Matthias Lilienthal ist für seine schnoddrige Berliner Schnauze ebenso bekannt wie für seinen ikonischen Schmuddellook. Zu seinen Klassikern gehört etwa der Ausspruch: „Lieber gute Sozialarbeit als schlechte Kunst!“ Wohlgemerkt ist Lilienthal kein Sozialarbeiter, sondern Theaterleiter. Als solcher muss er sich nicht mit Härtefällen quälen, sondern darf den Sozialarbeiter spielen und ein Vielfaches verdienen. Seit dieser Spielzeit leitet der 66-Jährige die Berliner Volksbühne. Erst hat er für über 400.000 Euro ein Schwimmbecken vor das Theater am Rosa-Luxemburg-Platz gestellt, jetzt folgte das mit Spannung erwartete Eröffnungswochenende. Kopfsprung mit dreifachem Salto oder Bauchplatscher, das war die Frage. Darauf gibt es eine sehr klare Antwort.
Pünktlich zur Eröffnung hat Lilienthal dem RBB ein erstaunliches Interview gegeben. Das fragwürdige Verhältnis zur Realität, das sich darin zeigt, erinnert an jemanden, der ironischerweise diesen Sommer ebenfalls mit einem Pool vor seinem Amtssitz für Aufmerksamkeit sorgte: Donald J. Trump. Bekanntlich übertreibt es der US-Präsident gerne einmal, unter anderem bei den Zuschauerzahlen zu seiner Amtseinführung. Bei Lilienthal klingt das so: „Vier Millionen Berliner lieben das Volksbad.“ Ist das ein Scherz? Keineswegs, erklärt Lilienthal der völlig verdutzten Reporterin auf Nachfrage.
Alle Berliner lieben das Volksbad! So wie alle Amerikaner eigentlich den Präsidenten lieben? Nur, wer sind dann die Miesmacher? Die Medien. Eine Hetzkampagne rechter Medien habe ihn zu „Freiwild auf der Straße“ gemacht, so Lilienthal. „Ich habe mich nicht mehr auf die Straße getraut.“ Jagdszenen in Berlin-Mitte? Auch Trump spielt gerne die Opferkarte und erklärt seinen Fans, er werde gejagt. Dass Lilienthal zudem so tut, als hätte er von der Existenz einer rechten Medienblase bisher keine Ahnung gehabt, darf man bezweifeln. Immerhin hat der Mann Anfang des Jahres in Hamburg den „Prozess gegen Deutschland“ inszenieren lassen, wo auch Akteure jener Blase eingeladen waren.
Kritik scheint für Lilienthal ein Fremdwort zu sein. Als der Theatermann von der Reporterin darauf angesprochen wird, dass auch die rechter Hetze unverdächtige SPD-Politikerin Dunja Wolff Kritik am Volksbad übte, antwortet Lilienthal motzig, das sei allein das Problem von Wolff. Aus der Theaterszene habe ihn keinerlei Kritik erreicht. Es klingt, als würde Lilienthal durch sein Umfeld so zuverlässig von Kritik abgeschirmt wie der amerikanische Präsident. Dass Lilienthal außerdem meint, dass das Volksbad nicht nur „den Blick auf das Theater verändert“ habe, sondern auch für erheblichen „Rückenwind“ bei Kultursubventionen sorgen werde, spricht jedenfalls für schleichenden Realitätsverlust.
Wie in jeder populistischen Rhetorik gibt sich Lilienthal als Opfer von Entwicklungen, an denen er selbst natürlich keinen Anteil hat. So auch bei der Kontroverse um das Volksbad. Wenn jedoch, wie Lilienthal behauptet, nur ein paar schwarze Kinder in Ruhe im Pool planschen wollten, hätte man einfach ein paar Zeitslots blocken können. Das wäre niemandem aufgefallen. Das öffentliche Interesse wurde erst geweckt, weil die Volksbühne diese Kinder nicht nur im angeblichen „Safe Space“ ihrer Wasserbühne ausstellen, sondern sich selbst über ihren Rücken aufs Moralpodest schwingen wollte.
Ohne diese zynische Marketinglogik hätte das Kunststück, innerhalb weniger Tage von „Alle sind willkommen!“ bei „Fickt euch!“ zu landen, niemals gelingen können. Lilienthal liebt den medialen Gegenwind nicht nur, wie Trump ist er auf ihn angewiesen. Beide bauen auf eine Rhetorik, die eine In-Group gegen eine Out-Group mobilisiert, um eine Wagenburgmentalität zu erzeugen. Es ist der älteste Trick des Populismus: „Ich bin für euch, weil sie gegen mich sind.“
Sollte Lilienthal mit seiner trumpistischen Rhetorik beabsichtigt haben, der Theaterblase vorzuführen, wie anfällig sie selbst für die von ihr reflexhaft verdammten Kniffe des Populismus ist, muss man das „Volksbad“ mit allem Drumherum als Inszenierung des Jahres bezeichnen. Zudem auch die rechten Medien so empörungsgetrieben auf die bei ihren politischen Lieblingen sonst stets goutierte Rhetorik reagierten, wie die sonst in Dauerschleife verteufelte linksliberale Wokeness.
