„America’s Storyteller“, titelte „Time“ und hob im Sommer 2019 nach langer Zeit wieder einen Schriftsteller aufs Cover: Für seinen magisch-historischen Roman „Underground Railroad“ hatte Colson Whitehead zuvor den National Book Award und den Pulitzerpreis gewonnen – der zweite Pulitzer, für „Die Nickel Boys“, folgte im Jahr drauf. Doch zu diesem Zeitpunkt schrieb Whitehead, 1969 in Manhattan geboren, schon etwas ganz anderes: einen Gangsterroman. „Harlem Shuffle“ erschien 2021, und zur allgemeinen Überraschung blieb Whitehead seinen Helden, dem Möbelhändler und Hehler Ray Carney und dem alternden Muskelmann Pepper, treu. 2023 kam mit „Die Regeln des Spiels“ Band zwei der „Harlem-Trilogie“ heraus, die jetzt mit „Cool Machine“ zu Ende geht. Wir haben mit Whitehead über das fulminante Finale gesprochen.
WELT AM SONNTAG: Die „Harlem-Trilogie“ ist vollendet. Wir schauen auf drei Bände, tausend Seiten und die Frage: Wie fügt sich diese Trilogie in Ihr Werk?
Colson Whitehead: Keine Ahnung, wie andere das sehen, aber für mich waren es acht Jahre Arbeit. Das ist ein großer Brocken meines Lebens. Ich habe an keinem Projekt länger gearbeitet. Ein Buch sind schon ziemlich viele Wörter, und dann stellt sich heraus: Drei sind buchstäblich dreimal so viele. Ich weiß nicht, ob ich mich darauf eingelassen hätte, hätte ich das vorher gewusst. Das Ganze war ein verdammt unheimlicher, aber auch wahnsinnig aufregender Ritt.
WAMS: Ist die Trilogie Ihr Opus magnum? Oder waren diese Gangsterromane mit ihrem unverkennbaren Humor auch eine Flucht vor dem Ruhm, der mit „Underground Railroad“ und den „Nickel Boys“ über Sie hereingebrochen ist?
Whitehead: Weder noch. Bloß das, was ich von 2018 bis 2025 gemacht habe. Und nächstes Jahr mache ich was anderes.
WAMS: Versteckte Autobiografie wäre eine dritte Option: Quasi unter der Hand schreiben Sie das Porträt eines Mannes in mittleren Jahren. Und begleiten die Möbel- und die krummen Geschäfte Ihrer Hauptfigur Ray Carney über 27 Jahre. Zufällig veröffentlichen Sie genauso lange Romane.
Whitehead: Das Möbel-Business und die Hehlerei fallen Ray Carney wahrscheinlich leichter als mir das Romaneschreiben. Andererseits hoffe ich, dass ich nicht in denselben Dilemmata stecke wie er. Aber es gibt Überschneidungen zwischen mir und Carney, wie auch mit anderen meiner Figuren. Meine am deutlichsten autobiografischen Bücher sind sicher „Ein Sommer auf Long Island“ und „Der Koloss von New York“, aber es gibt in der Harlem-Trilogie eine Art Refrain: „Einen guten Beistelltisch zu finden ist schwerer, als sich zu verlieben.“ Das habe ich selbst oft gesagt, bis meine Frau mich eines Tages gebeten hatte, es zu lassen, weil es unsere Liebe beleidige und das, was wir aufgebaut hätten. Also habe ich den Satz an Ray Carney abgetreten. Autobiografischer wird es nicht.
WAMS: In gewisser Hinsicht haben Sie die drei Bücher mit den Füßen geschrieben. Viele Schauplätze haben Sie sich auf langen Wegen durch New York regelrecht erwandert. Finden Sie sich in der – ursprünglich mal sehr europäischen Idee – des Flaneurs wieder? Walter Benjamin sprach von der Stadt als dem heiligen Boden der „Flânerie“ und der „Stadtschaft“ als neuer romantischer Landschaft.
