In der Debatte um die Höhe des Krankenstandes in Deutschland warnen die Hausärzte die schwarz-rote Koalition davor, die Krankschreibung per Telefon wieder abzuschaffen.
„Alle bisherigen Auswertungen der Krankenkassen bestätigen, dass die telefonische Krankschreibung nicht zu einem höheren Missbrauch bei Krankschreibungen führt“, sagte der Vorsitzende des Hausärzteverbandes, Markus Beier, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Wer die telefonische Krankschreibung abschafft, der trägt die Verantwortung dafür, dass sich in Zukunft wieder unzählige Patientinnen und Patienten ohne Not in die Praxen schleppen müssen“, mahnte der Mediziner.
Auch die mitregierende SPD lehnt es mittlerweile ab, telefonische Krankschreibungen abzuschaffen. Sie entlaste Hausarztpraxen, schütze Patienten vor unnötigen Ansteckungsrisiken und sichere eine niedrigschwellige medizinische Versorgung, sagte der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Bundestag, Christos Pantazis. „Wer diese Regelung pauschal infrage stellt, ignoriert die Realität in den Praxen und riskiert zusätzliche Bürokratie, Wartezeiten und Fehlsteuerungen.“
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hatte am Samstag bei einer Wahlkampfveranstaltung in Baden-Württemberg den aus seiner Sicht zu hohen Krankenstand der Deutschen kritisiert. Im Schnitt kämen die Beschäftigten in Deutschland auf drei Wochen Krankschreibung.
Als Ursache hierfür sieht Merz auch die Möglichkeit, sich telefonisch krankschreiben zu lassen. Diese Möglichkeit war 2021 während der Corona-Pandemie geschaffen worden, der frühere Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) etablierte sie dauerhaft. Am Montag kündigte Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) eine Überprüfung der telefonischen Krankschreibung an.
Beier sprach hingegen von einem bewährten Instrument zum Bürokratieabbau. „Sie entlastet unsere Praxen und schützt unsere Patientinnen und Patienten vor Ansteckungen im Wartezimmer“, sagte er dem RND und versicherte: „Sie ist kein regelfreier Raum, wie gerne behauptet wird.“
Das Problem seien die Langzeitkranken, mahnt Baier
Der Verbandschef warf den Arbeitgebern vor, deren Forderung nach Abschaffung der Telefon-Krankschreibung habe keine belastbare Grundlage. „Es bleibt nur zu hoffen, dass die Politik sich an die Fakten hält, statt auf das Arbeitgebermärchen hereinzufallen“, sagte er. Beier stellte klar, dass es für die Krankschreibung per Telefon klare Regeln gebe. So müssten die Patienten in der Praxis persönlich bekannt sein. Die Krankschreibung dürfe zudem maximal fünf Tage lang sein.
Probleme sieht Beier nicht bei den kürzeren Krankschreibungen zum Beispiel wegen Atemwegserkrankungen, sondern bei längeren Ausfällen. „Diese Pseudo-Debatte lenkt von den wirklichen Problemen ab“, mahnte er.
Langzeitkrankschreibungen von mehr als sechs Wochen machten zwar nur 3,5 Prozent aller Arbeitsunfähigkeits-Fälle aus, verursachen aber über 40 Prozent der Fehlzeiten. „Wer die Fehlzeiten in Deutschland wirklich reduzieren will, muss bei einer effizienten und therapeutisch sinnvollen Wiedereingliederung ansetzen“, mahnte er. Dazu müsse das sogenannte Hamburger Modell zur schrittweisen Rückkehr in den Arbeitsalltag dringend reformiert werden und verbindlich für alle Arbeitgeber in Deutschland gelten, fordert der Verbandschef.
DAK-Chef Storm für Teilkrankschreibung
DAK-Chef Andreas Storm hingegen bringt erneut eine Teilkrankschreibung ins Spiel. Dieses Instrument, das eingeschränktes Arbeiten erlaubt, habe sich „insbesondere in skandinavischen Ländern bewährt“, sagte der Krankenkassen-Chef am Mittwoch im Bayerischen Rundfunk. Es könne auch hierzulande eingeführt werden, denn es würde die Krankenstandsquote „signifikant“ senken.
Eine Teilkrankschreibung erlaube es Arbeitnehmern, die nicht vollständig arbeitsfähig sind, teilweise zu arbeiten, etwa im Homeoffice oder bei Wiedereingliederung, führte Storm aus. Im europäischen Vergleich sei Deutschland zwar nicht Spitzenreiter, aber im oberen Drittel, was den Krankenstand angehe. Er führte dies teilweise auf die Umstellung zur elektronischen Erfassung der Krankenstände zurück, die eine genauere Datenerhebung ermögliche.
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