Die Münchner Kammerspiele bekommen eine kollektive Leitung. In zwei Jahren wechseln Anja Dirks, Antú Romero Nunes und Jörg Pohl vom Schauspiel Basel an das traditionsreiche Haus in der Maximilianstraße. Schon wieder ein Kollektiv? Ist das nicht nur eine zeitgeistige Mode des Kunstbetriebs, den schleichenden Legitimationsverlust in der Gesellschaft durch moralischen Vorsprung in den Managementmethoden zu kompensieren? Doch wer das Problem allein beim Trend zum Kollektiven sucht, liegt falsch. Denn Kollektiv ist nicht gleich Kollektiv, wie die Entscheidung in München zeigt.
Wer sich schon beim Wort „Kollektivleitung“ aufstöhnend an den Kopf greift, liegt nicht völlig daneben. Leitungsaufgaben auf mehrere Schultern zu verteilen, führt weder automatisch zu besserer Leitung noch zu besserer Kunst. Immer wieder kann man beobachten, dass sich kollektive Leitungen am Theater außerordentlich schwertun. Vor allem, wenn sich das Publikum vor Ort keinerlei Reim darauf machen kann, wofür die Teamintendanzen eigentlich – außer geschickter Selbstvermarktung – programmatisch stehen. Nicht nur nach innen, sondern auch nach außen droht die Gefahr eines diffusen Auftritts mit Kompetenzgerangel und Verantwortungsvermeidung.
Nur kann man dem Trio, das 2028 von Basel nach München geht, nichts davon vorwerfen. Wer in den vergangenen Jahren regelmäßig am Schweizer Dreiländereck im Theater war, konnte mit der „Basler Compagnie“ eine äußerst lebendige Schauspielsparte erleben. Und ein Haus, das wie nur wenige sonst vom Geist des Ensembletheaters erfüllt ist. Das liegt nicht nur an der transparenten und einheitlichen Lohnstruktur für das Ensemble, die man als vorbildhaft für das deutsche Stadttheatersystem bezeichnen kann, sondern vor allem an der gelebten Mitbestimmung des Ensembles, bis hin zur Spielplangestaltung.
Schauspieler nicht als seelenlose Marionetten zu behandeln, denen man einfach nur sagen muss, was sie auszuführen haben, sollte heute in jedem Theater der Normalfall sein. Schauspieler sind eigenständige Künstler, die jeden Abend auf der Bühne den Kopf und ihren Körper für all das hinhalten, was in den Intendanzbüros und Dramaturgiestuben an hochtrabenden und weltbewegenden Ideen ausgebrütet wird. Den Schauspieler aus der Bevormundung des dramaturgischen Apparats zu befreien, gehört zu einer der wichtigsten Aufgaben des Theaters. In Basel packte man diese Herausforderung an.
So ist es besonders zu begrüßen, dass mit Jörg Pohl jetzt in Basel und künftig in München ein Schauspieler zur Leitung gehört, der sich auch als Regisseur schon erfolgreich bewährt hat. Es dürfte nämlich von Vorteil sein, das Publikum auch aus der Nähe zu kennen und nicht nur vom Sektempfang nach der Premiere. Überhaupt scheint es für Kollektive gut zu sein, wenn sie die Arbeitsteiligkeit des Theaters widerspiegeln. Nunes ist Regisseur, Dirks ist Dramaturgin. Und auch in Magdeburg hat sich ein Trio aus Regie, Dramaturgie und Ausstattung erfolgreich für Größeres empfohlen und wechselt demnächst nach Leipzig.
Pohl, Nunes und Dirks haben in Basel gezeigt, dass sie für ein erkennbares Programm stehen, auch auf der Bühne. Es geht um das Wesentliche des Theaters: um Verwandlung, Spielfreude und Fantasie. Natürlich ist in Basel auch nicht alles gelungen. Das gehört dazu, wie überall, wo Kunst gemacht wird. Denn in der Kunst lernt man nicht zuletzt aus dem, was nicht gelingt. Wenn man das Gleiche auch über die Politik sagen könnte, wäre es wirklich nur zu schön.
Das Theatergebäude an der Maximilianstraße in MünchenDass man sich dieser Tage in der Münchner Kulturpolitik mehr Publikumsnähe auch in den Kammerspielen wünscht, ist nur für Leute ein Skandal, die Theater für umso mehr Kunst halten, je weniger die Zuschauer damit anfangen können. Bertolt Brecht, dessen Karriere eng mit den Kammerspielen verbunden ist, sprach vom Vergnügen als der „nobelsten Funktion“ des Theaters und wehrte sich vehement gegen die Unterstellung, dass das mit dem Verzicht auf kritisches Denken einhergehen müsse.
Auch in dieser Hinsicht passt das Baseler Team mit seinem postbrechtianischen Ansatz bestens nach München. Und das Trio ist nicht die erste Theaterleitung in München, die ihren Weg über die Schweiz macht. Andreas Beck, der das Residenztheater auf der anderen Straßenseite leitet, war zuvor ebenfalls in Basel engagiert.
Die neue Leitung der Kammerspiele ist ein Anlass zur Freude für München. Jedenfalls nicht für das schrille Kulturkampfgeschrei, das unter anderem die „Taz“ anstimmte, als klar wurde, dass die aktuelle Intendantin in zwei Jahren abgelöst wird. Reflexhaft wurde behauptet, jetzt könne sich die AfD freuen. Will man dieses wirre Argument jedes Mal bringen, sobald ein öffentliches Amt ausgeschrieben wird?
Barbara Mundel wird bei ihrem Abschied fast 70 Jahre alt sein und hat das Haus in der vergangenen Spielzeit nach einigen mageren Jahren mit Erfolgen wie „Play Auerbach!“ und „Wallenstein“ zum „Theater des Jahres“ in der Kritikerumfrage von „Theater heute“ geführt. Und das kann ihr auch niemand nehmen.
Man kann bedauern, dass Mundel nicht länger in München bleiben wird. Vor allem aber kann man sich freuen, dass sie nun von Pohl, Nunes und Dirks beerbt wird. Denn bei dem, was man in Basel und künftig auch an den Münchner Kammerspielen unter kollektiver Leitung versteht, kann man nur sagen: Bitte mehr davon.
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