Whitehead: Darin finde ich mich wieder. Allerdings habe ich nie in Harlem gelebt, ich hänge da auch nicht ständig ab. Es war einfach der richtige Schauplatz für einen schwarzen Kriminalroman, und ich musste Harlem erst für mich entdecken. Aber schon davor, damals bei „Der Koloss von New York“, bin ich ständig mit meinem Notizbuch mit der U-Bahn gefahren oder über die Brooklyn Bridge spaziert. Meine Arbeit war schon immer vom Gehen geprägt. Für mich ist es eines der größten Vergnügen, durch die Stadt zu wandern und meinen seltsamen kleinen Gedanken nachzuhängen. Manchmal finden sie ihren Weg in ein Buch, und manchmal gehören sie einfach ganz mir allein.
WAMS: Die Trilogie ist voller Dinge und Moden. Eine feine Beobachtung reiht sich an die nächste. Das Verschwinden der Männerhüte (in den 1950ern). Ein neongrünes Kopftuch (in den 80ern), die No-Radio-Schilder an den Autos (um Diebe abzuschrecken), der Harlem Shuffle, der dem ersten Roman den Titel gibt.
Whitehead: Man kann eine Stadt abstrakt oder impressionistisch darstellen, so wie in meinem ersten Roman „Die Intuitionistin“, oder eben deutlich düsterer und realistischer wie in der „Harlem-Trilogie“. Deshalb versuche ich, alles einzufangen, was für die 60er-, 70er- und 80er-Jahre spricht: die Mode, die Möbel, die Songs, die Mentalität der Menschen, die Wirtschaftslage. Einfach alles, was mir hilft, mein New York so einzurichten, dass es real und lebendig wirkt.
WAMS: Lustig, dass Sie „einrichten“ sagen.
Whitehead: Es soll gut aussehen und bequem sein.
WAMS: Mit „Cool Machine“ erreicht die Trilogie die Achtziger. Das sind Ihre Prägejahre.
Whitehead: Es war eine großartige Zeit, um in New York jung zu sein, aber das kann vermutlich jeder, der diese Stadt liebt, über sein Jahrzehnt sagen. Für mich bedeutete es, ins Village zu fahren, um nach Platten zu stöbern, neue Künstler zu entdecken, Klamotten in Vintage-Läden zu kaufen, in Clubs zu gehen und ständig von Godards „Außer Atem“ zu lesen, bis der Film schließlich im Programmkino lief – und dann allein hinzugehen, weil kein einziger meiner Freunde Godard sehen wollte. Die 80er-Jahre waren einfach eine unglaublich wichtige Zeit für meine künstlerische Entwicklung. Ich fühle mich dem unerschöpflichen Reichtum, den die Stadt damals bot, zutiefst verpflichtet.
WAMS: Jeder der drei Romane besteht aus drei Geschichten, macht insgesamt neun. Aus diesen neun, finde ich, sticht jetzt eine heraus: „Here comes Sue Simmons“, die vorletzte, die letzte, bevor die Trilogie auf die Zielgerade biegt. Vielleicht erzählen Sie selbst, worum es geht?
Whitehead: Der Teil, von dem Sie sprechen, ist Peppers letztes großes Solo-Abenteuer. Er ist 65, hat keine Rente und keine Ersparnisse. Er ist ein alter Gauner und steckt Prügel nicht mehr so leicht weg. Am Ende seiner Karriere muss er sich mit der Frage auseinandersetzen, was es eigentlich bedeutet, ein Dieb zu sein. Da gibt es Leute, die versuchen, ein afrikanisches Artefakt zurückzubekommen – ein Kunstwerk, das 100 Jahre zuvor geraubt wurde. Kann man etwas zurückgeben, das gestohlen wurde? Was bedeutet das für einen Räuber? Viele der Themen, die in den ersten beiden Büchern brodelten, kochen hier endlich hoch.
