener „Tatort“ – sonst stilistisch und qualitativ der vielleicht unzuverlässigste aller Sonntagabendkrimis – versucht sich ziemlich erfolgreich an Beckers Nachtschicht-Prinzip.
Es ist finster über Ludwigshafen. Das Erste, was man sieht, macht es nicht unbedingt besser. Der Peinsack von korruptem Polizeidirektor (Bernd Hölscher), dem man schon beim letzten Mal eine gnädige Kugel gewünscht hatte, wird in einen Krankenwagen geschoben. Er hat überlebt.
Es ist der 4. Oktober 2026, 21.41 Uhr. Dann springt der „Tatort“-Routinier Martin Eigler, der sein eigenes Drehbuch verfilmte, zurück zur besten Sendezeit. 20.16. Und ab da läuft alles in Echtzeit ab. Was immer in den folgenden 85 Minuten passiert, läuft parallel zu unserer Gegenwart im Wohnzimmer ab (wenn wir denn noch linear fernsehen).
In der Kriminaltechnik wird der gesprengte Geldautomat zerlegt. Johanna Stern (Lisa Bitter, M.) ist dabeiIn einem prekären Ludwigshafener Viertel (ist nicht Ludwigshafen überhaupt ein prekäres Viertel?) hat es eine Explosion gegeben. Dennis Lohberg, ein stadtteilbekannter Rowdy, der mit seiner Bande seit Jahren die Gegend terrorisiert, ist beim Versuch, einen Bankomat zu sprengen, selbst in die Luft geflogen. Augen auf bei der Berufswahl, möchte man vorschnell meinen. Irgendwas stimmt da aber nicht. Etwas, das Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihre Kollegin Johanna Stern (Lisa Bitter) im Folgenden vom Feierabendbier und den Sonntagabendkrimikonsumenten doch ziemlich erfolgreich vom Wegdämmern abhält.
Eine Geldkassette ist verschwunden mit 37.000 Euro. Eine für Kriminalfilmverhältnisse überschaubare Summe. Und am Bankomat-Raub war noch wer beteiligt. Und weil Dennis Lohberg alles Mögliche war, aber nicht so blöd, sich tatsächlich in die Luft zu sprengen, streunt Eiglers Geschichte aus der Enge der Geldautomatenbox durchs Viertel mit seinen menschenleeren, windigen Einkaufszonen, den menschenleeren, windigen Straßen und den fast menschenleeren, sehr windigen Lokalen.
Der Sheriff von Ludwigshafen
Johanna sucht im augenscheinlich fußläufig entfernten Polizeipräsidium nach Verdächtigen und Verbindungen. Lena betätigt sich wieder mal als empathisch-harte Streetworkerin. Es dauert nicht lang, da läuft ihr Ulf Meisner über den Weg. Den und seinesgleichen kennt sie schon. Meisner gibt im Viertel den Sheriff, den Law-and-Order-Mann, der mit seiner Bürgerwehr da ist, von wo sich die Polizei, jedenfalls nach seiner Einschätzung, zurückgezogen hat – von den Menschen.
Ein Menschenfreund ist er allerdings nicht. Weiß seine zerschlagen aussehende Frau, die mit Baby daheim hockt. Ein besonders skrupelloser Abgesandter aus der Manosphere ist dieser Meisner, ein bisschen klischeehaft allerdings auch, was Christian Schneeweiß, der Meisner spielt, durch überraschend zwischentonreiche Darstellung ziemlich gut ausgleicht.
Es laufen immer mehr Fäden durch die Fußgängerzone. Lohbergs Bruder Chris, der samt seiner Combo als pfälzischer Nachfahre von Alex aus „Clockwork Orange“ erst passiv-, dann aktiv-aggressiv herumzieht. Lohbergs Ex, die jetzt mit Chris zusammen ist. Nico, der aus dem Viertel stammende, verhältnismäßig neue Ermittlerkollege, verstrickt sich.
Auf das Polizeipräsidium und ein gut halbstündiges Fanal laufen alle Fäden zu. Eine Gesellschaft, in der (Männer-)Gewalt jederzeit explodieren kann, entlarvt sich nebenbei von selbst.
Die Farben sind blaugrün, gelegentlich blinkt es schrill. Das Tempo ist erstaunlich niedrig, was der Spannung gar keinen Abbruch tut. Geschnitten wurde die Geschichte fantastisch (von Claudia Lauter). Gespielt wird erstaunlich gut. Nur der Polizeidirektor wird weiter sein Unwesen treiben. Man kann ja von einer Nacht nicht verlangen, dass sie gleich alles gut macht.
„Explosive Mischung“, der neue „Tatort“ aus Ludwigshafen, läuft linear am 4. Oktober 2026 um 20.15 Uhr in der ARD.
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