In seinem neuen Roman „Schwarze Samstage“ (Kiepenheuer & Witsch) erzählt Maxim Biller vom 7. Oktober 2023 ausgehend die Geschichte des Antisemitismus. Biller wurde 1960 in Moskau geboren, wanderte mit seinen Eltern zunächst nach Prag und später nach Hamburg aus. Heute lebt er in Berlin. In einer Doppelfolge seines Podcasts „Ronzheimer“ hat „Bild“-Vizechefredakteur und Global Reporter Paul Ronzheimer zwei Stunden lang mit Biller gesprochen. Dabei sprachen die beiden über …
… Maxim Billers zwischenzeitlichen Abschied von der Literatur
Paul Ronzheimer: Nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs hast du geschrieben: Es war alles umsonst, ich will kein Schriftsteller mehr sein. Wie war das damals? Warum hast du das geschrieben?
Maxim Biller: Ich hab’s gedacht, ich hab’s gefühlt. Ich wusste natürlich, dass Schriftsteller manchmal solche Sachen behaupten. Dann ändert sich wieder alles. Das war mir aber egal. Ich habe ja keinen Vertrag unterschrieben mit einer Bank. 1968, ich bin acht Jahre alt, stehen eines Tages russische Panzer in dem Park, in dem ich normalerweise Murmeln spiele. Und danach ändert sich alles. Und ich hatte einfach Déjà-vu. Für mich war wieder alles zurückgekommen. Und das hat einfach nur furchtbar wehgetan.
Ronzheimer: Die Panzer in dem Park, wo du Murmeln gespielt hast, hast du die dort gesehen?
Biller: Vielleicht kennst du die Bilder vom Kampf um das Rundfunkgebäude. Wir wohnten drei Straßenzüge weiter. Da muss ich dann auch vorbeigegangen sein. Ich weiß nicht, wo die Fotografien und meine Erinnerung sich überschneiden. Die Emigration bedeutete dann, für immer die Tür zur Heimat zuzumachen. Niemand wusste, dass es den Fall der Mauer geben würde, das war für immer. Und das alles verbinde ich mit diesen Tagen, diesem Trauma. Natürlich, als Schriftsteller kann einem nichts Besseres passieren.
Maxim Biller und Paul Ronzheimer (l). im Studio… den 7. Oktober, das zentrale Thema von Billers neuem Roman
Ronzheimer: In deinem Roman beschreibst du, wie die Nachrichten des 7. Oktober um die Welt gehen. Wie war das bei dir? Wie hast du persönlich den 7. Oktober erlebt?
Biller: Ich überlege gerade, ob ich überhaupt darauf antworten soll, weil das eine Betroffenenfrage ist. Ich weiß nur eins: Es gab kaum Mitgefühl, schon gar nicht wirklich tief empfundenes Mitgefühl. Da bin ich sehr glücklich, einen Bundeskanzler zu sehen – den heute alle beschimpfen –, der wirklich auf einer Demo am Brandenburger Tor ist. Der wirklich Tränen in den Augen hat. Ansonsten, ja, Gleichgültigkeit, Sympathisantentum, das kannte ich schon alles aus den 70ern. Und das war vielleicht auch einer der Gründe, dieses Buch zu schreiben.
… die Ursachen des linken Antisemitismus
Ronzheimer: Wie erklärst du dir den linken Antisemitismus?
Biller: Antisemitismus und Kommunismus, Linkssein, was auch immer, sind einfach siamesische Zwillinge, die bei der Geburt nicht getrennt wurden. Das ist da eingebaut … Die Juden waren über Jahrhunderte eingepfercht in Ghettos, in Deutschland, in Frankreich. Durch die Aufklärung haben sie die Möglichkeit bekommen, in die Gesellschaft einzutreten, da es nach der Französischen Revolution plötzlich nicht mehr darum ging, was dein Stand ist, sondern was du leistest. Gleichzeitig wurden die Gesetze für die Juden stark liberalisiert. Auch in den deutschen Ländern, die, kaum war Napoleon geschlagen, das sofort wieder zurückgeschraubt haben. Jedenfalls: Die Juden haben die Möglichkeit, zur Gesellschaft dazuzugehören, genutzt. Als Arzt, als Jurist, aber natürlich auch als Fabrikant. Ich kenne jemanden, dessen Familie wurde reich, weil der Großvater die Vakuumverpackung für Lachs erfunden hatte, damit Lachs nicht mehr nur was für Reiche ist. Auf solche Sachen kommt man, wenn man aus dem Ghetto rauskommt. Für jemanden wie Karl Marx sind das die Leute, die nicht mit ihrer eigenen Hände Arbeit Geld erwirtschaften, sondern durch Geschäfte. Da kommt das her. Das heißt, die Frage nach dem Antisemitismus und der Linken ist eigentlich pleonastisch. Du weißt ja, dass die Juden als Nächste dran waren unter Stalin.