WAMS: Würden Sie widersprechen, wenn ich jetzt behauptete, dass diese Novelle das Prunk- und Meisterstück der Trilogie ist?
Whitehead: Es ist eines meiner Lieblingsstücke – obwohl eigentlich immer das, woran ich gerade arbeite, mein Lieblingsstück ist. Aber für dieses hier habe ich eine besondere Schwäche. Als Außenseiter ist Pepper eine gute Figur, um über Kultur und Gesellschaft zu sprechen: Ein 65-jähriger Mann, der seinen alten Gewohnheiten verhaftet ist, wird gezwungen, sich mit der neuen schwarzen Kultur, der neuen Popkultur auseinanderzusetzen.
WAMS: Es muss einen Heidenspaß gemacht haben, eine Raubkunstgeschichte aus der Perspektive eines Diebes zu erzählen. Über den Satz „Returning stolen goods was fucking with the laws of nature“ habe ich beim Lesen laut gelacht. Sie auch beim Schreiben?
Whitehead: Ich lache durchaus über meine eigenen Witze, bete aber vor allem, dass die Leute zwei Jahre später auch noch darüber lachen können.
WAMS: Sie halten politische Stellungnahmen nicht für die Aufgabe von Schriftstellern. Es wäre ein Leichtes gewesen, Trump in diese New-York-Trilogie einzufügen, und Sie haben es gelassen.
Whitehead: Ich schreibe Bücher. Wenn ich also etwas über die Gesellschaft oder die Politik zu sagen habe, dann ist das Buch, an dem ich gerade arbeite, meiner Meinung nach der richtige Ort dafür. Wenn man von tief verwurzelter Korruption spricht, dann spricht man auch über Donald Trump und Menschen wie ihn. Wenn ich also über die politische Korruption in den 1980er-Jahren schreibe, spiegelt das wider, was heute in unserem Land passiert. Aber ich verspüre nicht den Drang, alles stehen und liegen zu lassen und meinen Mittagsschlaf oder andere Zeit zu opfern, um bei CNN aufzutreten, weil irgendjemand den Auftrag bekommen hat, mal eben über die schwarze Perspektive zu sprechen.
WAMS: Bei der eben zitierten Pepper-Passage habe ich das Gefühl, Sie lachen über den heiligen Ernst, mit dem heute auf allen Seiten die Debatten geführt werden.
Whitehead: Bin ich das? Oder ist es Pepper? Ja, ich mache mich darüber lustig, wie wir leben. Gleichzeitig funktioniert ein Roman auf ganz unterschiedlichen Ebenen. Und nur weil Witze darin vorkommen, bedeutet das nicht, dass er sich nicht mit dem Kapitalismus, der Klassengesellschaft oder mit Herkunft und Ethnie auseinandersetzt. Bücher können vieles gleichzeitig.
WAMS: Eine der großen Gaben der Trilogie ist, dass der Spaß auch ganz plötzlich aufhören kann. Letztlich dreht sich die Raubkunst-Geschichte um ein gestohlenes Gesicht und dann fällt der Satz: „Was geschehen war, ließ sich nicht ungeschehen machen. … Das war nicht wieder aus der Welt zu schaffen.“ Ist das eine Kritik an der jahrzehntelang verfolgten Idee einer symbolischen Wiedergutmachung?
Whitehead: Tja, wie macht man die Schrecken des Imperialismus und der kolonialen Ausbeutung ungeschehen? Da ist etwas zerbrochen, das sich nie mehr heil machen lässt. Wir können es versuchen, aber wie viel können wir schon erreichen? Doch ich würde das nicht Kritik nennen. Ich würde sagen, es setzt sich mit der Realität unseres Lebens auseinander. Während man versucht, das eine Verbrechen ungeschehen zu machen, warten viele Menschen nur auf die Chance, das nächste zu begehen.
Colson Whitehead: Cool Machine. Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl. Hanser, 448 S., 27 Euro.
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