Wenn man jeden Tag Filet frisst“, sagt der Mann, der sich gerade seine Socken auszieht, in einem unscharfen Video zur nackten Frau auf dem Bett, die man nicht sieht, „dann hat man zwischendurch einfach mal Lust auf Junkfood. Und das ist, was du bist.“ Die Frau hatte einen Namen, sie kam aus Osteuropa, Anna hieß sie, aber ganz sicher ist das alles nicht. Ein paar Tage später ist sie tot. Gefoltert, erniedrigt, an Schmerz gestorben. Einen Strichcode trägt sie als Tattoo. So markieren osteuropäische Frauenhändler ihre Ware.

Dass der Rostocker Sonntagabendkrimi, in dem neben vielem anderen eher Unschönen der Mord an der Frau aufgeklärt wird, die vielleicht Anna hieß, kein sonderliches Talent fürs Wohlfühlfernsehen hat, sollte sich herumgesprochen haben. Insofern braucht es eigentlich sowieso keine Triggerwarnung vor Florian Oertels „Sie haben Namen“, dem neuen Fall für Lina Beckmann und Anneke Kim Sarnau. Sie tauchen nun zum siebten Mal gemeinsam als Kommissarinnen Melly Böwe und Kathrin König ab in den meistens männergemachten moralischen Morast oben im Nordosten – und kommen sich nicht nur, weil es da so kalt ist, allmählich aus weiter Ferne sehr nah.

Damit sich nicht Menschen in ihre Geschichte verlaufen, die besser im ZDF-Herzkino oder beim Münsteraner „Tatort“ in der Mediathek aufgehoben wären, haben Oertel, der das Drehbuch schrieb, und Regisseurin Franziska Schlotterer Annas Geschichte eine Ouvertüre vorangestellt. Da sieht man ein, man kann es nicht anders sagen, vertiertes Mädchen. Abgemagert, offensichtlich misshandelt, auf den Knien. Dass sie den Kleiderhaken abgenagt hat, sagt einer der beiden Männer auf Russisch. Hält ihr was zu essen vor. Sie beißt danach wie ein Hund. Dass sie es sich verdienen muss, sagt der Mann und lacht. Womit sie es sich verdient, braucht man nicht zu sehen.

Man sieht sowieso nicht viel von der Gewalt, die in „Sie haben Namen“ ausgeübt wird. Sie bildet den blutigen Untergrund einer Geschichte, in der es um Frauen in der Gewalt eines kriminellen Netzwerks geht, dessen Fäden von unsichtbaren osteuropäischen Frauenhändlern gezogen und zwischen Schwerin und Rostock zusammengehalten werden von scheinbar honorigen Bürgern, in deren Mitte der nicht sehr honorige, dafür sehr misogyne und skrupellose Immobilienspekulant und Bordellbetreiber Mischke steckt.

Unterwegs im Rotlichtmilieu: Anastasiia Mazahara (M.) ist Natasha, Lina Beckmann (l.) ist Melly Böwe und Anneke Kim Sarnau Kathrin König

Den Prostituierten seines „Golden Cherries Club“ verlangt er ständig mehr Kunden ab. Um einigermaßen selbst etwas vom eingenommenen Geld zu haben, wird irgendwann ausgerechnet, muss jede der von Mischke zur Sexarbeit gezwungenen Frauen zehn Freier am Tag über sich ergehen lassen. Wer das nicht schafft, dem droht er mit einer Verbringung in den Osten, wo ihm die „lahmen Stuten“ abgenommen und anschließend „zu Tode geritten“ werden.

Als er sich Böwe und König gegenüber als Bewahrer der Selbstbestimmung der Frau verkauft, überkommt die beiden ein geradezu heiliger Zorn. Ein Rechtsanwalt und ein international arbeitender Steuerberater halten gemeinsam mit Mischke Anteile am Netzwerk. Und Jan Jürgens, der ist praktischerweise der fürs organisierte Verbrechen zuständige Staatsanwalt in Schwerin. Der hat Melly Böwe vor Jahren vergewaltigt.

Torsten Merten gibt ihn mit einer noch größeren Schmierigkeit als jenen Leipziger Stadtrat Stiglitz, der in „Bach – ein Weihnachtswunder“ den großen Johann Sebastian noch vor Vollendung des Weihnachtsoratoriums aus dem Amt jagen will. Das macht Merten derart perfekt, dass man am Ende, als er wider Erwarten überlebt, seinen Flachbildschirm ohrfeigen möchte.

Oertel führt sorgfältig und sinnfällig Böwes und Königs Subgeschichten fort. Verstrickt ihren Kollegen Pöschel als glaubwürdig verliebten Galan ins Gewerbe, weist ihrem verbitterten, versehrten Kollegen Thiesler den Weg in ein paramilitärisches und angedeutet rechtsextremes Netzwerk von sich abgehängt glaubenden ehemaligen Staatsdienern.