Als Fortsetzung der rhetorischen Wagenburg mit künstlerischen Mitteln erweist sich „House of Hopes“, das große Politkitschspektakel von Rimini Protokoll zur Eröffnung am Donnerstagabend. Gab es in der Volksbühne schon immer eine Neigung, sich selbst zum Hort des Widerstands zu stilisieren, verbindet diese Neigung sich nun in der performativen Geschichtsstunde auf Wikipedia-Niveau mit der unheilvollen Neigung, alle Widersprüche zugunsten der allerabstraktesten Beschwörung von Widerstand auszusperren. Das wirkt wie eine Wellnessvariante von Polittheater. Das ist jedenfalls keine neue Ästhetik des Widerstands, sondern eher ein Widerstand gegen Ästhetik.
„House of Hopes“ in der VolksbühneTags darauf folgte mit „Perfection“ die feierliche Wiedereröffnung des Praters. Die Nebenspielstätte war über zehn Jahre wegen Renovierung geschlossen. Fassungslos erlebte man, wie Vincenzo Latronicos scharfe Gesellschaftssatire „Die Perfektionen“ von Regisseurin Anta Recke in banales Boulevardtheater für Berlin-Mitte-Hipster übersetzt wird. Und das mit durchweg derart dürftigen Einfällen und Mitteln, dass man nur noch vom künstlerischen Multiorganversagen sprechen kann.
„Die revolutionäre Zukunftsvision, die sie sich vorstellen konnten, war Geschlechtergleichheit in Führungsetagen, Elektroautos, Vegetarismus“, heißt es in dem höchst lesenswerten Roman, der zwei digitale Nomaden im Berlin der 2010er-Jahre in ihrem „Anywheres“-Milieu beschreibt. Die kritische Ironie der Vorlage erreicht der Abend an keinem Punkt.
„Perfection“ im PraterDen Abschluss des Premierenreigens bildete am Samstagabend die japanische Regisseurin Satoko Ichihara mit ihrem neuesten Stück „Mononoke“. Das Wort, das an diesem Abend gefühlt am häufigsten fällt, ist Muschi. Es geht, grob gesagt, um ein Mädchen im Dialog mit einem Milchsäurebakterium aus ihrer Vaginalflora. Sie hat sich beim Masturbieren ein Ei aus Eisen in die Vagina geschoben, nun braucht sie Hilfe.
Es geht außerdem um künstliche Befruchtung, toxisches Sperma in Gummimuschis, eine Chlamydieninfektion durch Oralsex, den Kunstbetrieb und einiges mehr. Dabei fallen Sätze von großer poetischer Klarheit und Wucht: „Die Zeichen stehen auf Scheidenpilz.“
„Mononoke“ wurde an der Volksbühne uraufgeführtMan weiß nicht, ob es sich bei „Mononoke“ um einen Aufklärungsabend über Vaginalgesundheit, eine wenig geistreiche Parodie über den Mangaklassiker „Prinzessin Mononoke“ oder eine abgestandene Veralberung des Spätkapitalismus handelt. Der Abend will so cool sein wie der Schockerfilm „Titane“ und wirkt doch nur bemüht. Berauschend ist das, trotz der spektakulären Bühne von Mire Lee, nicht.
Und auch im Vergleich zu Ichiharas vorherigen Arbeiten ist „Mononoke“ weder so rasant wie die schrille Farce „Holstein Milchkühe“ noch so verstörend wie „Kitty“. In der grotesken „Hello Kitty“-Parodie unterlief Ichihara den in Japan allgegenwärtigen Katzenkitsch, indem sie die Tierchen Pornos drehen, vergewaltigen und morden ließ, während man mit infantilem Miau-Miau-Gefiepse extrembeschallt wurde. Der Katzenabend war so brutal süß wie Waterboarding mit flüssigen Marshmallows. „Mononoke“ ist davon weit entfernt.
Drei Tage, drei Premieren, eine einzige Enttäuschung – das ist die bittere Bilanz der Volksbühneneröffnung. Gemessen an Lilienthals eigenem Anspruch muss man konstatieren: Keine Sozialarbeit zwar, dafür schlechte Kunst. Das Signal ist ein klarer Bruch mit dem avantgardistischen Erbe der alten Volksbühne. Doch wie würde es der größte Volksbademeister aller Zeiten in seinen eigenen Worten sagen? Vielleicht so: Es war die großartigste Volksbühneneröffnung jemals. Niemals hat man besseres Theater gesehen. Vier Millionen Berliner lieben die Volksbühne jetzt noch mehr. Ach was, fünf Millionen Berliner, mindestens! Alles andere sind Fake News der Lamestream-Medien.
„House of Hopes“, „Perfection“ und „Mononoke“ laufen an der Berliner Volksbühne.
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