… die Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus
Ronzheimer: Du wohnst in Berlin, du durftest hier wählen.
Biller: Werden jetzt die Grünen und die Sozialdemokraten hier in der Stadt so schwach sein – ich sage einfach nur: so schwach, ich sage noch nicht mal: machtgierig – mit dieser Partei, in der so vieles gar nicht sauber ist, auch im Verhältnis zu Juden, zu koalieren? Da kann ich nur wie ein Politiker an die SPD appellieren: Ihr habt damals das Ermächtigungsgesetz der Nazis nicht unterschrieben. Deshalb dürft ihr auch heute auf keinen Fall eine Koalition mit solchen Antidemokraten – oh, habe ich „Antidemokraten“ gesagt? … mit solchen guten Demokraten wie den Linken – machen. Kann man das wirklich vergleichen? Nein. Natürlich nicht. Ich arbeite jetzt mit den Methoden einer gewissen Friedenspreisträgerin.
… eine mögliche rot-grün-rote Koalition in Berlin
Ronzheimer: Gehst du davon aus, dass Grüne und SPD das mit den Linken machen werden?
Biller: Ich wünsche es mir nicht. Was passiert denn mit dieser Stadt, wenn es passieren sollte? Kann ich dir genau sagen. Nur noch die Hälfte der Schwimmbäder wird funktionieren. Und in fünf Jahren haben wir einen AfD‑Bürgermeister. Das wird passieren.
… Russland-Sympathien in Deutschland
Ronzheimer: Ich möchte noch mit dir über Russland und die Ukraine sprechen, vor allem mit dem Blick darauf, dass so viele Menschen in Deutschland den Krieg verteidigen oder dem Kreml glauben. Du sprichst natürlich fließend Russisch. Wie erklärst du dir das? Gerade jetzt, wo ich fast jeden Tag höre, dass gezielt Zivilisten von russischen Drohnen gejagt werden.
Biller: Jedes Mal, wenn ich das morgens höre, kriege ich einen Stich ins Herz. Es gibt verschiedene Antworten, die du alle kennst. Angst vor dem großen Bruder, weil man ja von ihm schon mal gequält wurde. Gleichzeitig Sehnsucht nach Diktatur, die ja gleichzeitig so beruhigend ist. Dann darfst du nicht vergessen: Viele Menschen hatten Verbindungen zu Russen und Russland.
… Vergleiche von NSDAP und AfD
Biller: Ich denke, man muss beschreiben, was da passiert, und es nicht vergleichen. … Wir müssen einfach nur draufschauen. Was verspricht die AfD in Sachsen-Anhalt? Bekämpfung des Bauhauses? Was wollt ihr noch? Wollt ihr irgendwie ein Verbot irgendwelcher Bücher aus dem 19. Jahrhundert? Also, was ist das für ein Unsinn, ja? Aber daran kann man sehr gut ablesen, wohin die streben. Denn das Bauhaus steht für die Moderne … das ist eigentlich ein altes Theaterstück, das neu wieder aufgeführt wird.
… Kritik an Friedrich Merz
Biller: Ich möchte eine Woche erleben, in der so rumgehackt wird auf den Granden der AfD oder auf den neuen Granden der Linken, wie man auf Merz rumhackt. Die Dämonisierung der christdemokratischen Mitte – und übrigens, ich bin rechter Sozialdemokrat, das möchte ich feststellen – ist das größte Problem, was wir im Moment haben. Macht unsere Gesellschaft kaputt. Das darf nicht sein. Und das ist halt wie früher. Nur damals bekam die CDU, was weiß ich, 40 Prozent, und Helmut Kohl konnte problemlos regieren.
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