Es ist eine Geschichte, die man kaum glauben mag. Eines schönen Tages sitzt Peter Danish an der berühmten Blauen Bar des Hotel Sacher in Wien. Als der Kellner merkt, dass der US-amerikanische Autor die gesammelten Briefe von Leonard Bernstein liest, macht er ihm ein überraschendes Geständnis. Vor 30 Jahren, im Jahr 1988, war nicht nur der berühmte Bernstein zu Gast in der Bar, sondern traf dort außerdem durch Zufall auf seinen ebenso berühmten Rivalen Herbert von Karajan. Zwei Giganten der klassischen Musik, die kurz vor ihrem Tod – Karajan starb 1989, Bernstein im Jahr darauf – unverhofft aufeinandertreffen. Und nur ein einziger Zeuge der nächtlichen Szenerie: der Kellner.

Die Geschichte des Kellners entzündete die Fantasie von Danish. Umso mehr, da der Hotelmitarbeiter nicht genau sagen konnte, was Bernstein und Karajan miteinander besprachen. Lebhaft soll es jedoch gewesen sein. Was hätten sich die zwei prägenden Dirigenten ihrer Epoche zu sagen gehabt? Das ließ viel Raum für literarische Spekulationen. Danish hat daraus ein Kammerspiel mit drei Personen gemacht, das im Frühjahr vergangenen Jahres unter dem Titel „Last Call“ am New Yorker Off-Broadway erfolgreich Premiere feierte. Jetzt ist „Letzte Runde“ in der Übersetzung von Gil Mehmert in Wien zu sehen – mit pointierten Wortgefechten und originaler Sacher-Torte.

Die Bühne der Kammerspiele des Theaters in der Josefstadt wird von einem wirklichkeitsgetreuen Nachbau der Blauen Bar eingenommen, für den Christina Todesco verantwortlich zeichnet. Links der geschwungene Tresen, hinter dem die Spirituosen aufgereiht und golden eingerahmt stehen, rechts ein Flügel und vorne unter dem opulenten Kronleuchter ein Marmortisch und zwei mit blauem Samt beschlagene Sessel. Das ist die Arena, in der Günter Franzmeier als Bernstein und Michael Dangl als Herbert von Karajan aufeinandertreffen. Sie nennen sich: „Lenny“ und „Herbie“. Mit Förmlichkeiten hält man sich unter alten Feinden – oder doch Freunden? – nicht auf.

Regisseur Guy Ben-Aharon, 1990 in Israel geboren, bleibt mit seinem Ensemble der Vorlage treu. Und die bietet reichlich Material für eine Typenkomödie, die sich aus den Mythen um Bernstein und Karajan speist. Hier der lebenslustige Jude aus den USA, der für sein mitreißendes und oft als Entertainment verspottetes Dirigat bekannt ist und auch im hohen Alter dem Whisky und den Zigaretten nicht abgeschworen hat. Dort der Österreicher, für sein strenges Ideal der Interpretation gerühmt, der auch zu später Stunde bei Tee bleibt. Charles Schoonmaker hat Franzmeier ein extrovertiertes Outfit mit rotem Samtsakko verpasst, während Dangl im farblosen Rollkragenpullover auftritt, einen weiteren Pullover um die Schultern geschlungen.

Auch der Kellner wird ins Wortgefecht hineingezogen

Der knapp 90-minütige Abend lebt vom ausgewalzten Gegensatz der Temperamente – und von den kleinen oder größeren Sticheleien, die dabei ausgetauscht werden. Es geht nicht nur darum, wer den besseren Bruckner oder Mahler dirigiert, sondern auch um Lebensgeschichtliches. Bernstein spricht Karajans Mitgliedschaft in der NSDAP an, der reagiert aufbrausend. „Du hast es geschafft, 20 Minuten mit mir durchzuhalten, bevor du die Nazis erwähnt hast! Neuer Rekord!“ Kurz darauf revanchiert sich Karajan mit dem fragwürdigen Vorwurf des jüdischen Nationalismus.

Ob Karajan ein „Gesinnungsnazi“ oder „Formalnazi“ gewesen ist, wie seit Michael Wolffsohns jüngst erschienenem Buch „Genie und Gewissen. Herbert von Karajan zwischen Musik und Nationalsozialismus“ wieder lebhaft diskutiert wird, kann und will das Stück nicht beantworten. „Letzte Runde“ geht insgesamt wenig in die Tiefe, sondern genügt sich im Abklopfen des Bekannten. So darf Bernstein den als zu perfekt verschrienen Karajan-Sound beanstanden, während dieser an der angeblich eitlen Handschrift seines Gegenübers herummäkeln darf. Franzmeier und Dangl gestalten diesen verbalen Schlagabtausch so routiniert wie pointensicher.

Am Ende wird es versöhnlich. Trotz aller Unterschiede ist es die Liebe zur Musik, die triumphiert, und auch die Vorahnung des eigenen Todes stimmt gnädig. „Letzte Runde“ meint nicht nur den letzten Drink des Abends. Die beiden alten Männer tauschen sich über ihre zahlreichen Gebrechen aus – eine Annäherung, wie man sie aus zahlreichen Wartebereichen beim Arzt kennt.

Und auch Alexander Strömer, der als Kellner vor allem für den Nachschub von Getränken zuständig ist, darf noch einen großen Auftritt feiern. Aus dem Genre „Treffen sich zwei Genies“ wäre philosophisch mehr herauszuholen gewesen, wie es Peter Hacks mit seinem Dramolett „Die Höflichkeit der Genies“ vorgemacht hat. Als „well-made play“ funktioniert „Letzte Runde“ trotzdem.

„Letzte Runde“ zeigt nicht, wie es an jenem Abend im Jahr 1988 im Hotel Sacher wirklich war. Im Gegenteil: So war es mit Sicherheit nicht. Aber der Reiz eines Kunstwerks besteht gerade darin, sich vorzustellen, wie etwas hätte sein können und was daran auch heute noch interessant ist. Die miteinander verwobenen Fragen nach der Haltung der Künstler und nach dem Umgang mit ihrem Material stellen sich immer wieder neu.

„Letzte Runde“ läuft am Wiener Theater in der Josefstadt.

Haftungsausschluss: Das Urheberrecht dieses Artikels liegt beim ursprünglichen Autor. Die erneute Veröffentlichung dieses Artikels dient ausschließlich der Informationsverbreitung und stellt keine Anlageberatung dar. Bei Verstößen kontaktieren Sie uns bitte umgehend. Wir werden bei Bedarf Korrekturen oder Löschungen vornehmen. Vielen Dank.