Durchs Schlüsselloch auf die Freier

Vor allem aber zeigen Oertel und Schlotterer ohne jede klischierende Tünche die Wirkweise und die Auswirkungen dessen, was Männer im Milieu mit Frauen machen. Mit Realismus, mit kaltem Blick, mit derselben Gnadenlosigkeit tun sie das, wie Männer wie Mischke in der wahren Wirklichkeit mit Frauen umgehen. Dass sie dabei mit „Sie haben Namen“ nicht einmal in die Nähe eines moralisch aufgeladenen Beitrags für einen der furchtbaren Themenabende geraten, kann man ihnen gar nicht hoch genug anrechnen.

„Euch wird’s immer geben“, sagt ein anderer Mann im Video, das sich die Rostocker Kommissare gemeinsam am Ende erschüttert ansehen, bevor sie wieder in ihre jeweiligen Subgeschichten abbiegen, „selbst in der idealen Welt gibt’s immer Nutten. Weil der Mensch vom Tier abstammt, weil es diesen Trieb gibt, und den wird nie jemand beherrschen können.“

Das ist keine Fiktion, wie schon das erwähnte Zitat des Manns mit den Socken keine war. Das sind, sagt Florian Oertel, Fundstücke aus Freierforen. Oertel und Schlotterer schauen, das ist das Brutalste fast an diesem brutalen Film, „durchs Schlüsselloch auf die Freier“ (Oertel). Und man darf einigermaßen sicher sein, dass es nicht die schlimmsten sind. Man kann dabei schon einen heiligen Zorn aufs eigene Geschlecht entwickeln.

Ein paar Worte noch zum „Polizeiruf“ und überhaupt zum Umgang der Öffentlich-Rechtlichen mit dem Sonntagabendkrimi, ihrem angeblichen Aushängeschild in Sachen Fernsehqualität, aus dem Osten. Auch über den kann man gegenwärtig einen heiligen Zorn entwickeln. Die Mittel wurden so weit zusammengekürzt, dass immer weniger Drehtage zur Verfügung stehen, Szenen und Drehorte danach ausgesucht werden, ob beim Dreh Parkgebühren anfallen oder nicht. Mit dem, was Streamer pro Serie im Durchschnitt investieren, darf man das schon lange nicht mehr vergleichen.

Statt zwei Rostocker Fällen gibt es nur noch einen. Was die von Anfang an gepflegte horizontale Erzählweise – Rostock war dabei ein Pionier am Sonntagabend – fast unmöglich macht, weil man als Zuschauer schon zumindest eine Ahnung haben muss, welcher Subplot hier wie weitergeführt wird. Und weil jeder Drehbuchautor ins dramaturgische Dilemma zwischen zu viel und zu wenig Erzählen von Vorgeschichten gezwungen wird. Aber man will ja nicht meckern. Den Rostocker „Polizeiruf“ gibt’s ja immerhin noch.

Die große Angst vor der Schlange

In Magdeburg pausiert der „Polizeiruf“ demnächst. In Halle gibt’s gar keinen mehr. Das fanden Peter Kurth und Peter Schneider, die eminente, grandiose, berührende Kommissare waren, und Regisseur Thomas Stuber und sogar Drehbuchautor Clemens Meyer, die ein Traumproduktionsduo waren, doof. Mindestens kurzsichtig fand Claudia Michelsen ihre Frühberentung als Magdeburger Kommissarin Doreen Brasch. Die überwältigende Mehrheit der Zuschauer war der gleichen Meinung. Die Verantwortlichen beim MDR hat das aber genauso wenig interessiert wie das verheerende Echo auf die Ankündigung, auch in Dresden demnächst das „Tatort“-Kommissariat für unabsehbare Zeit zu schließen.

Das kann man natürlich mit finanziellen Engpässen rechtfertigen. Allerdings nur, wenn man statt begeistert vom Fernsehmachen zu sein und eine Verantwortung zu empfinden für den Zuschauer und die Pflege und Fortführung der Geschichte eines Herzstücks seines Programms einen Rechenschieber da hat, wo andere Intendanten ein Hirn und ein Herz haben. Eigentlich aber ist es eine Publikumsbeleidigung, ein Hohn für alle Gebührenzahler, eine Fahrlässigkeit und Kulturlosigkeit.

Der Osten Deutschlands, der unterrepräsentiert ist, wird für im Durchschnitt mindestens sieben Millionen Haushalte, die sich regelmäßig ans letzte Lagerfeuer des Fernsehens setzen, ausgerechnet von jenen von der medialen Landkarte gelöscht, die doch für sein Sichtbarsein verantwortlich sein sollten.

Ein Verdacht liegt nahe. Dass man sich in der Leipziger Zentrale nämlich aus Angst vor der Schlange – gerade die Rostocker Sonntagabendkrimis machten aus ihrer Haltung zur AfD keinen Hehl – als öffentlich-rechtliches Kaninchen erst selbst klein und gleich vorsichtshalber den Garaus macht. Bevor es uns jetzt überkommt, ein legendäres Zitat Max Liebermanns von uns zu geben, freuen wir uns auf den nächsten Dresdner „Tatort“ irgendwann Ende des Jahres. Solange es ihn noch gibt.

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